
Nelken sind die schnellsten Artentwickler
Das berichten Luis Valente vom Königlichen Botanischen Garten in Madrid und britische Kollegen in einer Studie.
Die Studie "Unparalleled rates of species diversification in Europe" ist in den "Proceedings of the Royal Society: Biology Letters" erschienen (sobald online).
Hot Spots in den Tropen und auf Inseln
Artenvielfalt und Biodiversität haben sich in manchen Gebieten der Erde äußerst schnell entwickelt - zumindest, wenn man evolutionäre Zeiträume als Maßstab nimmt. Eine rasche Ausdifferenzierung von Arten ist bisher vor allem von zwei Regionen bekannt und dokumentiert: vom Äquator und von Insel-ähnlichen Umgebungen.
In den Tropen gehören etwa die Lupinen und Kranzenziane zu den Pflanzengattungen, die sich durch eine besonders große Artenvielfalt auszeichnen und diese auch in vergleichsweise kurzen Zeiträumen entwickelt haben. Auf Inseln zählen Heben und Natternköpfe dazu, am Kap von Südafrika Mittagsblumengewächse.
Tropen, Inseln und das südafrikanische Kap sind somit die "Hot Spots" - nicht nur - pflanzlicher Artenvielfalt. Aus diesem Grund haben sich Studien zur Rate der Artentstehung bisher auch eher auf diese Regionen spezialisiert, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Ausgerechnet Europa, der prinzipiell sowohl geologisch als auch botanisch bestuntersuchte Kontinent, sei dabei bisher ausgespart worden.
Nelken in Europa untersucht
Um das zu ändern, haben sich Valente und seine Kollegen der Nelke angenommen: Dianthus, wie sie mit ihrer Fachbezeichnung heißt, ist laut dem internationalen Gartenbauverband AIPH unter Blumen die zweitwichtigste Kulturpflanze überhaupt. Rund 300 Arten wurden in Eurasien und Afrika gezählt, etwa 100 innerhalb von Europa. In erster Linie kommen Nelken in gemäßigten Temperaturzonen vor, nur sechs Arten sind aus den Tropen bekannt.
Mit einer Reihe von phylogenetischen Methoden haben die Forscher nun die Abstammungsverhältnisse der Nelken in Europa untersucht. Es zeigte sich, dass die meisten von ihnen einer besonders artenreichen Linie angehören, die sich erst in den vergangenen ein bis zwei Millionen Jahren ausdifferenziert hat.
Nur Barsche waren noch schneller
Im Durchschnitt verlief die Artenentwicklung bei den Nelken "schneller" als bei den bisher bekannten Rekordhaltern, wie den Lupinen in den Tropen oder den Heben auf Inseln. Selbst gegenüber einer Brillenvogelgattung (Zosterops), der "schnellsten" bei der Artentfaltung unter Wirbeltieren, erwies sich die Nelke als überlegen. Nur im Vergleich mit bestimmten Barschen im afrikanischen Victoriasee war sie "langsamer".
Mit durchschnittlich 2,2 bis 7,6 neu entwickelter Arten pro Millionen Jahre sei ihre Gruppe jene mit der höchsten Diversifikationsrate aller bisher untersuchten Pflanzen und landbewohnenden Wirbeltiere, betonen die Forscher.
Europa als Zentrum für die Evolution neuer Arten sei bisher unterschätzt worden und in mancher Hinsicht mit tropischen Regenwäldern oder Inseln im Ozean durchaus vergleichbar.
Lukas Wieselberg, science.ORF.at
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