
Drachen und Ungeheuer: Arten, die es nie gab
Expedition Tatzelwurm
Der Tatzelwurm gilt als gefährliches Wesen: Menschen und Tiere soll die drachenähnliche Kreatur schon angefallen haben. Das angeblich bis zu zwei Meter lange Tier wird auf Zeichnungen mit schuppiger Haut, langer Zunge und zwei kleinen Vorderbeinen dargestellt. Es soll im Alpenraum leben und so heiß sein, dass Sand unter seinem Körper zu Glas wird.
Das Tier bietet Stoff für Rittergeschichten und Kinderbücher, doch im Sommer dieses Jahres wird sich eine Expedition in Österreich auf die Spuren des Fabelwesens begeben. Die Teilnehmer sind so genannte Kryptozoologen. So heißt das Fach derer, die Hinweisen nach geheimnisvollen Tieren nachgehen, darunter befinden sich neben dem Tatzelwurm auch Yeti, Bigfoot und Nessie.
Wissenschaftliche Grauzone
Organisiert wird die „Expedition Tatzelwurm“ vom deutschen Hobby-Kryptozoologen Michael Schneider, dessen Interessensgemeinschaft Kryptozoologie bereits 2006 und 2007 eine solche durchgeführt hat. Schneider spricht von einer „Forschungsreise“, bei der es darum geht „Daten zu sammeln“. Er erwartet nicht, das legendäre Fabelwesen tatsächlich zu Gesicht zu bekommen. In erster Linie wolle man Legenden aus der Bevölkerung zusammentragen – aber auch den vermeintlichen Lebensraum des Drachens untersuchen.
Ob es sich bei der Kryptozoologie um einen erst zu nehmenden Zweig der Zoologie handeln könnte oder um unwissenschaftliche Zeitverschwendung, darüber gehen die Meinungen auseinander. Laut dem französischen Wissenschaftssoziologen Pierre Lagrange liegt die Kryptozoologie an der Grenze zur normalen Wissenschaft. Viele Arbeiten seien zwar unseriös, aber es habe auch immer wieder ernsthafte Versuche gegeben, die Kryptozoologie als Disziplin zu etablieren.
Sammlung in Lausanne

Das Magazin „Kraken“ widmet sich der Kryptozoologie aus Sicht der Geschichte, Soziologie und Wissenschaftstheorie. Die meisten Artikel erscheinen auf Französisch, manche auf Englisch. Zusammenfassungen gibt es in beiden Sprachen.
Die Inhalte teilen sich in drei Schwerpunkte: dem Leben und der Arbeit Bernard Heuvelmans, kryptozoologischen Rätseln und dem wissenschaftlichen Status der Kryptozoologie, der Kontroversen darüber und ihrer Geschichte.
Als Begründer der Kryptozoologie gilt der Zoologe Bernard Heuvelmans. Er gründete auch die Internationale Gesellschaft für Kryptozoologie. Sie bestand von 1982 bis 2005, löste sich jedoch auf, nachdem Heuvelmans und andere leitende Mitarbeiter starben.
Heuvelmans hat seine kryptozoologische Sammlung dem Zoologischen Museum in Lausanne vermacht, das nun eine eigene Abteilung dafür hat und gelegentlich Exponate ausstellt. Laut Kurator Olivier Glaizot handelt es sich dabei hauptsächlich um Manuskripte und Bücher, die Heuvelmans in über 40 Jahren zusammengetragen hat. Felle oder Gipsabrücke von Fußspuren hätten sich jedoch als gefälscht herausgestellt. Glaizot hat gemeinsam mit Lagrange die kryptozoologische Fachzeitschrift "Kraken" ins Leben gerufen. Bisher gibt es davon zwei Ausgaben.
Schlechtes Image
Aber auch die aktiven Kryptozoologen haben ihre eigene Zeitschrift, den „Fährtensucher“. Herausgegeben wird die Publikation vom Organisator der Tatzelwurm-Expedition Michael Schneider. In seinem Twilight-Line-Verlag erscheinen auch Romane aus dem Gebiet der Krypto-Fiction, Krimis, Horrorbücher und erotische Literatur.
Schneider will die Kryptozoologie aus dem pseudowissenschaftlichen Dunstkreis herausholen. Er spricht von einer kryptozoologischen Methode: Diese berücksichtige vor allem Hinweise in der Bevölkerung auf der Suche nach den Unbekannten. „Zoologen finden Tiere eher durch Zufall, wir versuchen Tiere aus den Indizien herauszuarbeiten und festzustellen, ob es real oder ein Mythos ist“, sagt Schneider. Immerhin habe man auch um 1900 noch viele Tierarten entdeckt, von denen man vorher nur Gerüchte oder Spuren kannte.
Das schlechte Image bemängelt auch der Hobbykryptozoologe Markus Hemmler, der eine eigene Webseite zum Thema betreibt. Auch manche Zoologen würden sich mit geheimnisvollen Tieren beschäftigen, sich aber nicht offen als Kryptozoologen bezeichnen. Andererseits sei es auch kein anerkanntes Fach der Zoologie und daher könne sich jeder Kryptozoologe nennen.
Humbug …
Kaum ein gutes Haar an dieser Disziplin lässt Biologe und Autor Mario Ludwig, der vor einigen Jahren ein Buch über Fabelwesen geschrieben hat. Er nimmt die Kryptozoologen nicht sehr ernst. Das Ganze sei keine seriöse Wissenschaft, nur wenige Zoologen würden sie ernsthaft betreiben und Filme und Fotos von Yetis und Bigfoots wurden schlicht als Fälschungen entlarvt. „Man könnte daran glauben, wenn man Haarproben oder ein Skelett gefunden hätte, aber es gibt keine Beweise“, sagt Ludwig.
Menschen erfinden aus zwei Gründen immer wieder Fabelwesen, wie er sagt: Zum einen fand man im Lauf der Geschichte Überreste von Tieren, die man noch nicht kannte. In der Phantasie der Menschen wurden dann aus Narwalzähnen Einhörner oder aus Mammutknochen jene von Riesen. Die in Deutschland gefundenen Fossilien eines Riesensalamanders wurden vom Entdecker Johann Jakob Scheuchzer irrtümlich als Knochen eines in der Sintflut ertrunkenen Menschen interpretiert.
Der zweite Grund für solche Erfindungen laut Ludwig: Menschen glauben gerne an etwas Übernatürliches. So wurden zum Beispiel die afrikanischen Berggorillas zunächst für frauenraubende Ungeheuer gehalten und die Sirenen aus Homers Odyssee hätten sich später als Seekühe entpuppt.
… oder Ernst
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer Serie zum Jahr der Biodiversität, dass die Vereinten Nationen heuer ausgerufen haben. Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten es mit Schwerpunkten.
Webseite der UN zum internationalen Jahr der Biodiversität
Hierzulande haben das Lebensministerium und das Umweltbundesamt eine Informationsplattform zum Thema Biodiversität eingerichtet.
Was kurios anmutet, hat aber durchaus auch seine ernste Seite. Laut Konrad Fiedler vom Zentrum für Biodiversität der Universität Wien liegt die Disziplin zwar im Grenzbereich zu einer ernst zu nehmenden Wissenschaft, doch auch Zoologen fragen sich, was hinter den Gerüchten um geheimnisvolle Wesen steckt.
Um die Vorhaben zu beurteilen, ist laut Fiedler entscheidend, wie groß die Chancen sind, noch etwas zu entdecken: „Der 500. Versuch, einen Yeti zu finden, ist wahrscheinlich sinnlos, aber beim ersten, zweiten Versuch nach Hinweisen auf ein neues Tier würde ich schon sagen, warum nicht.“ Doch die Chancen, ein bisher noch unbekanntes großes Tier zu finden, seien generell gering. Dem stimmt auch Ludwig zu; bestenfalls in der Tiefsee oder im tropischen Regenwald könnte vielleicht noch eine derartige Überraschung lauern.
Heuvelmans, den Begründer der Zoologie, bezeichnet Ludwig als „Einäugigen unter den Blinden“. Auch Lagrange zufolge hätte sich Heuvelmans darum bemüht, die Kryptozoologie als ernsthaften Zweig in der Zoologie zu etablieren. Zwar sei Heuvelmans mit diesem Ziel gescheitert, doch seine Arbeit sei von Zoologen zum Teil durchaus anerkannt worden.
Unbekannte Felle
Neue große Tierarten werden heute zwar kaum mehr entdeckt, aber Überraschungen gibt es Fiedler zufolge immer wieder. So seien etwa in Vietnam nach der Öffnung in den neunziger Jahren mehrere große Säugetiere (wieder) entdeckt worden, etwa das Java-Nashorn oder eine Antilopenart. Teile der Tiere hat man zuvor bereits auf Märkten gefunden.
Das Urteil des Zoologen Fiedler zur Suche nach dem Unbekannten fällt zwiespältig aus: „Krytopzoologie nehmen wahrscheinlich nur die ernst, die sie betreiben, aber man darf sich auch nicht darüber lustig machen.“ So sei auch das Okapi vor etwas mehr als hundert Jahren noch unbekannt gewesen. Zunächst kannte man nur Felle und es dauerte einige Zeit, bis ein Tier geschossen oder gefangen werden konnte – zumindest aus Sicht der westlichen Welt, denn Pygmäen haben das Tier Fiedler zufolge sehr wohl gekannt und auch gejagt.
Einheimischen seien Teile von geheimnisvollen Tieren oft bekannt. So wurden etwa Schuppen des Quastenflossers als Schmirgelpapier verwendet, sagt Fiedler. Wissenschaftler stellten dem Tier jedoch Jahrzehnte nach, bis sie endlich Fotos und Filmaufnahmen von einem lebenden Exemplar ergatterten.
Pseudokryptozoologie
Nicht immer geht es Kryptozoologen nur um Unbekanntes und Fabelwesen. Sie suchen auch nach vermeintlich ausgestorbenen Arten. Objekte des Begehrs sind hier zum Beispiel der Beutelwolf auf Tasmanien oder der Elfenbeinspecht in den Wäldern am Golf von Mexiko.
Doch selbst unter Kryptozoologen scheint nicht ganz klar zu sein, ab wo es unwissenschaftlich wird. Laut Schneider versuchen echte Kryptozoologen Fabeln, Hinweise und Gerüchte zu widerlegen oder eben ein Tier dazu zu finden. Menschen, die stundenlang am Loch Ness sitzen und auf Nessie warten oder dem amerikanischen Bigfoot nachspüren, bezeichnet er als nicht ernst zu nehmende Pseudokryptozoologen.
Mark Hammer, science.ORF.at


