
Obama stutzt NASA die Flügel
Obama ist der Schlussfolgerung einer von ihm eingesetzten Kommission gefolgt, dass sich die NASA die Verwirklichung der Vision von neuen bemannten Missionen weit über den niedrigen Erd-Orbit hinaus derzeit einfach finanziell nicht leisten kann.
Privatfirmen sollen Raumfahrzeuge bauen
Aus ist der Traum, jedenfalls auf lange Sicht - das ist zweifellos ein Schlag für die NASA. Sie hatte sich von ihrem Constellation-Programm mit der Entwicklung einer neuen Rakete eine neue Bestätigung ihrer Führungsrolle im Weltraum-Design und bei der Eroberung des Alls versprochen.
Stattdessen sollen nun Privatfirmen mit finanzieller Unterstützung der NASA Raumfahrzeuge entwickeln, die dann erst einmal die dringendste Aufgabe zu erledigen haben: den sicheren Transport von Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS, damit die NASA nach der geplanten Stilllegung ihrer veralteten Shuttles möglichst rasch unabhängig wird vom Mitreisen an Bord von Sojus-Kapseln.
Das heißt, NASA-Astronauten werden künftig sozusagen nicht ins eigene Vehikel einsteigen, sondern ein Taxi nehmen müssen: Das ist in der Tat eine dramatische Abkehr von der Art und Weise, wie die NASA bisher operierte. Statt selbst zu entwickeln und zu bauen, praktisch über jede Schraube, jeden Bolzen zu entscheiden, gerät sie nun beinahe in eine Zuschauerrolle.
Kritik von NASA und Republikanern
So waren denn auch die ersten Reaktionen heftig, scharf und empört. Der frühere NASA-Chef Michael Griffin, der es sich nun erlauben kann, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, sprach vielen aus der Seele: "Die USA haben sich dafür entschieden, dass sie in der absehbaren Zukunft kein bedeutender Spieler auf dem Feld der Raumfahrt mehr sind."
Auch eine Reihe von Republikanern vor allem aus Wahlkreisen, denen das Constellation-Programm Jobs bescherte, kündigte Widerstand im Kongress an. Von einem kurzsichtigen Schritt sprachen sie, von einer düsteren Zukunft für die NASA, sollte Obama seinen Willen bekommen.
"Ich rufe den Präsidenten dringend dazu auf, den Versuch aufzugeben, die Rolle der bemannten Raumfahrt bei der NASA zu beschneiden", so der Abgeordnete Pete Olson aus Texas.
Vergisst Obama den Mythos des Weltalls?
Obama folgt mit seinem neuen Ansatz Grundkonzepten aus der Privatindustrie: Er verspricht sich Spitzenleistungen und Tempo durch finanzielle Anreize, Wettbewerb und internationale Zusammenarbeit. Das mag sinnvoll sein, aber gerade bei der Raumfahrt geht es immer auch noch um etwas anderes: um Visionen, das Wachhalten wissenschaftlicher Neugier, von Begeisterung und Pioniergeist.
Shuttle-Flüge zur ISS und Weltraumspaziergänge zur Montage neuer Teile und Ausrüstung können das nur begrenzt bewirken, die meisten Bürger nehmen sie mittlerweile nicht einmal mehr zur Kenntnis. Sie langweilen sich.
Als Präsident George W. Bush das Constellation-Programm aus der Taufe hob, ging es nicht nur um den nötigen Ersatz für die Shuttle: Es ging auch um eine neue Aufbruchsstimmung nach der Columbia-Katastrophe 2003 - ein Griff nach den Sternen als Rezept gegen die Niedergeschlagenheit, ein Kampfruf nach dem Motto: Wir sind immer noch wer.
Bereits neun Milliarden Dollar ausgegeben
Nun bremst Obama all das, wenn er auch selbst ein erklärter Anhänger der Weltraumforschung ist, sucht er pragmatischere Ansätze. Allerdings hat die NASA bereits neun Milliarden Dollar für das Constellation-Programm ausgegeben, der erste Testflug einer Ares-Rakete kürzlich verlief erfolgreich.
Das wird ihm das Durchfechten seines Plans nicht erleichtern. Und jenseits aller Sparzwänge und parteipolitischer Differenzen sind sich die Kongressmitglieder immer noch am ehesten einig, wenn es um den nationalen Stolz geht. Wer der NASA die Flügel stutzt, rührt an einer Institution.
Gabriele Chwallek, dpa


