Historiker kritisieren Staatsbürgerschaftstest
Nikolaus Reisinger vom Institut für Geschichte der Universität Graz spricht sich generell für die Streichung des Prüfungsverfahrens aus.
Kaiser Karl I. hat gar nicht auf Thron verzichtet
"Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet. Der Erste Weltkrieg brach aus, der 1918 mit der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns endete": So wird in den vom Innenministerium zur Verfügung gestellten Lernunterlagen für den im Jahr 2006 eingeführten Einbürgerungstest beispielsweise der Erste Weltkrieg behandelt.
Im Anschluss ist zu lesen, dass Kaiser Karl I. "auf den Thron verzichtet" habe - wiewohl er tatsächlich nur auf die Teilnahme an den Regierungsgeschäften verzichtet hat.
Verkürzungen und Monokausalitäten
"Verkürzung, begriffliche Fokussierung und die daraus folgende monokausale Erklärung des 'Ausbruchs' des Ersten Weltkrieges spiegeln in dieser Form ein Geschichtsbild wieder, das eindeutig einer überholten Geschichtsauffassung verpflichtet ist und als Erklärungsmodell in keiner Weise dem rezenten Forschungsstand entspricht. Der 'Thronverzicht' ist schlichtweg falsch", so Reisinger.
Er hat gemeinsam mit Andrea Stangl, Michael Hauer, Alexander Berghold und Maria Scheer die Lernunterlagen - 14 Seiten für die Geschichte Österreichs vom Jahr 996 bis heute - analysiert und ist auf eine ganze Reihe inhaltlicher Mängel gestoßen.
Alternatives Lernsystem vorgelegt
Nach Ansicht der Grazer Historiker und Historikerinnen ist das bestehende Testsystem eine "Missachtung sämtlicher lernpsychologischer, pädagogischer und didaktischer Erkenntnisse. Ein historisches Verstehen kann so wohl kaum erreicht werden".
Sie haben eine Alternative zum derzeitigen System, das in einem Multiple-Choice-Test endet, entworfen: In einem modular aufgebauten, halbjährigen Kurs sollen die Teilnehmer staatsbürgerliche Grundkenntnisse erwerben aber auch ihre Erfahrungen im Integrations-und Einbürgerungsprozess kritisch reflektieren können. Am Ende steht kein Test, sondern ein Abschlussgespräch.
science.ORF.at/APA


