
Verborgene Vielfalt
Perlen aus dem Bach nebenan
Wenn Europas Handwerker und Goldschmiede vor einigen Jahrhunderten edle Kirchengewänder und Kaiserkronen mit Perlen verzierten, mussten sie diese nicht erst aus Meeresgebieten importieren. Den Schmuck lieferte die in europäischen Bächen lebende Flussperlmuschel.
Noch vor hundert Jahren wurde die Muschel geerntet, und im Wald- und Mühlviertel hatten sich Perlmuttfabriken darauf spezialisiert, ihre Schalen zu verarbeiten. Mittlerweile ist die Muschel jedoch zu selten, um diese Industrie zu tragen. Österreichs letzte Perlmuttdrechslerei in Felling in der Nähe des Nationalparks Thayatal bezieht ihre Rohstoffe heute aus Übersee.
Saubere Flüsse, falsche Forellen
Die Vereinten Nationen haben 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten es mit Schwerpunkten.
Lebensministerium und Umweltbundesamt haben eine Informationsplattform zum Thema Biodiversität eingerichtet.
In den Roten Listen der Weltnaturschutzunion wird die Muschel als gefährdet geführt. Sie brauchte saubere Bäche und Sedimente. Solche würden durch eingeschwemmte Nährstoffe aus der Landwirtschaft jedoch immer seltener, sagte Bernhard Kohler vom WWF.
Dass die Flussperlmuschel so selten geworden ist, hat noch einen zweiten Grund: Die Fischerei hat hierzulande Regenbogenbogenforellen ausgesetzt, die heimische Bachforelle wurde immer seltener. Genau diese braucht aber die Flussperlmuschel: Ihre Larven setzen sich für einige Zeit in den Flossen der Bachforelle fest, fallen - ohne den Fischen zu schaden - wieder heraus und entwickeln sich im Sediment weiter. Das funktioniert bei der Regenbogenforelle nicht.
Laut Kohler gibt es nur noch wenige Flüsse, in denen die Flussperlmuschel vorkommt. Ob die Bestände dort überlebensfähig sind und die Muscheln noch ihr theoretisches Alter von bis zu 100 Jahren erreichen, sei nicht sicher.
Der Wert des toten Holzes
In den Jahren 2009 und 2010 läuft die Kampagne "vielfaltleben" von WWF, Naturschutzbund, BirdLife und Lebensministerium. Die Kampagne will Bewusstsein für biologische Vielfalt schaffen und mehr als 100 Arten durch Projekte schützen. 21 bedrohte Tiere und Pflanzen wurden als Leitarten ausgewählt und stehen jeweils für bestimmte Lebensräume oder Naturschutzthemen.
Die Flussperlmuschel ist eine der 21 Leitarten der Kampagne "vielfaltleben", die den Artenschutz in Österreich fördert. Eine zweite ist der Alpenbock. Er lebt in naturnahen Buchenwäldern und ist deshalb selten geworden, weil ihm durch die Forstwirtschaft totes Holz abhandenkommt, in dem die Weibchen ihre Eier ablegen.
Fehlen abgestorbene Baumstämme, nutzen die Käfer dafür auch gelagerte Baumstämme der Forstwirte. Wird das Holz abtransportiert, verlieren die Tiere ihre Nachkommen. Um die Art zu schützen, müssten Totholzreservate eingerichtet werden, in denen der Wald weniger intensiv genutzt wird.
Nützliche Jäger
Bei vielen Wirbellosen wie den Insekten wüssten die Wissenschaftler oft noch gar nicht, ob die Art nützlich oder schädlich sein kann, sagte der Innsbrucker Ökologe Michael Traugott. Er untersucht Nahrungsnetze, Nützlinge und Schädlinge in der Landwirtschaft. Manches vielleicht abstoßend erscheinende Tier ist für diese oft hilfreich. Gerade Spinnen und räuberische Laufkäfer halten Traugott zufolge landwirtschaftliche Schädlinge im Zaum.
Dabei muss die Rolle der nützlichen Arten über das Jahr und über mehrere Lebensräume hinweg beurteilt werden. Zum Beispiel sitzen schädliche Blattläuse nicht nur im Sommer am Getreide, sondern auch im Frühjahr in den Hecken. Ein die Blattläuse bekämpfendes räuberisches Insekt muss also nicht unbedingt im Acker wohnen, um für die Landwirtschaft nützlich zu sein.
Unerforschte Pilze
Von totem Holz in Wäldern profitieren aber nicht nur Insekten wie der Alpenbock. Auch Pilze sind oft auf die alten Baumstämme angewiesen. Wie gefährdet Pilze sind, lässt sich Kohler zufolge jedoch nur schwer beurteilen. Was wir als Schwammerl kennen, ist nur der Fruchtkörper der Pilze. Die meiste Zeit leben sie verborgen im Boden. Viele Arten bilden nur alle paar Jahre einen Fruchtkörper. Dementsprechend schwierig ist es, das Vorkommen und damit die Gefährdung der Pilze zu erfassen - erst recht bei Arten, die nur in mikroskopischen Dimension vorkommen.
Wer mehr über das Vorkommen von Pilzen in Österreich wissen will, kann in der Pilzdatenbank der Mykologischen Gesellschaft stöbern.
Bedroht sind Pilze etwa durch Autoabgase, die in den Boden gelangen, und durch schwere Geräte, mit denen Forstwirte durch den Wald fahren. Mehr als 7.000 Pilzarten gibt es in Österreich, mehr als ein Viertel davon sei gefährdet, sagte Irmgard Greilhuber-Krisai von der Forschungsgruppe für Mykologie am Zentrum für Biodiversität der Universität Wien. Die Mykologin erstellt derzeit eine Rote Liste für Österreichs Pilze. Die letzte ist bereits elf Jahre alt. Laut Greilhuber-Krisai werden solche Roten Listen nur auf eigene Initiative der jeweiligen Experten für bestimmte Artengruppen erstellt.
Pilze sind nicht nur ein Vergnügen für Sammler, sie sind auch für viele Bäume wichtig. Manche Pilze leben in den Wurzeln der Bäume und versorgen sie mit Nährstoffen. Fehlen die Pilze, wachsen diese Bäume schlechter.
Wanderdünen im Marchfeld
Selten ist auch so manches unscheinbare Pflänzchen - ebenso wie der Lebensraum, in dem es vorkommt. Nach der letzten Eiszeit lagerte die March Sand im Marchfeld ab. Daraus bildeten sich Dünen. Noch im Mittelalter soll es regelrechte Wanderdünen gegeben haben. Einer der Gründe dafür waren Schafe, die die Vegetation abgrasten.
Als jedoch die Schafzucht zurückging und Maria Theresia das Gebiet aufforsten ließ, wurden die Dünen immer seltener. Heute existieren in Österreich nur noch Überreste davon; größere Sandflächen blieben in der Slowakei auf einem grenznahen Truppenübungsplatz erhalten. Mit den Dünen verschwinden auch ihre Bewohner - darunter etwa das Silbergras, eine Pflanze, die Temperaturen von bis zu 60 Grad Celsius aushält und ebenfalls eine der Leitarten der Kampagne "vielfaltleben" ist.
"Wie wenn man Wirbeltiere entdeckt"
Aber wie steht es eigentlich um die Vielfalt der kleinsten Lebewesen, der Bakterien und Archaeen? Sie bilden neben Organismen mit Zellkern, zu denen Tiere, Pilze und Pflanzen gehören, die beiden anderen Domänen der Biologie. Laut Michael Wagner von der Abteilung für mikrobielle Ökologie der Uni Wien sind Bakterien die am wenigsten erforschte Gruppe der Lebewesen. Rund 7.000 Arten hat man bisher beschrieben, mehrere Millionen dürfte es weltweit jedoch geben. "In jedem Blumentopf ist mehr Biodiversität zu finden als bei jeder Urwaldexpedition", sagte Wagner. Der potenzielle Nutzen für Medikamente und industriell einzusetzende Enzyme sei riesig.
Der gängigste Artbegriff der Biologie, wonach Individuen derselben Art und ihre Nachkommen sich erfolgreich fortpflanzen können, lässt sich bei den sich asexuell durch Teilung vermehrenden Bakterien nicht anwenden. Hier werden Arten durch physiologische Merkmale oder genetische Ähnlichkeit definiert. Ein Artikel in der Fachzeitschrift "Nature Reviews Microbiology" aus dem Jahr 2008 bietet einen Überblick über Artenkonzepte und Biodiversität bei Bakterien (Abstract).
Die Vielfalt der Bakterien beginnt man laut Wagner derzeit erst zu ergründen. "Während manche Zoologen und Botaniker mit speziellen Organismengruppen vielleicht schon fertig sind, fangen wir erst an", sagte Wagner. Immer wieder finde man derzeit neue "Linien" unter den Mikroorganismen, darunter Spezialisten, die nur in heißen Obsidianquellen oder im Darm von Termiten vorkommen. "Solche Linien zu finden ist so, wie wenn ein Zoologe die Gruppe der Wirbeltiere oder der Vögel entdeckt. Aber Bakterien werden halt nicht nach bunten Federn, nach Farben und Formenvielfalt, sondern nach genetischer Vielfalt eingeteilt", sagte Wagner.
Yellowstone auf dem Hausdach
Da man nur einen keinen Teil der existierenden Bakterien kennt, lässt sich Wagner zufolge auch schwer sagen, wie viele Bakterien bedroht sind. Eine mögliche Gefahr für die Kleinstlebewesen sieht der Mikrobiologe dann, wenn sie sich auf bestimmte Wirte spezialisiert haben. So würden viele Bakterien spezifisch vor allem in manchen Insekten leben. Stirbt das Insekt aus, könnte dieses Schicksal auch das Bakterium treffen.
Generell gibt es laut Wagner zwei Sichtweisen zum Vorkommen der Bakterien: Die eine geht davon aus, dass alle Bakterien überall auf der Welt vorkommen. Welche es in einem bestimmten Gebiet tatsächlich sind, werde durch die Umgebung bestimmt. "In einem heißen Becken am Dach könnten demnach die gleichen Bakterien leben wie im Yellowstone-Nationalpark", sagte Wagner. Eine Bakteriengruppe könne demnach nur dann aussterben, wenn ein bestimmter Lebensraum gänzlich von der Erde verschwindet, was relativ unwahrscheinlich ist.
Nach der zweiten Sichtweise gibt es auch bei Bakterien Endemiten, also Arten, die nur in begrenzten geografischen Gebieten vorkommen. In diesem Sinne könnten wesentlich mehr Bakterien vom Aussterben betroffen sein.
Mark Hammer, science.ORF.at


