Standort: science.ORF.at / Meldung: "Biospritproduktion bedroht indirekt Regenwald"

Ein Mann betankt ein Auto

Biospritproduktion bedroht indirekt Regenwald

Eigentlich ist es gut gemeint: Brasilien will in den kommenden zehn Jahren deutlich mehr Biosprit produzieren. Laut einer aktuellen Studie könnte der verstärkte Anbau von Zuckerrohr (Ethanol) und Sojabohnen (Biodiesel) indirekt aber dazu beitragen, dass mehr Regenwald zerstört wird.

Umwelt 08.02.2010

Rinderzüchter würden dadurch vor allem im Südosten Brasiliens verdrängt werden, prognostiziert eine Forschergruppe um David Lapola von der Universität Kassel.

Die Studie "Indirect land-use changes can overcome carbon savings from biofuels in Brazil" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen.

Sie würden dann in die Nähe des Amazonas-Regenwaldes ausweichen und dort bewaldete Flächen für die Viehhaltung abholzen. Durch diese Umwidmung der Landnutzung werde die Klimabilanz des Biosprits erheblich verschlechtert.

Fläche von halb Deutschland bis 2020

Brasilien ist neben den USA führend bei der Produktion von Ethanol, wobei das südamerikanische Land - anders als die USA - seit Jahrzehnten nicht auf Mais sondern auf die hocheffiziente Zuckerrohrpflanze als Rohstoff setzt. Die Zuckerrohrplantagen liegen aber nicht im Amazonasgebiet, sondern vor allem im Süden und Südosten und auch im Nordosten des Landes.

Zuckerrohr, aus dem auch der landestypische "Cachaca" (Zuckerrohrschnaps) gewonnen wird, wächst derzeit auf etwa 8.000 Quadratkilometer Fläche. Nach offiziellen Angaben könnte diese Fläche aber mehr als verachtfacht werden.

Um das Ausbau-Ziel bis 2020 zu erreichen, prognostizieren die Forscher, dass bei Zuckerrohr 57.200 Quadratkilometer und bei Soja sogar 108.100 Quadratkilometer Fläche hinzukommen müssten. Das wäre zusammen rund die Hälfte der Fläche Deutschlands.

Viehzüchter weichen in Regenwald aus

Zu 88 Prozent würde diese Zusatzfläche aus ehemaligen Viehweiden bestehen. Die Rinderzüchter würden verdrängt und müssten nach der Simulation der Studie 121.970 Quadratmeter Waldfläche abholzen, um neuen Weideplatz für ihr Vieh zu kultivieren.

Der Effekt: Die Biotreibstoffe tragen indirekt zur Regenwaldabholzung bei und die gute Kohlendioxid-Bilanz von Ethanol und Biodiesel wird konterkariert. Zuckerrohr wäre dabei für 41 und Soja für 59 Prozent der "indirekten Entwaldung" verantwortlich.

Die Wissenschaftler rechnen vor, dass man 250 Jahre bräuchte, bis das von der Regenwaldabholzung verursachte Kohlendioxid durch die Vorteile der Biospritnutzung wieder ausgeglichen sei. Allerdings ist es erklärtes Ziel der Regierung in Brasilia, die Abholzung im Amazonas bis 2020 um 80 Prozent zu reduzieren.

Ölpalmen statt Soja?

Als einen Lösungsvorschlag regen die Forscher an, in Brasilien die ertragsreicheren Ölpalmen anstatt Soja anzupflanzen. Damit könnte die für Biodiesel bis 2020 zusätzlich benötigte Fläche von 108.100 (Soja) auf nur 4.200 Quadratkilometer (Ölpalmen) reduziert werden.

Brasilien ist seit Jahrzehnten führend auf dem Gebiet der Biospritherstellung. Über 90 Prozent der in Brasilien verkauften Neuwagen verfügen inzwischen über "Total-Flex-Motoren", die mit einer beliebigen Mischung aus herkömmlichem Benzin und Ethanol fahren.

Ethanol ist inzwischen nach Öl die zweitwichtigste Energiequelle in dem südamerikanischen Land.

science.ORF.at/APA/dpa

Mehr zu dem Thema:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  • solidstate, vor 734 Tagen, 17 Stunden, 27 Minuten

    Nicht nur indirekt, sondern auch ganz direkt, insbesondere in Südostasien.

    • natürlich,

      mantispa, vor 734 Tagen, 17 Stunden, 1 Minute

      die verbrecherische autoindustrie spielt all ihre schandtaten und angestifteten zerstörungen möglichst herunter, färbt sie schön und spielt sich gar als "grün" auf. sie kann das, weil wir als krankhafte auto-narren es ihr ermöglichen und gutheißen.

  • tja

    sphinx1981, vor 734 Tagen, 17 Stunden, 27 Minuten

    das gegenteil von gut ist gut gemeint.

    aber dass weiß mann doch inzwischen seit jahren das der regenwald für biosprit abgeholzt wird und dieses tolle grüne projekt mehr als gescheitert ist.

    • Nicht ganz richtig. Denn primär...

      eudiktator, vor 734 Tagen, 17 Stunden, 11 Minuten

      ...wird der Regenwald zur Futtermittelproduktion abgeholzt damit wir Schnitzel essen können, die oft billiger sind als heimisches Gemüse. Aber bei Leuten deren Weltbild von der Kronenzeitung geformt wird kann man mit dem Biosprit-Thema leider besser punkten. Vor allem in einem Land in dem nicht die Kühe sondern die Kraftfahrzeuge heilig sind. "science@orf" darf man übrigens auch nicht mit dem "science magazine" verwechseln.

    • jim99, vor 734 Tagen, 10 Stunden, 10 Minuten

      Typische Strategie von Ideologen. Ablenken auf ein anderes Thema, um die eigene Sauerei möglichst im Dunkeln zu lassen.

      Nein, nein, es ist schon Tatsache, daß für Palmöl halb Indonesien abgeholzt wurde und wird.

    • diese idiotischen politiker

      mantispa, vor 733 Tagen, 14 Stunden, 52 Minuten

      sägen den eigenen ast ab (bras., indon. malaysia ...), nur um ein paar jahre sich als (regionale) "macht" aufzuspielen - bis zum öko-zusammenbruch und -bauchfleck.

  • öllobby

    bauernfänger, vor 734 Tagen, 17 Stunden, 39 Minuten

    wenn die Sonne umsonst scheint und der Regen umsonst regnet was macht dann die Industrie?

    Orwellsches Neudeutsch. Wer glaubt das der Segen der Natur mißbräulich sei und fossill - also gar nichts Neues ausprobieren besser sei - der muß von der Ölindustrie bezahlt sein.

    Schau nach bei der Medizin. Wer die Forschung beauftragt der bekommt "seine" Ergebnisse. (Die OMV gehört doch dem Staat und damit wird ein Kapitalverbrechen an der Demokratie begangen - wie kann da noch Gewaltenteilung funktionieren?)

  • Ist es besser wenn der Regenwald zerstört wird...

    eudiktator, vor 734 Tagen, 18 Stunden, 35 Minuten

    ...weil dort Sojabohnen angebaut werden damit wir das Hühnerschnitzel um 3 Euro kaufen können? Biosprit ist leider nur ein sehr kleiner Puzzlestein im Gesamtbild der ökologischen Katastrophe die sich dort abspielt. Aber offenbar schafft man es nur über dieses Thema in die Medien. Indirekt wird damit auch unterstellt, dass fossile Brennstoffe in der Gesamtbilanz umweltfreundlicher sind. Auch das ist leider so nicht richtig. Schade wenn tiefgreifende Probleme durch so einen Artikel auf den reinen Unterhaltungswert reduziert werden.

    • mantispa, vor 734 Tagen, 17 Stunden, 47 Minuten

      so ist es.

  • Indirekt?!

    jim99, vor 734 Tagen, 22 Stunden, 22 Minuten

    Daß Biosprit Anbaufläche benötigt, ist eine *indirekte* Wirkung? Ich glaub mein Schwein pfeift.

  • Irgendwie peinlich, oder?

    herold04, vor 735 Tagen, 3 Stunden, 15 Minuten

    Ich hab mir voriges Jahr einen Audi gekauft. Laut Herstellerangaben darf man den nicht mit Biosprit tanken. Audis baut zwar Autos, die toll aussehen, aber einen Wagen zu bauen, der mit Biosprit fährt (wie mein alter Audi), schaffen die deutschen Techniker offenbar nicht. Vielleicht sollten sie zur NACHHILFE in den brasilianischen Urwald fahren!

    • sie würden es garantiert schaffen.

      entferner, vor 735 Tagen, 2 Stunden, 24 Minuten

      aber gottseidank machen sie es einfach nicht.
      wie der obige bericht andeutet, ist biosprit nämlich ganz und gar nicht im sinne von "bio" zu verstehen.
      der biosprit ist die dümmste und unreflektierteste idee die die menschheit je hatte.
      dadurch dass man mehr fläche braucht um das zeug anzubauen können natürlich weltweit umso weniger nahrungsmittel produziert werden. wenn biosprit massentauglich wird, werden menschen dafür mit dem hungertod bezahlen. großartige idee!

    • wired, vor 733 Tagen, 9 Stunden, 54 Minuten

      naja... nur weil weniger nahrung angebaut wird, heißt das noch lange nicht, dass Menschen den Hungertod sterben. Überleg mal, vieleie Tonnen Lebensmittel täglich wegen überproduktion vernichtet werden müssen.