
Zwischen Wachen und Schlafen
Verschwommene Grenze
Einschlafen ist ein eigenartiger Prozess, nicht zuletzt in der Selbstwahrnehmung. Schließt man die Augen, beginnen die Gedanken zu wandern und langsam verschwimmt die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Manche erleben sogar halluzinationsähnliche Zustände - hören Stimmen, sehen Bilder oder spüren Bewegungen, die gar nicht stattfinden. Dieser Bewusstseinszustand wird auch als Hypnagogie bezeichnet.
Wann wir wirklich in den Schlaf fallen, kriegen wir in der Regel nicht mit. Und auch wie lang dieses Hinübergleiten dauert, lässt sich schwer abschätzen.
Wie schaltet das Gehirn ab?
Die veränderten Aktivitätsmuster des Gehirns während des Schlafs und in seinen verschiedenen Phasen sind relativ gut untersucht. Vom Einschlafen selbst nimmt man zwar an, dass das Gehirn seinen Zustand dabei nicht völlig synchron ändert, der genaue Ablauf und die Koordination der verschiedenen Areale sind aber wenig erforscht.
Die Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences": "Thalamic deactivation at sleep onset precedes that of cerebral cortex in humans" von Michel Magnin et al.
Für ihre aktuelle Studie haben die Forscher rund um Michel Magnin von der Université de Lyon nun die Gehirnaktivität von 13 Probanden, die aufgrund einer Epilepsie Elektroden implantiert hatten, in dieser Phase aufgezeichnet und analysiert. Sie konzentrierten sich dabei vor allem auf die Aktivität des Thalamus und im Cortex.
Verzögerte Abschaltung
Dabei zeigte sich, dass die Aktivität im Thalamus deutlich schneller abfiel als in den für die bewusste Wahrnehmung zuständigen Cortexarealen, nämlich um vier bis acht Minuten. Die cortikale Aktivität reduzierte sich also erst, nachdem dieser mehrere Minuten keinen Input vom Thalamus erhalten hat.
Offenbar geht das Abschalten des Thalamus der Abschaltung höherer Gehirnfunktionen voraus, so die Wissenschaftler. Ob das Signal zum Einschlafen dabei vom Thalamus weitergeleitet wird oder ob der Cortex nur langsamer auf den Einschlafbefehl von Hirnstamm und Hypothalamus reagiert, konnte die Untersuchung jedoch nicht klären.
Verzerrte Wahrnehmung
Dafür könnte die neue Erkenntnis eine Erklärung dafür liefern, warum der Zustand zwischen Wachen und Schlaf sich so seltsam anfühlt. Laut den Forschern könnte das asynchrone Abschalten der Gehirnregionen nämlich durchaus zu eingebildeten Sinneseindrücken führen.
Auch die Probleme beim richtigen Einschätzen der Einschlafzeit wären mit der verzögerten Abschaltung erklärbar. Von außen gesehen oder gemessen sieht es laut den Wissenschaftler oft so aus, als käme der Schlaf recht schnell. Subjektiv hingegen fühlt sich die Einschlafphase oft viel länger an. Vielleicht auch eine Folge der zeitverzögerten Abschaltung.
science.ORF.at


