
Handybeziehungen sind oft einseitig
Besonders gilt das für Besitzer von Wertkarten-Handys, berichten der Netzwerkforscher Kimmo Kaski von der Aalto Universität im finnischen Helsinki und seine Kollegen. Sie haben knapp fünfeinhalb Millionen Gespräche mit Mobilfunktelefonen untersucht.
"Wie du mir, so ich dir"
"Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne", lautet eine der Versionen des Kategorischen Imperativs vom Philosophen Immanuel Kant.
"Wie du mir, so ich dir", die folkloristische Version dieses ethischen Grundsatzes, stellt auch so etwas wie das Fundament von Gesellschaften im Allgemeinen dar. Kooperation und gemeinschaftliches Handeln kann nur dort entstehen, wo Individuen nicht nur aus Eigeninteresse, sondern nach dem Prinzip der Reziprozität handeln - oder besser: wo Eigen- in Fremdinteresse umschlägt.
Reziprozität in der Gesellschaft und in der Liebe
Der amerikanische Biologe Robert Trivers hat dieses Konzept "reziproken Altruismus" genannt. Ein Beispiel für eine derartige gegenseitige Unterstützung ist der "Generationenvertrag": Gleichgültig, ob innerhalb der Familie oder gesellschaftlich über entsprechende Institutionen vermittelt, helfen die Älteren den Jüngeren bei ihrer Aufzucht, umgekehrt werden sie im betagten Alter von den Jüngeren unterstützt.
Bei diesen und anderen Beispielen gibt es keine 100-prozentige Reziprozität, denn eine Seite engagiert sich zumeist stärker als die andere. Gibt es da Ausnahmen? In der aktuellen Studie greifen Kimmo Kaski und seine Kollegen für ein Beispiel tief in die Romantikkiste und ziehen "Romeo und Julia" heraus. Bei dem Paar scheint es tatsächlich einen hohen Grad an Reziprozität ihrer Beziehung gegeben zu haben, wenn auch nicht allzu lange.
Liebe dürfte abgesehen von arrangierten Ehen, Stalking-Attacken und "Familientragödien" eine relativ reziproke Angelegenheit sein, für eine konkrete und empirische Untersuchung hat sie sich dennoch nicht geeignet.
Handytelefonate eignen sich besser als SMS
Die Studie "Reciprocity of mobile phone calls" von Kimmo Kaski et al. ist bisher auf dem Preprint-Server arXiv publiziert und soll später in der Fachzeitschrift "Dynamics of Socio-Economic Systems" erscheinen.
Die Forscher haben Reziprozität stattdessen als "die Kommunikationsakte, die zwischen Menschen stattfinden", definiert und untersucht. Da sich die Welt seit der Zeit Shakespeares geändert hat, fiel die Wahl nicht auf Sonette, sondern auf Handygespräche. Sie bieten sich auch besser an als E-Mails oder SMS, denn bei diesen entspinnt sich meistens nach einem ersten Versenden eine Reihe von Folgenachrichten: Es geht oft lange hin und her.
Bei Telefonaten hingegen gibt es einen eindeutigen Beginner des Kommunikationsaktes, er oder sie investiert Zeit und meistens auch Geld in den Anruf und somit in die Beziehung, üblicherweise folgt aus einem Telefonat nicht zwingend ein weiteres. Die Gegenseitigkeit von Beziehungen ist über einen längeren Zeitraum somit besser zu erforschen.
350 Millionen Gespräche untersucht
Deshalb haben Kaski und seine Kollegen die Daten von 350 Millionen Handygesprächen analysiert, die von 5,3 Millionen finnischen Konsumenten in einem Zeitraum von 18 Wochen durchgeführt worden waren. Die Anrufe stammten von einer finnischen Mobilfunkgesellschaft und machten ungefähr ein Fünftel des nationalen Marktes aus. Aus prinzipiellen Gründen wurden zwei Gruppen unterschieden: Postpaid-Telefonate (Besitzer eines normalen Handyvertrags) und Prepaid-Telefonate (Wertkarten-Besitzer).
Wertkartentelefonier haben kleineren Kreis
Der erste auffällige Unterschied betrifft die durchschnittliche Anzahl der Kontakte. Bei Postpaid-Telefonaten sind es 5,41 Menschen, bei Prepaid-Telefonaten 3,41. Generell rufen Postpaid-Kunden zehnmal öfter jemanden an als Prepaid-Konsumenten (was kein Wunder ist, da letztere einen höheren Tarif bezahlen). Prepaid-Kunden werden auch eher angerufen, als dass sie selbst anrufen, in der aktivsten Gruppe der Postpaid-Konsumenten ist das umgekehrt.
Ein Hauptunterschied betrifft die Reziprozität selbst: Bei mehr als einem Viertel aller Prepaid-Telefonate ist sie nämlich komplett abhanden gekommen, die Anrufe stammen in diesen Fällen zu 80 Prozent von nur einem der beiden Gesprächspartner. Bei Postpaid-Kunden sind die Zahlen geringer, aber "einseitige Beziehungen sind auch bei ihnen noch immer höher, als man meinen sollte", wie die Forscher berichten.
Eine Frage des Alters
Obwohl sie keine Soziologen sind, vermuten sie hinter ihren Resultaten soziologische Ursachen: Wertkarten-Telefonate werden üblicherweise von Kindern und Jugendlichen geführt, da diese weniger Geld haben und ihnen die Telefone samt Karte mit fixem Gesprächsvolumen oft von ihren Eltern zur Verfügung gestellt werden. Jüngere Menschen, das ist aus anderen Studien bekannt, neigen zu weniger reziproken Beziehungen.
Eine Untersuchung unter 7.000 US-Studenten zeigte z.B., dass sich nur 35 Prozent wechselseitig als "einer der fünf besten Freunde" bezeichneten. Dagegen nimmt sich die schwache Beziehungsreziprozität der Handy-Telefonate vergleichsweise bescheiden aus.
Lukas Wieselberg, science.ORF.at
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