
Microblogging für die Forschung
"Das World Wide Web wurde ursprünglich dafür entwickelt, Forschungsergebnisse einfacher und schneller zu verbreiten. Ich glaube, mit unserem neuen Service geben wir dem Internet ein Stück seiner ursprünglichen Bedeutung zurück", meint Ijad Madisch, Gründungsmitglied des neuen Microblogging-Services Sciencefeed und Mediziner an der Universität Harvard im E-Mail-Interview mit science.ORF.at,
science.ORF.at: Wie genau soll Sciencefeed funktionieren?

Ijad Madisch
Ijad Madisch: Sciencefeed ist eine eigene Plattform, deren Funktionalitäten sich an Twitter oder Friendfeed orientiert, allerdings sind sie um einige Features erweitert. Es hat eine Schnittstelle, welche es erlaubt, sich an andere Plattformen anzudocken. Nachrichten können direkt zu Twitter, Friendfeed oder Facebook gestreamt werden. Anders als bei Twitter können zu einem Post Bilder, Dateien und Links hinzugefügt werden.
Eine Neuigkeit bei Sciencefeed ist, dass es möglich ist, sich auf eine Publikation zu beziehen: entweder mittels unserer aggregierten Suche durch zehn unterschiedliche wissenschaftliche Publikationsdatenbanken, mittels Posten eines Links, den die Plattform automatisch nach bibliographischen Daten durchsucht und als Publikationsreferenz ausgibt, oder ein RSS Feed aus z.B. Connotea oder CiteUlike, welches beide Online-Referenz-Management-Tools sind.
Gibt es weitere Unterschiede zu Twitter?
Ja, in Sciencefeed können Gruppen für spezifische Themen kreiert werden. Diese Gruppen können wiederum als Event markiert werden, was es dann leicht ermöglicht z.B. Kongresse zu "followen". Die Idee dahinter ist, diese Inhalte in Zukunft herauszustreamen und auf einer speziellen Übersichtsseite dem Inhalt z.B. eines Kongresses live zu folgen.
Auch einzelne Gruppen/Events können mit Twitter verbunden werden; dabei landen Twitter-Posts mit dem entsprechenden Hashtag direkt im Feed der Gruppe oder der Veranstaltung auf Sciencefeed.
Glauben Sie, dass Microblogging die ideale Kommunikationsform für die Wissenschaft ist? Komplexe Inhalte lassen sich mit 140 Zeichen wie bei Twitter kaum vermitteln.

Screenshot einer Sciencefeed-Seite
Nentwich et al. haben in der Publikation "Microblogging und die Wissenschaft - das Beispiel Twitter" gezeigt, dass diese Zeichenlimitierung keine negativen Folgen hat. Es geht im wissenschaftlichen Microblogging nicht darum, viele Inhalte zu transferieren, sondern eher darum eine Plattform zur Verfügung zu haben, um auf unterschiedliche wissenschaftliche Quellen - die es online ohne Zweifel zuhauf gibt - zu verweisen und diese referenzieren zu können.
Im Falle von Sciencefeed haben wir das Limit auf 420 Zeichen erhöht und kombiniert mit der Möglichkeit Dateien, Bilder, Links und Publikationen anzuhängen, um den erweiterten Anforderungen gerecht zu werden. Außerdem kann jeder Post von den Lesern direkt kommentiert werden, ohne Zeichenbegrenzung. Sollten sich aus einem Verweis also eine Diskussion ergeben, würden diese in ihren Ausführungen nicht durch eine Zeichenbegrenzung limitiert.
Gerade in den marktnahen Wissenschaften geht es oft eher um Geheimhaltung (von Forschungsresultaten) als um Kooperation: Dem steht die Offenheitsidee von Twitter und Co entgegen - wie wird der Kampf zwischen den beiden Polen ausgehen?
Gute Frage. Ich glaube, dass Plattformen wie ResearchGATE und Sciencefeed in Zukunft auch die Möglichkeit eröffnen, Wissenschaft offener zu gestalten. Gerade aus meiner Erfahrung als Wissenschaftler (ich bin immer noch an der Harvard Medical School als Wissenschaftler angestellt), weiß ich, dass Offenheit in der Forschung und das Diskutieren der Ergebnisse weiteren Resultaten und Erfolgen die Türen öffnet.
Aber das muss sich in einem solch grenzenlosen Rahmen in der Praxis natürlich erstmal beweisen - bisher ist mir jedoch kein Beispiel bekannt, das eine negative Konsequenz beschreibt.
Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at
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