
Urfische ernährten sich wie Wale
Wie die Forscher rund um Matt Friedmann von der Universität Oxford im aktuellen "Science" schreiben, sind die Fossilien der Fische zum großen Teil schon seit vielen Jahren in Museen ausgestellt. Sie wurden den Wissenschaftlern zufolge bisher aber nicht untersucht - oder im 19. Jahrhundert falsch eingeordnet.
Eine zweite Studie in derselben Ausgabe von "Science" zeigt, wie das Nahrungsangebot im Tertiär die Entwicklung der heutigen Bartenwale beeinflusst hat. Offenbar ist dieses auch dafür verantwortlich, dass zwei nicht im Entferntesten verwandte Arten zu verschiedenen Zeit mit Hilfe der Filtertechnik dieselbe ökologische Nische nutzen, wie Lionel Cavin vom Muséum d'histoire naturelle in Genf in einem Begleitartikel schreibt.
Ökologische Nische genutzt
Studie 1 in "Science": "100-Million-Year Dynasty of Giant Planktivorous Bony Fishes in the Mesozoic Seas" von M. Friedman et al.
Der gigantische urzeitliche Knochenfisch vom Stamm der Pachycormus war bis zu neun Meter lang. Als Nahrungsquelle nutzte der Fisch Plankton, das er wie heutige Haie oder Rochen mit Hilfe seiner Kiemen aus dem Wasser "siebte".
Studie 2 in "Science": "Climate, Critters, and Cetaceans: Cenozoic Drivers of the Evolution of Modern Whales" von F.G. Marx et al.
Bisher ist man davon ausgegangen, dass der uralte Fisch nur über eine relativ kurze Zeitspanne lebte. Damit wäre die Filtertechnik bei Fischen mit großen Körpern damals nur ein kleines und letztlich nicht erfolgreiches Experiment der Natur gewesen.
Die Neubewertung früherer Ergebnisse und die Analyse neuer Fossilien zeigen jedoch, dass diese Fischgruppe viel länger, nämlich in der Zeit von 170 Millionen bis vor 65 Millionen Jahren während des Mesozoikums, lebte. Laut den Forschern besetzte der Stamm in diesem Zeitraum eine große ökologische Nische.
Filtern heute verbreitet
Im Laufe der Evolution "erfanden" die Wale dieselbe Filtermethode dann erneut. Deren Vorfahren waren vom Land ins Wasser zurückgekehrt. Die heutigen Bartenwale verdanken ihren Namen kammartigen, ausgefransten Hornplatten, die sie im Maul tragen.
Mit diesen riesigen "Vorhängen" filtern Wale große Schwärme kleiner Krebse und anderes tierisches Plankton aus dem Meer. Dazu nehmen sie viel Wasser mit dem Maul auf und pressen es durch die Barten wieder nach außen. Die Beute bleibt in den Barten hängen.
Heute filtern auch mehrere Fische ihre Nahrung aus dem Wasser, darunter der Walhai (Rhincodon typus), der größte Fisch der Ozeane.
Umwelt prägt Evolution
Die Wale, zu denen auch Tümmler und Delphine zählen, haben sich allerdings erst deutlich nach dem Aussterben des frühen Knochenfischs - im Lauf des Tertiärs - zu ihrer jetzigen großen Vielfalt entwickelt und dieselbe ökologische Nische besetzt. Der Grund für ihre große Diversifizierung waren laut den Forschern rund um den aus Österreich stammenden Felix Marx von der University of Otago in Neuseeland klimatische Veränderungen und als Folge davon das vermehrte Wachstum von Kieselalgen.
Warum der Urfisch deutlich vor dem Auftauchen der Wale vom Erdboden verschwunden ist, erklärt Cavin folgendermaßen: Vermutlich hätte ein großes Massensterben, das zu dieser Zeit auch an Land stattfand, auch ihn getroffen. Schaden daran haben generell nur bestimmte Arten genommen, im Meer waren es Tiere, deren Lebensgrundlage hauptsächlich aus Phytoplankton bestand. Später wurde diese Lücke wieder gefüllt, Hai, Rochen und Wale adaptierten die ausgestorbene Ernährungsweise und besetzten die jetzt freie ökologische Nische.
Insgesamt zeigen die Studien, wie die Umwelt und das Nahrungsangebot die Entwicklung von Arten mitprägen, sodass sich sogar bei evolutionär weit voneinander entfernten Arten ähnliche Techniken ausbilden können.
science.ORF.at/APA/dpa


