Standort: science.ORF.at / Meldung: "Urfische ernährten sich wie Wale"

Zeichnung eines Urknochenfisches, der sich mittels Filtertechnik ernährt

Urfische ernährten sich wie Wale

Lange vor den Walen haben einige Urzeit-Fische ihre Nahrung auf ganz ähnliche Weise aus dem Meer gefiltert. Die Tiere lebten laut einer neuen Studie rund 100 Millionen Jahre lang - und damit deutlich länger als bisher angenommen.

Evolution 19.02.2010

Wie die Forscher rund um Matt Friedmann von der Universität Oxford im aktuellen "Science" schreiben, sind die Fossilien der Fische zum großen Teil schon seit vielen Jahren in Museen ausgestellt. Sie wurden den Wissenschaftlern zufolge bisher aber nicht untersucht - oder im 19. Jahrhundert falsch eingeordnet.

Eine zweite Studie in derselben Ausgabe von "Science" zeigt, wie das Nahrungsangebot im Tertiär die Entwicklung der heutigen Bartenwale beeinflusst hat. Offenbar ist dieses auch dafür verantwortlich, dass zwei nicht im Entferntesten verwandte Arten zu verschiedenen Zeit mit Hilfe der Filtertechnik dieselbe ökologische Nische nutzen, wie Lionel Cavin vom Muséum d'histoire naturelle in Genf in einem Begleitartikel schreibt.

Ökologische Nische genutzt

Der gigantische urzeitliche Knochenfisch vom Stamm der Pachycormus war bis zu neun Meter lang. Als Nahrungsquelle nutzte der Fisch Plankton, das er wie heutige Haie oder Rochen mit Hilfe seiner Kiemen aus dem Wasser "siebte".

Bisher ist man davon ausgegangen, dass der uralte Fisch nur über eine relativ kurze Zeitspanne lebte. Damit wäre die Filtertechnik bei Fischen mit großen Körpern damals nur ein kleines und letztlich nicht erfolgreiches Experiment der Natur gewesen.

Die Neubewertung früherer Ergebnisse und die Analyse neuer Fossilien zeigen jedoch, dass diese Fischgruppe viel länger, nämlich in der Zeit von 170 Millionen bis vor 65 Millionen Jahren während des Mesozoikums, lebte. Laut den Forschern besetzte der Stamm in diesem Zeitraum eine große ökologische Nische.

Filtern heute verbreitet

Im Laufe der Evolution "erfanden" die Wale dieselbe Filtermethode dann erneut. Deren Vorfahren waren vom Land ins Wasser zurückgekehrt. Die heutigen Bartenwale verdanken ihren Namen kammartigen, ausgefransten Hornplatten, die sie im Maul tragen.

Mit diesen riesigen "Vorhängen" filtern Wale große Schwärme kleiner Krebse und anderes tierisches Plankton aus dem Meer. Dazu nehmen sie viel Wasser mit dem Maul auf und pressen es durch die Barten wieder nach außen. Die Beute bleibt in den Barten hängen.

Heute filtern auch mehrere Fische ihre Nahrung aus dem Wasser, darunter der Walhai (Rhincodon typus), der größte Fisch der Ozeane.

Umwelt prägt Evolution

Die Wale, zu denen auch Tümmler und Delphine zählen, haben sich allerdings erst deutlich nach dem Aussterben des frühen Knochenfischs - im Lauf des Tertiärs - zu ihrer jetzigen großen Vielfalt entwickelt und dieselbe ökologische Nische besetzt. Der Grund für ihre große Diversifizierung waren laut den Forschern rund um den aus Österreich stammenden Felix Marx von der University of Otago in Neuseeland klimatische Veränderungen und als Folge davon das vermehrte Wachstum von Kieselalgen.

Warum der Urfisch deutlich vor dem Auftauchen der Wale vom Erdboden verschwunden ist, erklärt Cavin folgendermaßen: Vermutlich hätte ein großes Massensterben, das zu dieser Zeit auch an Land stattfand, auch ihn getroffen. Schaden daran haben generell nur bestimmte Arten genommen, im Meer waren es Tiere, deren Lebensgrundlage hauptsächlich aus Phytoplankton bestand. Später wurde diese Lücke wieder gefüllt, Hai, Rochen und Wale adaptierten die ausgestorbene Ernährungsweise und besetzten die jetzt freie ökologische Nische.

Insgesamt zeigen die Studien, wie die Umwelt und das Nahrungsangebot die Entwicklung von Arten mitprägen, sodass sich sogar bei evolutionär weit voneinander entfernten Arten ähnliche Techniken ausbilden können.

science.ORF.at/APA/dpa

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Forum

 
  • allgeier, vor 724 Tagen, 8 Stunden, 47 Minuten

    "Insgesamt zeigen die Studien ... ... ... sogar bei evolutionär weit voneinander entfernten Arten ähnliche Techniken ausbilden können."
    Dass Vögel fliegen können, Schmetterlinge auch, Flugsaurier und Fledermäuse - ohne solche lehrreichen Texte wie diesen wäre mir das niemals aufgefallen! Und wie viele Tierchen erst einer Beute aufzulauern und nach ihr zu schnappen pflegen, sechs-, acht-, vier- und zwei-beinige, wie sind die nur darauf gekommen?
    Die Umwelt prägt die Entwicklung von Arten! Wahnsinn! Ganz was Neues!
    Darf man, ganz am Rande, nachfragen, wie die trickreiche Umwelt dieses bewerkstelligt?

  • planktonseiher

    mantispa, vor 724 Tagen, 17 Stunden, 12 Minuten

    gabs immer (seit es vielzeller gibt), denn ehe es vielzeller gab, war das meer mit plamkton erfüllt (das "niemand erntete"). die schlundspalten sind wahrscheinlich fürs seihen entstanden oder zumindet dafür bestens geeignet. (die kiemenfunktion ist bloß sekundär.) das planktonseihen begann vielleicht drei-, vierhundert millionen j. vor den pachycormiden, die man also schwerlich als "urfische" bezeichnen kann. die dinos waren ja auch weder "urtiere" noch urreptilien. ausgestorben könnten sie sein, als sie zuviel plankton seihten und verhungerten.

    • jtzo

      mantispa, vor 723 Tagen, 15 Stunden, 26 Minuten

      hab ich nachxchaut: die pachycormiden gehören zu dem, was man früher paläoniszen nannte, sozusagen störverwandte, ur-knochenfische i.w.s.- zu ihnen gehört leedsichthys, der größte knochenf., der angeblich 22 m lang wurde.