
"Man kann jede Leistung messen"
science.ORF.at: Waren sie eigentlich überrascht, dass Sie als Grundlagenforscher ohne Museumserfahrung für die Leitung des Naturhistorischen Museums ausgewählt wurden?
Christian Köberl: Ja, es hat mich überrascht. Aber es zeigt auch, dass es Ministerin Claudia Schmied ein Anliegen ist, dass die Grundlagenforschung in den Bundesmuseen wieder stärker im Vordergrund stehen soll.
Was werden Sie anders machen als ihr Vorgänger Bernd Lötsch?
Ich werde weniger in die Vergangenheit und mehr in die Zukunft blicken. Ich möchte die Naturwissenschaften weniger historisierend betreiben und vermitteln, dass Naturwissenschaften etwas Spannendes sind und einen Nutzen für die Gesellschaft haben. Ich möchte etwa zeigen, dass ohne Rohstoffe unsere Zivilisation nicht funktionieren würde - das könnte man beispielsweise anhand der Mineralogischen Schausammlung wunderbar demonstrieren.
Muss man die vorhandenen Sammlungen für dieses Vorhaben neu aufstellen?

Christian Köberl leitet das Department für Lithosphärenforschung der Universität Wien, seine wichtigsten Arbeitsgebiete sind die Impaktforschung sowie die planetare Geologie. Ab 1. Juni 2010 wird er das Naturhistorische Museum in Wien leiten.
Ja, zum Teil. Ich möchte die auf Systematik ausgelegte Konzeption etwas ändern. Es ist zwar sehr schön, 100 Vögel nebeneinander zusehen oder 100 graue Steine. Die Darstellung der Vielfalt ist für den Fachmann interessant, aber es fehlt der Anreiz für den Laien, sich mit der Sache genauer auseinanderzusetzen. Daher möchte ich wenige Stücke herausgreifen und mit ihnen eine Geschichte erzählen. Wenn sich dann für den Betrachter ein Aha-Erlebnis einstellt, werte ich das als Erfolg.
Wo sehen sie die Stärken und Schwächen des Hauses?
Die Stärken sind die ausgezeichneten Sammlungen, in dieser Hinsicht ist das NHM eines der besten der Welt. Die Sammlungen beinhalten echte Schätze für das Verständnis der Naturwissenschaften: Zum Beispiel gibt es manche Fundorte von Mineralien gar nicht mehr und manche Tiere sind mittlerweile ausgestorben. Zu den Stärken gehören auch die Wissenschaftler des Hauses. Ich möchte die Leute unterstützen, Drittmittel für ihre Forschungen einzuholen.
Zu den Schwächen zähle ich manche Schausammlungen. Sie sind überholungsbedürftig, doch die Modernisierung kostet leider viel Geld. Ganz schlimm sieht es im Bereich der Räume für Sonderausstellungen aus. Das Haus ist am Ende seiner Kapazitäten angelangt. Es gibt aber die Idee, den Maria-Theresien-Platz zu unterkellern, und damit neue Räume zu schaffen.
Ihr Vertrag ist zunächst auf fünf Jahre befristet. Kann das Projekt in diesem Zeitraum realisiert werden?
Was die Modernisierung in den Sammlungen betrifft: ja. Bei der Unterkellerung des Maria-Theresien-Platzes geht es zunächst um die Erstellung eines entsprechenden Planes. Aber es könnte durchaus sein, dass wir in fünf Jahren sagen: Und jetzt geht es mit dem Bau los. Das wäre ein Wunsch von mir.
Wieviel wird das kosten?
Die Schätzungen liegen im Bereich von 50, 60 Millionen Euro. Das hängt natürlich von der Fläche, der Großzügigkeit der Umsetzung ab.
Sie sind Impactforscher: Wie würden sie einem Laien ihren bisherigen Brotberuf beschreiben?
Ich beschäftige mich mit Meteoriten, Meteoritenkratern und Planeten. Ich komme an sich von der Geo- und Kosmochemie, das ist die chemische Untersuchung der Erde und der Planeten, sofern sie untersuchbar sind. Davon ausgehend interessiere ich mich für Fragen der Art: Wie ist das Sonnensystem entstanden? Wie hat es sich entwickelt?
Die Daten für Antworten bekommen wir von Meteoriten, weil ihre Zusammensetzung uns etwas über die Bedingungen des frühen Sonnensystems erzählen. Die Untersuchung von Meteoritenkratern erzählt uns, was beispielsweise bei der Auslöschung der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren passiert ist.
Werden sie in Zukunft gemeinsam mit den Mitarbeitern des NHM forschen?
Wir haben seit Beginn der 80er Jahre eine lose, aber doch bestehende Zusammenarbeit, etwa im Bereich der Mondmeteoriten und der Impactgläser. Ich möchte das Museum so weit modernisieren, dass es in diesem Bereich an der vordersten Front der Forschung mitmischen kann. In reduziertem Ausmaß werde ich auch meine Arbeit an der Universität weiterführen, damit ich Dissertanten betreuen und eine Vorlesung halten kann.
Museen in Großbritannien und den USA sind in manchen Fächern Forschungsinstitutionen mit Weltrang. Wie wollen sie das NHM an internationales Niveau heranführen?
Man kann unser Museum nicht unbedingt mit dem Natural History Museum in London oder der Smithsonian Institution in Washington DC vergleichen, denn die haben ungleich viel mehr Geld zur Verfügung. Auch wenn man zugeben muss, dass es sich zum Teil um Drittmittel handelt.
Ich würde unser Haus eher mit dem Museum für Naturkunde an der Humboldt-Universität in Berlin vergleichen. Wenn man unsere limitierten Ressourcen betrachtet, ist klar, dass nicht jede Abteilung und nicht jedes Fach Topforschung wird leisten können. Aber: Ich möchte neue Gelder lukrieren, um die Forschungsinfrastruktur zu verbessern. Manche unserer Geräte würden ja besser ins Technische Museum passen.
Wie werden sie die Leistung ihrer Mitarbeiter bemessen?
Wir beginnen soeben mit einer vom FWF organisierten, unabhängigen Forschungsevaluation, die uns sagen wird: Wo steht das Museum heute? Wie sieht die Forschungsleistung aus? Wo sollte man investieren? Nach ein paar Jahren sehen wir uns das nochmals an, etwa in punkto Drittmitteleinwerbung, Publikationsleistung usw.
Es ist natürlich so, dass viele Tätigkeiten an einem Museum nicht in "Nature" und "Science" veröffentlicht werden, sondern eher in Monografien. Hier muss man aufpassen, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht. Man sollte daher Museen immer mit Museen vergleichen. Aber es ist ein Märchen zu behaupten, Leistung könne man nicht messen. Man kann jede Art von Leistung messen, egal, ob nun in den Geistes- oder Naturwissenschaften.
Ein kurzer Schwenk zur Popkultur: Sehen Sie sich Filme wie "Deep Impact" oder "Armageddon" im Kino an?
Ja, wenn auch nur aus professionellem Interesse. Ich verwende sogar ein paar Minuten aus "Deep Impact" für meine Vorlesung, weil die Simulationen recht gut gemacht sind. Die Geschichte rundherum kann man allerdings vergessen, vor allem bei "Armageddon". Wenn ich ins Kino gehe, sehe ich mir meistens andere Filme an.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für so einen "Deep Impact"?
Ein Impakt kann jederzeit passieren. Es hängt nur davon ab, wie groß er ist. Aus unseren Untersuchungen an Meteoritenkratern lernen wir, wie häufig solche Einschläge sind und welche Auswirkungen sie hatten. Das ist natürlich von der Größe abhängig. Ein Einschlag wie jener, der die Dinosaurier aussterben ließ, passiert nur alle 100 Millionen Jahre.
Einschläge, die einen Krater von einem Kilometer hinterlassen würden – das würde etwa die gesamte Wiener Innenstadt verschwinden lassen – passieren alle paar Tausend Jahre. Diese Körper sind ungefähr so groß wie ein Zinshaus, ca. 30 bis 40 Meter im Durchmesser. Sie sind so klein, dass die Astronomen keine komplette Liste besitzen. So etwas kann aus heiterem Himmel geschehen. Da gibt es ein paar Stunden Vorwarnung – wenn überhaupt.
Wann war der letzte kleinere Einschlag?
Vor zwei Jahren in Peru. Dieser Körper war weniger als 10 Meter groß. Der letzte Einschlag, der einen Kilometer großen Krater geschlagen hat, ist vor 2.000 Jahren in Südamerika passiert. Das Problem ist, dass Krater durch Erosion und Sedimentierung relativ schnell von der Erdoberfläche verschwinden. Kleine Krater kennt man daher nur bis zu einer gewissen Altersgrenze.
Interview: Robert Czepel, science.ORF.at


