
Arten auf Wanderschaft
Gutes Hörnchen, böses Hörnchen
Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten es mit Schwerpunkten.
Webseite der UN zum internationalen Jahr der Biodiversität
Hierzulande haben Lebensministerium und Umweltbundesamt eine Informationsplattform zum Thema Biodiversität eingerichtet.
Ein Eichhörnchen springt von Kastanie zu Kastanie. Niedlich finden das die meisten Menschen. Doch die Zuneigung von Naturschützern zu den kleinen Tieren ist nicht immer so uneingeschränkt. Für sie unterschieden sich die guten und die bösen Hörnchen an der Farbe. Denn Ende des 19. Jahrhunderts hat man amerikanische Grauhörnchen nach Großbritannien eingeführt. Dort haben sich die Nager mittlerweile so stark vermehrt, dass sie das europäische Eichhörnchen verdrängt haben. In den nächsten Jahrzehnten könnte das Grauhörnchen auch Mitteleuropa erobern. Ein Grund für Biologen, es auf eine Warnliste invasiver Arten zu setzen.
Das Grauhörnchen gehört zu den sogenannten Neobiota. So bezeichnet man Arten, die in ein fremdes Gebiet eingeschleppt werden. Bekannte Beispiele hierzulande sind die Bisamratte, der Fasan und die Reblaus. Doch die Liste ist lang: In Österreich sind über 1.700 Arten bekannt, die im Lauf der Geschichte zugewandert sind; mehr als 1.100 davon sind Gefäßpflanzen, über 500 sind Tiere, der Rest verteilt sich auf Moose, Flechten, Algen und Pilze. Bei den Pflanzen stammt fast jede dritte in Österreich vorkommende Art aus einem anderen Gebiet.
In Gärten und Gemüsekisten
Ins Land kommen die neuen Arten auf unterschiedlichem Weg: Pflanzen wurden oft als Zierpflanzen eingeführt, Tiere mitunter um Schädlinge zu bekämpfen. Sie können aber auch in der Verpackung von Gütern einreisen, etwa Käferlarven in Holzschachteln.
Für die Definition, was ein Neobiot ist, hat man für Europa eine willkürliche Grenze festgelegt: 1492, das Jahr, in dem Kolumbus Amerika erreicht hat. Natürlich hat es auch vor diesem Zeitpunkt Neobiota gegeben, sagt Wolfgang Rabitsch von der Naturschutzabteilung des Umweltbundesamts. Doch mit der Neuzeit habe der Waren- und Güteraustausch eine neue Dimension erreicht – und damit auch die Mobilität bei Tieren und Pflanzen.
Meist harmlos, aber manchmal schädlich
Schwarze und weiße Listen
Für aussterbende und gefährdete Arten erstellen Biologen sogenannte rote Listen. Für die eingewanderten Arten hingegen werden schwarze, graue und weiße Listen erarbeitet. Auf die schwarze Liste kommen Arten, von denen belegt ist, dass sie Schäden anrichten können; auf der grauen stehen Arten, für die dies vermutet wird; auf der weißen Liste landen gebietsfremde Arten, von denen nach derzeitigem Wissensstand keine Gefahr ausgeht.
Naturschützer erstellen darüber hinaus Aktionspläne, um invasive Arten zu bekämpfen oder in Schach zu halten. Hierzulande hat das Umweltbundesamt einen solchen Plan erarbeitet.
Mehr zum Thema Neobiota findet man auf der entsprechenden Seite des Umweltbundesamtes und in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Natur und Landschaft“ aus dem Jahr 2008.
Die meisten dieser Arten richten wahrscheinlich keinen Schaden an. Manche Kulturpflanzen wie etwa die Kartoffel wären auch gar nicht mehr wegzudenken. Für Naturschützer zum Problem werden die neuen Arten dann, wenn sie aus Äckern, Gärten und Gehegen ausbüchsen, verwildern und sich invasiv verhalten, also die heimischen Arten durch Konkurrenz verdrängen oder sie mit Krankheiten anstecken. 37 Pflanzen und 46 Tiere haben laut Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt zumindest potenziell diesen Status in Österreich.
Als man für die Gastronomie begann, amerikanische Flusskrebse auszusetzen, brachte man mit ihnen auch die Krebspest, die nun in den betroffenen Gewässern die heimischen Flusskrebse dahinrafft. Laut Rabitsch sind die Auswirkungen aber nicht immer gleich offensichtlich. Das Hauptproblem ist die Konkurrenz um Nährstoffe. Bis heimische Arten verschwinden kann es Jahre oder Jahrzehnte dauern. Je weiter sich fremde Arten schon ausgebreitet haben, umso schwieriger wird es, sie wieder loszuwerden. Die fremden Arten können aber auch für die Landwirtschaft oder den Menschen zum Problem werden, etwa als Schädlinge oder wenn sie Allergien auslösen.
Die Biodiversitäts-Kovention verlangt daher auch von den Unterzeichnerländern, dass Neobiota beobachtet, beurteilt und gegebenenfalls Maßnahmen gegen sie ergriffen werden. Auf europäischer Ebene hat das Projekt DAISIE (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe) ein Inventar invasiver Arten erstellt und die hundert Bösesten unter ihnen gekürt.
Selten Vorteile
Bei der Frage nach möglichen Vorteilen der neuen Arten sind Biologen vorsichtig. Zwar könnten die Neuankömmlinge die Artenvielfalt auch erhöhen, diese allein sei aber nicht alles, sagt Franz Essl von der Naturschutzabteilung des Umweltbundesamtes. Entscheidend sei, welche Funktion die Tiere und Pflanzen übernehmen.
So blüht etwa die Kanadische Goldrute im Spätsommer und kann dadurch zu dieser Zeit das Nektarangebot für Insekten verbessern. In manchen Ökosystemen wie etwa Halbtrockenrasen und Feuchtwiesen ist sie Naturschützern aber ein Dorn im Aug. Im Nationalpark Donauauen versucht man aktiv, den Eindringling zu beseitigen. Zudem sei nicht klar, ob viele Insekten überhaupt von der Pflanze profitieren. Denn auf bestimmte Blüten spezialisierte Tiere können das Angebot gar nicht nützen.
Positive Funktionen findet man manchmal auch für den Menschen. Der Götterbaum zum Beispiel kommt mit dem Stadtklima besser zurecht als heimische Arten und spendet hier Schatten. Er verbreitet sich aber auch in Trockenrasen, wo er dann heimische Arten verdrängt.
Immer die Straße lang
Biologische Aliens
Das Landesmuseum Niederösterreich widmet den zugereisten Arten eine Ausstellung. Unter dem Titel „Aliens – Pflanzen und Tiere auf Wanderschaft“ ist diese von 14. März 2010 bis 13. Februar 2011 zu sehen. Auch die Klangkunst im Klangturm St. Pölten stellt die heurige Saison unter dieses Thema.
Biologen und Zoologen versuchen derzeit abzuschätzen, wie sich der Klimawandel auf Ökosysteme auswirkt. Essl hat gemeinsam mit österreichischen und deutschen Kollegen für das deutsche Bundesamt für Naturschutz für 30 Gefäßpflanzenarten unter den Neobiota eruiert, wie sich ihr Vorkommen durch den Klimawandel verändern wird.
Die meisten Neophyten – so nennt man die zugewanderten Pflanzen – in Österreich und Deutschland dürften vom wärmeren Klima profitieren. Dabei stellten die Biologen ein interessantes Muster fest: Die Pflanzen verbreiten sich vor allem entlang der Hauptverkehrsachsen. Für Essl nicht verwunderlich: An den Mittelstreifen von Autobahnen und den kargen Straßenbanketten finden die neuen Pflanzen die günstigsten Standorte vor: Sie sind warm und nährstoffreich und am Straßenrand schafft das Mähen Platz für neue aggressive Arten.
Laut Rabitsch treten umso mehr Neobiota auf, je größer das Bruttoinlandsprodukt eines Landes ist, da mit dem steigenden Handel auch der Austausch der gebietsfremden Arten zunimmt. An den beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in Deutschland hätte man zum Beispiel beobachtet, dass im Westen ursprünglich mehr fremde Vögel vorkamen als im Osten.
Großstadtkosmopoliten
Um die Welt reisen die Neobiota meist auf den gleichen Pfaden wie wir Menschen und beginnen ihre Invasion daher oft in Großstädten, wo sich der Handel konzentriert und die großen Häfen liegen. Aber auch künstlich angelegte Verbindungen wie etwa den Rhein-Main-Donaukanal fördern das Wandern der Neobiota.
Manchmal geraten sich die Aliens aber auch selbst in die Quere. Einer dieser Großstadtbewohner ist die Rosskastanie. Sie wurde im 16. Jahrhundert vom Hofbotaniker Clusius aus dem Balkan eingeführt und verbreitete sich über die Gärten des Adels langsam in der ganzen Stadt. Heute macht man sich um einen anderen Neuankömmling sorgen, der den Kastanien zusetzt: die Kastanienminiermotte.
Mark Hammer, science.ORF.at


