
Die Welt auf die Couch holen
In ihrer Suche nach authentischen Alltagserlebnissen ähneln viele Couchsurfer Rucksacktouristen, sagen Sarah Kröger und Andrea Vetter. Die beiden Europäischen Ethnologinnen aus Berlin befanden sich am Freitag bei einer Fachtagung in Wien.
Die Tagung "Quartier machen - Sterne deuten. Kulturwissenschaftliche Tourismusforschung über das Hotel" findet von 4.-6. März 2010 am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien statt.
Als Couch-Geber kann man sich die Welt sozusagen ins Haus holen, ohne dies zu verlassen.
Eine Idee aus Island
Die Idee stammt von dem Amerikaner Casey Fenton. "Die offizielle Geschichtsschreibung geht so: Fenton hat vor einem Aufenthalt in Island 1.500 isländische Studierende per Mail wegen einer Unterkunft und Unterhaltungsmöglichkeiten angeschrieben, weil er nicht wie ein normaler Tourist in ein Hotel gehen wollte. Erstaunlich viele haben zurückgeschrieben. Fenton hatte eine gute Woche und daraus die Idee für Couchsurfing geboren", erzählen Sarah Kröger und Andrea Vetter.
Über Jahre haben sie das Phänomen Couchsurfing (CS) sowohl als Gast als auch als Gastgeberinnen "teilnehmend beobachtet", zahlreiche Gespräche mit Betroffenen geführt und auch die Diskussionsbeiträge auf der entsprechenden Webseite verfolgt.
Couchsurfer-Statistik
Laut der Couchsurfing-Homepage gibt es derzeit 1,7 Millionen Mitglieder, die aus 236 Ländern stammen. Die meisten Surfer stammen aus den USA, aber auch knapp 28.000 Österreicher sind registriert. Top-Besuchs-Location ist Paris, Wien liegt auf Rang 6. Etwas mehr als die Hälfte aller User sind Männer, über zwei Drittel sind zwischen 18 und 29 Jahren alt.
Währung Vertrauen
Ihr Motto "Hilf mit, eine bessere Welt zu erschaffen - Couch für Couch" zeigt schon an, dass es den Couchsurfern um mehr geht als um die bloße Schlafstätte. "Die Grundidee besteht in interkulturellem Austausch. Natürlich kann man auch einfach nur eine Couch anbieten oder suchen, aber im Selbstverständnis der Bewegung ist es wichtig, Erfahrungen mit anderen Kulturen und Toleranz zu fördern", so Sarah Kröger.
Die Währung, die dabei verwendet wird, ist nicht Geld, sondern Gastfreundschaft und Vertrauen. Ähnlich wie bei Ebay gibt es ein ausgeklügeltes Bewertungssystem, das auf verschiedenen Stufen Vertrauen ausdrückt und damit eigene Entscheidungen treffen lässt. Über 99 Prozent der Befragten geben laut der CS-Statistik an, positive Erfahrungen gemacht zu haben.
Ein Schuss Romantizismus
Gibt es gar keine Schauermärchen, die einem die Aussicht bei einem Fremden oder einer Fremden zu übernachten vermiesen? "Die gibt es schon", berichtet Kröger. "Alle unsere Gesprächspartner, die zu den aktiven CS-Mitgliedern gehören, haben schon ein, zwei schlechte Erfahrungen gemacht. Aber der bei weitem überwiegende Teil ist positiv."
"Der Diskurs um Angst ist generell sehr wichtig", assistiert Andrea Vetter, "weil es auch ein Ziel des Projekts ist, dass sich die Menschen wieder mehr vertrauen. Im Couchsurfing steckt ein gewisser Romantizismus, wenn gesagt wird: Früher, da haben sich die Menschen nicht so misstraut wie in der heutigen industrialisierten und überzivilisierten Gesellschaft. Wir wollen wieder dahin zurück, wir wollen, dass Gastfreundschaft selbstverständlich ist, wir wollen den Nächsten als jemanden ansehen, der uns etwas Gutes will."
Polnische Studentin und nicht die Putzfrau
In ihrem Eigenverständnis seien die Couchsurfer dementsprechend auch sehr tolerant, offen für Menschen jeder Hautfarbe und jeden Alters. "Das ist aber nur zum Teil wahr", berichtet Vetter. "Durch die Art, wie Couchsurfing funktioniert - man muss Internet-affin sein, Englisch können, über ein gewisses soziales und kulturelles, wenn auch kein ökonomisches Kapital verfügen -, klaffen Selbstbeschreibung und Realität schon ein wenig auseinander."
Hauptsächlich nutzen würden das Netzwerk daher eher junge, gut ausgebildete Menschen aus den urbanen Zentren - wiewohl auch aus Ländern, die nicht so reich sind. Deshalb befinde sich auch eher "die polnische Studentin" unter den Nutzerinnen und nicht "die polnische Putzfrau".
Besuchen vs. Reisen
Vorläufer des Couchsurfing sehen die Ethnologinnen in Netzwerken, die bereits ab den 1950er Jahren auf analoge Weise Kontakte hergestellt und Schlafmöglichkeiten vermittelt haben, sowie die Esperanto-Bewegung, die nicht nur eine neue Sprache geschaffen hat, sondern sie auch für Reisen und kulturübergreifende Verständigung verwendete.
Strukturell gebe es aber sogar noch tieferliegende Vorgeschichten: Denn schon in der Vergangenheit ist der Großteil der Menschen nicht kommerziell verreist, sondern hat Freunde oder Verwandte besucht.
"Dieses Besuchen wird im touristischen Kontext anderes benutzt als Reisen und Erleben, Couchsurfing verwandelt den Besuch in ein touristisches Event. Vorher war das kein Reisen - man konnte nicht damit angeben, die Tante Uschi in Oslo besucht zu haben - durch Couchsurfing wird das aber zum Abenteuer. Man übernachtet bei jemandem, den man nicht kennt und der zum 'Repräsentanten seiner Kultur' wird", führt Andrea Vetter aus.
Grenzen von privat und öffentlich verschwimmen
Diese Praxis, Alltagserlebnisse in touristische Erlebnisse zu wenden und dies als Hauptsinn einer Reise zu sehen, hätten die Couchsurfer von den Rucksacktouristen übernommen. Sozialstruktur und Bedürfnis nach Authentizität seien sehr ähnlich, sagen die Ethnologinnen.
Bei dieser Suche nach Echtheit verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem. Denn der Gastgeber öffnet dem fremden Gast seine private Welt. Er teilt mit ihm seinen Alltag - zumindest soweit er das will, denn die Grenzen bestimmt immer der Gastgeber selbst. Umgekehrt kann der Gastgeber, die "privat" gewonnene Erfahrung wieder öffentlich zur Schau stellen.
"Das Sammeln interkultureller Erfahrung, dieses Moment einer privaten Inszenierung, macht auch öffentlich interessant. Gäste auf der Couch sind auch soziales Kapital, Ausdruck interkulturelle Kompetenz, die man dann etwa im Geschäftsleben zur Schau stellen kann", meint Andrea Vetter.
Lukas Wieseberg, science.ORF.at
Mehr zu dem Thema:


