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Porträtfoto von Karl Lueger

Karl Lueger, ein verdienstvoller Antisemit

Am 10. März vor 100 Jahren ist Karl Lueger gestorben. Der legendäre Bürgermeister von Wien hat das Bild seiner Stadt in vielerlei Hinsicht geprägt - nicht zuletzt durch seinen strategisch eingesetzten Antisemitismus, schreibt die Historikerin Heidemarie Uhl in einem Gastbeitrag.

Geschichte 09.03.2010

"Der Jud' ist schuld"

Von Heidemarie Uhl

Das Verhältnis Wiens zu Karl Lueger ist erneut in Diskussion. Vor wenigen Wochen hat die Universität für angewandte Kunst auf Initiative von Martin Krenn und einer Gruppe von Studierenden einen Wettbewerb zur künstlerischen Umgestaltung des Lueger-Denkmals ausgeschrieben.

Das Interesse am Lueger-Denkmal ist auch durch die räumliche Nähe begründet: Studierende und Lehrende würden jeden Tag auf dem Weg zur Universität mit der Ehrung eines Antisemiten konfrontiert. Auch seitens der Universität Wien wird die Adresse "Dr.-Karl-Lueger-Ring 1" zunehmend als problematisch angesehen und eine Umbenennung befürwortet.

Heidemarie Uhl

Heidemarie Uhl ist Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Vor kurzem ist zudem die erste fundierte wissenschaftliche Biografie Karl Luegers erschienen, verfasst von John W. Boyer, Historiker an der Universität von Chicago und einer der profiliertesten Kenner der Geschichte von Wien und Österreich um 1900.

Drückte Stadt den Stempel auf

Karl Lueger macht es Kritikern und Befürwortern allerdings nicht einfach: Als Bürgermeister in den Jahren 1897 bis 1910 hat er Wien in der entscheidenden Phase der Entwicklung zur modernen Großstadt den Stempel aufgedrückt - in positiver wie in negativer Hinsicht. Seine Verdienste um den Ausbau der Infrastruktur (Gas-, Wasser-, Stromversorgung, öffentlicher Verkehr) und der kommunalen Versorgungseinrichtungen sind unbestritten.

Die Machtposition der Christlichsozialen im Wiener Gemeinderat war allerdings nur auf der Grundlage eines Zensus- und Kurienwahlrechts möglich, das weite Teile der Wiener Bevölkerung auf kommunaler Ebene vom Wahlrecht ausschloss.

Mit der Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts für Männer und Frauen sollte die Sozialdemokratie im Jahr 1919 die absolute Mehrheit der Mandate im Wiener Gemeinderat erringen.

Erfinder des modernen Antisemitismus

Symposion und Online-Ausstellung

Am Mittwoch findet im Wiener Rathaus das Symposion "Karl Lueger - Historische Verhandlungen über Mythen und Perzeptionen" statt. Virtuell wird Luegers von 10. März bis 31. Mai von der Wienbibliothek gedacht. Diese hat eine Ausstellung online gestellt, die exemplarische Einblicke in den Nachlass des Bürgermeisters gibt.

Das heutige Interesse an Luegers Wien richtet sich aber weniger auf die kommunalpolitischen Leistungen, sondern auf den Einsatz des Antisemitismus als Mittel der politischen Propaganda. Lueger gilt als einer der maßgeblichen Erfinder des modernen, populistischen Antisemitismus, er war - nach dessen eigenem Bekunden - einer der "Lehrer" Hitlers.

Der berühmte Ausspruch "Wer ein Jud' ist, bestimme ich" charakterisiert Luegers Antisemitismus aber nur unzureichend. Die Hetze gegen die Juden war keine Fußnote, über die man augenzwinkernd hinwegsehen könnte, sondern stand im Zentrum von Luegers politischer Taktik: Alle Probleme brachte er, wie Brigitte Hamann schreibt, "auf eine einfache Formel: Der Jud' ist schuld."

Ein Feindbild, das geeint hat

Ö1 Programm zu Lueger

Betrifft Geschichte: 8.-12. März, 17:55 Uhr
Hörbild: Ein Schweizer in Wien: 6. März
Von Tag zu Tag: 3. März

Lueger gelang es erfolgreich, "die Juden" - um 1900 rund zehn Prozent der Wiener Bevölkerung - als einigendes Feindbild in einer höchst heterogenen Zuwanderergesellschaft einzusetzen: Wien war im Jahr 1908 mit zwei Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen die weltweit sechstgrößte Stadt der Welt, 1850 war die Einwohnerzahl noch bei 550.000 gelegen.

Dass Lueger von seinen Anhängern in einem Maß verehrt wurde, das sich mit heutigen Popstars vergleichen lässt, lässt dieses Erbe für die politische Kultur Wiens noch problematischer erscheinen.

Unkritisches Gedenken heute nicht mehr möglich

Das ehrende Gedenken für Karl Lueger, wie es uns auf der Wiener Ringstraße, am Lueger-Platz, im Lueger-Denkmal begegnet, gilt naturgemäß dem verdienstvollen Bürgermeister und nicht dem Antisemiten. Das eine ist von dem anderen allerdings nur um den Preis der Verharmlosung zu trennen: Luegers Wahlerfolge verdankten sich dem Einsatz einer "kruden, beleidigenden und nicht selten herzlosen" antisemitischen Rhetorik (so Charles W. Boyer).

Er hat, so Brigitte Hamann in "Hitlers Wien", mit seinen Hetzreden ein Klima der Verrohung erzeugt, das die politische Kultur von "Wien um 1900" nachhaltig prägte.

Denkmäler und Straßennamen verweisen auf jene historischen Bezugspunkte, durch die sich ein Kollektiv definiert, mit denen sich eine Kommune identifiziert. Die gegenwärtigen Diskussionen und Initiativen verweisen darauf, dass ein unkritisches Gedenken an Karl Lueger mit den Wertmaßstäben, die das heutige Wien prägen, offenkundig nicht mehr in Einklang zu bringen ist.

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Forum

 
  • was machen wir denn jetzt

    grafschwaba, vor 705 Tagen, 8 Stunden, 41 Minuten

    mit den vielen unbestrittenen stadtpolitischen leistungen, die von allen als grundstein für das heutige moderne wien gesehen werden ? ich nehme an, dass man sich nach ansicht der vielen nunmehr plötzlich auferstehenden historiker, die sich nunmehr natürlich sehr gut in die damalige zeit zurückversetzen können, eine entsprechende richtigstellung der wiener historie fordern.
    vielleicht kann man sich mit einer fiktiven posthumen erklärung vor einemn notar drüber schwindeln.

    übrigens - kann mir noch jemand einen politiker nennen, der auf die hälfte seines bezuges als bürgermeister zugunsten der armen in wien verzichtet hat ?

    • Die Krux ist halt, daß er ein Sozi war,....

      seestern, vor 705 Tagen, 5 Stunden, 5 Minuten

      ...da tut sich das Wiener "Rothaus" schwer, denn sonst wäre er sowieso schon längst in Grund und Boden gestampft worden.
      Bei dem Mangel an linken Ikonen, kann man auf keine verzichten.
      Bin schon neugierig wie sie das lösen! *hehe*

    • Lueger ein Sozi??? Selten so gelacht!

      jupiterxx, vor 705 Tagen, 4 Stunden, 26 Minuten

    • mcmontan, vor 705 Tagen, 3 Stunden, 42 Minuten

      Warum rühmt man hier die positiven Aspekte eines Antisemiten und verteufelt andere pauschal?

      Die Welt ist nicht schwarz und weiß, sie enthält Graustufen.

      Ich hoffe wir mögen in Zukunft erkennen was die Menschen damals nicht sehen wollten.

  • Downgrading

    chrilly, vor 705 Tagen, 9 Stunden, 22 Minuten

    Ich habe ein bisserl den Eindruck, dass es sowas wie ein "historisches Downgrading" gibt. Figuren die lange Zeit als strahlende Helden galten, quasi historisches Triple-A, werden von den historischen Rating-Agenturen auf BB und tiefer gesetzt.
    Das betrifft nicht nur den Lueger. Der Einzige, der ein Upgrade erhalten hat, ist wohl der Dschingis Khan. Der ist allerdings mit C- gestartet.

    • Dschingis-Khan Nachsatz

      chrilly, vor 705 Tagen, 8 Stunden, 48 Minuten

      Der Grund für das Upgrade dürfte seine religiöse Toleranz vulgo es war ihm wurscht sein. Das war lange kein Wert, in einer Welt des erstarkenden Fundamentalismus ist ein derartiger Herrscher interessant. Wenn das wieder weniger wichtiger ist, bekommt er wegen der Grausamkeit seiner Truppen wieder ein Downgrade.

  • Betrifft Geschichte

    chrilly, vor 705 Tagen, 9 Stunden, 30 Minuten

    Es geht diese Woche in der Sendereihe "Betrifft Geschichte" (Oe1, 17:55) um Lueger. Die ersten 3 Folgen haben mir gut gefallen.

  • Was heißt hier ...

    ravag1952, vor 705 Tagen, 10 Stunden, 56 Minuten

    Antisemit ??? Nur weil er die Juden nicht gewollt hat wird er jetzt verteufelt ? (100 Jahre nach seinem Tod!) Und unsere Politiker machen schon wieder einen Kniefall ! Am liebsten täten sie das das Denkmal entfernen ....

    • muschelknautz, vor 705 Tagen, 10 Stunden, 24 Minuten

      und was würdest DU am liebsten machen?

    • Diese Kniefall-Politiker entfernen !

      jupiterxx, vor 705 Tagen, 4 Stunden, 24 Minuten

      Beispielsweise nur.

  • Der Titel dieses Artikels ist ein bisschen verwirrend verfasst!

    fuchsrob, vor 705 Tagen, 12 Stunden, 4 Minuten

    Man könnte aus diesem Titel fälschlicherweise annehmen, Luegers Verdienste lagen auf dem Gebiet des Antisemitismus.

    • Da hat er sich ja offenkundig nur mäßige Verdienste erworben,

      jupiterxx, vor 705 Tagen, 4 Stunden, 21 Minuten

      wenn man dem Artilkel folgt.
      Antisemitismus nur aus Populismus - das ist zu wenig??

  • murmeletier, vor 705 Tagen, 12 Stunden, 23 Minuten

    Die Parteigeschichte der Övp lässt sich zurückverfolgen bis hin zu einer Partei, die sich "Die Antisemiten" nannte.
    Diese katholisch-gesprägte Antithese gab man allerdings bald auf, um sich als CS für etwas zu engagieren, anstatt sich nur über eine Opposition zu definieren.
    Bemerkenswert ist die Tatsache, daß hier politisch instrumentaliserter, religiöser Fundamentalismus diesem orthodoxen System gegenübergestellt wurde, was einer reinreligiösen Dialektik entspricht.
    Erst von dieser spirituellen Wertebasis losgelöst und als areligiöser Populismus instrumentalisiert, konnte der Antisemitismus zu jenem Verderben für die österreichischen Juden führen, dem sich heute noch einige geistige Epigonen jenes NS Unglücksregimes zu stellen weigern.

    • Was ist am religiösen Rassismus besser

      chrilly, vor 705 Tagen, 8 Stunden, 54 Minuten

      als an nichtreligiösen?
      In Spanien waren die Pogrome nach der Rückeroberung der Maurischen Teile sehr fest religiös verwurzelt. Die Slowakischen, Kroatischen, Lettischen ... Faschisten waren auch sehr Kirchennahe. Der Eichmann hat sich über die furchtbar aufgeregt. Er war ein Pedant und Bürokrat. Ihm ist eine wohlorganisierte, industriell-"saubere" "Lösung" vergeschwebt. Für ihn war das Ganze ein logistisches Problem. So wie er im Zivilberuf Tankstellen mit Benzin versorgt hat (siehe H.Arendt: Eichmann in Jerusalem, Die Banalität des Bösen).
      Die Katholischen-Faschisten haben aus Lust und Laune massakriert und alles kurz und klein geschlagen. Das war Eichmann zutiefst zuwieder.
      Der Unterschied war systematische industrielle Vernichtung (inkl. Kosten-Nutzen Rechnung) versus von animalischen Trieben gesteuertes Progrom.

    • Also so ein Blödsinn - die Parteigeschichte der ÖVP läßt...

      jupiterxx, vor 705 Tagen, 4 Stunden, 19 Minuten

      ...sich bis zu den 12 Aposteln

      in ihrem Keller zurückverfolgen.

  • diese Fehlschlüsse

    wasser, vor 705 Tagen, 13 Stunden, 39 Minuten

    die da heutzutage angestellt werden, sind zum genieren.

  • :-)

    klausi025, vor 705 Tagen, 14 Stunden, 28 Minuten

    Die Rechten hetzen eben gegen die einen, die Linken gegen die bösen Rechten, die Kapitalisten, die Kirche, ... so hat jeder ein Feindbild, von dem er ganz genau weiß, dass ER der Gute ist und der ANDERE der böse! *ggg* Die Welt ist eben so einfach und daran wird sich nichts ändern! ;-)

    • die kirche?

      kimcollins, vor 705 Tagen, 11 Stunden, 23 Minuten

      die ist neuerdings das lieblingsfeindbild der extrem rechten recken ;-)

      http://tirol.orf.at/stories/428022/

  • rayoflight, vor 705 Tagen, 14 Stunden, 29 Minuten

    wien war eben immer schon der quell allen übels.......

  • Die Linken verhalten sich auffällig ruhig,

    kanzlei123, vor 705 Tagen, 14 Stunden, 57 Minuten

    wenn einer aus ihren Reihen als Nazi entlarvt wird. Günter Grass plusterte sich jahrzehntelang als moralisches Gewissen der Nation auf, kritisierte massiv die deutschen Bundeskanzler Kiesinger und Kohl wegen angeblicher NS- Nähe, bis er selbst eingestehen musste, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.
    Die öffentliche Diskussion über diesen moralischen Bauchfleck war kurz, wurde von den "linksliberalen" Medien nicht aufgenommen und ist heute völlig verebbt.
    Karl Lueger hatte einfach die falsche Parteifarbe

    • Du willst doch so etwas nicht wirklich vergleichen?

      earthling, vor 705 Tagen, 14 Stunden, 53 Minuten

      Zwischen jemandem, der in einem NS-Staat in seiner Jugend gedrillt worden ist und gleich darauf seine Positionen gründlich revidiert hat, sowie jemandem, der Zeit seines Lebens derartige Ressentiments aufgewühlt und ausgenützt hat, bestehen haushohe moralische Unterschiede.

    • Grass- ein jämmerlicher Wendehals,

      kanzlei123, vor 705 Tagen, 14 Stunden, 47 Minuten

      dem einäugige Realitätsverweigerer jeden erdenklichen Milderungsgrund zugute halten, nur weil er sich nach links gewendet hat

    • @earthling

      chrilly, vor 705 Tagen, 12 Stunden, 15 Minuten

      Mein Vater ist genauso alt wie G.Grass. Er war nur einfacher Rohrleger. Aber er die Sinnlosigkeit des Krieges erkannt und sich mit Hilfe seines Lehrherrn (einem Nazi der ersten Stunde, der aber nach dem Tod seines Sohnes vom Krieg genug hatte) vor den Einzug in die Wehrmacht gedrückt. Der Lehrherr verschaffte ihm "Kriegswichtige Arbeiten". Er hat in Zipf bei der Konstruktion der V2 einen Trupp Fremdarbeiter geleitet und diese auch durch Besorgung von Lebensmittel so gut es ging unterstützt.
      Mein Vater war kein Held wie Jägerstätter, aber er war auch kein Hurra-Trottel wie G.Grass der sich freiwillig zur SS gemeldet hat. Man kann auch in solchen Zeiten das eigene Hirn weiter benutzen und auch eine gewisse menschliche Würde bewahren.

    • chrilly

      kanzlei123, vor 705 Tagen, 11 Stunden, 54 Minuten

      ich stimme Ihnen voll zu, tiefen Respekt und Hochachtung vor Ihrem Vater

    • muschelknautz, vor 705 Tagen, 6 Stunden, 22 Minuten

      chrilly geb ich insofern recht, als grass auf gar keinen fall mehr als sein vater hochachtung und respekt verdient hat. earthling stimme ich bei dem moralischen unterschied zu. somit steht karl lueger moralisch noch einmal tief unter grass, und der nochmal unter jemanden, der öffentlich keinem menschen bekannt ist. verdienste um die stadt wien hin oder her, populismus mit "strategisch eingesetzten" ressentiments gegen irgendwelche beliebigen "fremden" oder "anderen" ist einfach was vom widerlichsten.