
"Geschmackstraining" für Beuteltiere
Das Verhaltensprogramm könnte eine wertvolle Waffe im Kampf gegen die eingewanderte Art sein.
Giftige Kröten bedrohen den Kontinent
Die eigentlich in Süd- und Mittelamerika heimische Agakröte (Bufo marinus) ist sehr groß und hochgiftig. In den 1930er Jahren wurde sie im nordöstlichen Australien angesiedelt, um eine Käferplage auf Zuckerrohrplantagen zu bekämpfen. Seitdem hat sich die Art auf dem gesamten Kontinent ausgebreitet, da die eingeborenen Räuber ihr Gift nicht vertragen.

Mittlerweile bedroht sie die Existenz von Schlangen, Krokodilen und fleischfressenden Beuteltieren, wie etwa den katzengroßen Nördlichen Beutelmarder (Dasyurus hallucatus), der in manchen Gegenden bereits ausgerottet ist. Dieser ernährt sich von Früchten, Insekten, kleinen Säugetieren und Fröschen. Schon jetzt bevölkern die Kröten 60 Prozent seines Habitats. Schätzungen gehen davon aus, dass sie sich in den nächsten 20 Jahren in sein gesamtes Heimatgebiet ausbreiten werden.
Zum Schutz wurden einige der Marder bereits auf krötenfreien Inseln ausgesiedelt. Es wird aber dringend nach neuen Maßnahmen zur Erhaltung der bedrohten Art gesucht.
"Märchenlösung"
Das Hauptproblem ist laut den Forschern rund um Jonathan K. Webb von der School of Biological Sciences in Sydney, dass die Beutelmarder vor allem die großen Krötenexemplare essen. Diese enthalten genug Gift, um die Räuber auf der Stelle umzubringen. Folglich können die Beuteltiere niemals lernen, dass sie das todbringende Mahl besser vermeiden sollten.
Die Studie im "Journal of Applied Ecology": "Conditioned taste aversion enhances the survival of an endangered predator imperiled by a toxic invader" (sobald online) von Stephanie O'Donnell et al.
Eine Lösung wäre es, den Tieren beizubringen, das Gift zu erkennen und abzulehnen. Auf die Idee kam Webb angeblich, als er seinen Kindern eine moderne Version von "Rotkäppchen" vorlas. Darin näht die Großmutter dem Wolf rohe Zwiebeln in den Magen. Als er aufwacht, ist ihm übel und er will die Großmutter gar nicht mehr essen. "Man müsste dem Beuteltier einfach beibringen, Übelkeit und Unwohlsein mit der Agakröte in Verbindung zu bringen", so die Überlegung des Forschers. Diese Konditionierung sollte sie vom Verzehr abhalten.
Überlebenszeit steigt deutlich

Um den Ansatz in die Tat umzusetzen, nahmen die Forscher 62 Jungtiere aus dem Brutprogramm des "Territory Wildlife Park" unter ihre Fittiche. Die Hälfte davon sollte trainiert werden, eine Abneigung gegenüber dem giftigen Beutetier zu entwickeln.
Die sogenannte "krötenschlaue" Gruppe erhielt zu diesem Zweck kleine tote Kröten mit einem Schuss Thiabendazol. Das weniger als zwei Gramm schwere Opfer enthielt nicht genug Gift, um die Marder umzubringen, aber die zugesetzte Chemikalie verursachte ihnen Übelkeit.
Um zu überprüfen, ob das Geschmackstraining funktioniert hat, erhielten beide Gruppen vorerst eine kleine lebendige Agakröte "serviert". Tatsächlich attackierten die "krötenschlauen" Beuteltiere das Opfertier weitaus seltener. Im nächsten Schritt wurden die Versuchstiere dann mit einem Sender versehen in die Wildnis entlassen. Laut den Forschern überlebten die trainierten Marder fast fünf Mal länger als ihre unbedarfte Vergleichsgruppe.
Bedrohliche Arten austricksen
Wenn sich dieser Trainingserfolg auf größere Populationen ausweiten ließe, könnten die Beutelmarder in Zukunft auch in krötenverseuchten Gebieten überleben. Möglicherweise könnte man eine ähnliche Maßnahme auch bei anderen bedrohten Räubern anwenden, wie etwa Waranen oder bestimmten Eidechsenarten.
"Zuerst allerdings müssen wir herausfinden, ob die Aversion gegenüber der Agakröte auch langfristig anhält", so Koautor Richard Shine. Danach müsste man sich überlegen, wie man das Training unter die Massen bringt. Eine Möglichkeit wäre, in noch unverseuchten Gebieten Kröten-Köder auszulegen, an welchen die Tiere die Abneigung erlernen könnten, bevor die Invasion droht.
Die bedrohte Biodiversität Australiens braucht laut den Forschern jedenfalls dringend neue und unkonventionelle Ansätze. Denn besonders auf großen Inseln richten feindliche Arten nicht wieder gut zu machende Schäden an. Immerhin stammt etwa die Hälfte aller in den letzten zwei Jahrhunderten ausgestorbenen Säugetierarten von diesem Kontinent.
Eva Obermüller, science.ORF.at


