Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wer hat Schuld an der "Krise der Buben"?"

Ein Schüler mit Schirmkappe lümmelt an seinem Tisch in der Schule.

Wer hat Schuld an der "Krise der Buben"?

War beim benachteiligten Geschlecht jahrzehntelang von Frauen die Rede, dreht sich der Spieß in den letzten Jahren langsam um: "Die Krise der Buben" ist plötzlich in aller Munde. In der Schule haben Mädchen das angeblich stärkere Geschlecht längst überholt. Schuld daran sei die Verweiblichung des Bildungssystems. Stimmt nicht, behauptet nun ein deutscher Forscher.

Bildung 04.05.2010

Empirische Untersuchungen konnten nämlich keinen negativen Einfluss von Lehrerinnen feststellen; die wahren Ursachen der auffälligen Leistungsdifferenz liegen aber nach wie vor weitgehend im Dunkeln. Und auch brauchbare Gegenstrategien sind laut Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung nicht in Sicht.

Mädchen haben die Nase vorn

In vielen Ländern der westlichen Welt haben die Mädchen seit einigen Jahren schulisch die Nase vorn, sie sind erfolgreicher und besuchen häufiger eine Universität. In Österreich haben sie ihre männlichen Kollegen schon in den 1980er Jahren bei den Maturaabschlüssen überholt, im Schuljahr 2007/2008 wurden 57 Prozent davon von Frauen abgelegt, mit 56 Prozent sind sie auch bei den Studienabschlüssen in der Überzahl. Ganz ähnlich sind die Verhältnisse in Deutschland, was die dortige Bundesregierung sogar veranlasste, eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik zu entwickeln.

Warum die Mädchen in der Schule mittlerweile so viel erfolgreicher sind, ist nicht ganz klar. Die beliebteste Erklärung: Den Buben fehlt es an männlichen Vorbildern, denn die gesamte Ausbildungszeit wird von weiblichen Autoritäten geprägt, vom Kindergarten bis zur Matura. Diese Feminisierung wirke sich negativ auf die Leistungen der Schüler aus, denn fehlende Rollenbilder senken die Lernbereitschaft. Lehrerinnen bevorzugen der These zufolge außerdem typische weibliche Verhaltensmuster. Buben seien eher laut und stören. Das irritiere weibliche Lehrkräfte und könne ebenfalls zu einer schlechteren Beurteilung führen.

Mehr Lehrerinnen = mehr Absolventinnen

Diese Vermutungen klingen alle sehr plausibel und wie der Sozialwissenschaftler Marcel Helbig im "WZ Brief Bildung" schreibt, sprechen auch die Zahlen in Deutschland auf den ersten Blick tatsächlich für einen derartigen Zusammenhang: Seit Anfang der 1990er Jahre nimmt der Anteil der Lehrerinnen nach jahrelanger Stagnation wieder zu, zeitgleich stieg auch die Zahl der Abiturientinnen.

Dies gelte auch für viele andere OECD-Staaten, empirisch sei der Einfluss des Geschlechts auf den Bildungserfolg aber kaum nachgewiesen worden. "Bis zurück in die 1950er Jahre gibt es lediglich eine Handvoll internationaler Studien, die den Zusammenhang von Geschlecht und Leistung untersucht haben", wie Helbig gegenüber sience.ORF.at erklärt. Die meisten kommen jedoch zum Ergebnis, dass sich das Geschlecht des Lehrers nicht auf Kompetenzen oder Noten auswirkt, weder bei Mädchen noch bei Buben. Dennoch hält sich diese Meinung hartnäckig.

Ergebnislose Suche nach den Schuldigen

Die Studie in der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" (2010, Jg. 62., Heft 1, S.93-111): "Sind Lehrerinnen für den geringeren Schulerfolg von Jungen verantwortlich?" von Marcel Helbig

Zwei aktuelle Studien, an welchen Helbig beteiligt war, haben nun die Situation in Deutschland näher beleuchtet. In der Berliner ELEMENT Studie wurde untersucht, ob und inwieweit der Anteil männlicher Lehrkräfte in der Volksschule Einfluss auf Noten, Kompetenzen und Übergangsempfehlungen für den Wechsel in die erste Sekundarstufe hat. Es zeigte sich laut Helbig, dass Buben weder in ihrem Leseverständnis noch in ihren Mathematikkenntnissen von gleichgeschlechtlichen Lehrern profitierten, nur bei den Noten wurde ein ganz schwacher Zusammenhang festgestellt.

Die Studie in "MZES-Working Paper" (2010, Nr.133): "Can Teacher's Gender explain the 'Boy Crisis' in Educational Attainment?" von M. Neugebauer, M. Helbig und A. Landmann

Die zweite Studie konnte keinerlei positive Auswirkungen von gleichgeschlechtlichen Lehrern auf die Leistungen von Mädchen sowie Buben feststellen. Im Gegenteil: Die Leseleistungen von beiden waren schwächer, wenn sie vier Jahre von einem männlichen Deutschlehrer unterrichtet worden waren. Das zeige, dass der pauschale Ruf nach männlichen Lehrern auch unbeabsichtigte negative Folgen haben könnte.

Auch eine neue, noch unveröffentlichte Studie, die die Kompetenzentwicklung in 21 OECD-Ländern analysiert, hat laut Helbig keinerlei Zusammenhang zwischen Lehrergeschlecht und Leistung gefunden.

Für alle durchgeführten Studien gilt es laut dem Wissenschaftler allerdings zu berücksichtigen, dass die Bedeutung des Geschlechts der Lehrkräfte lediglich für kognitive Leistungen und den Schulerfolg untersucht wurde, nicht hingegen in Hinblick auf seine psychologischen Dimensionen, wie etwa für das Rollenverhalten der Schüler.

Mädchen entfalten ihr Potenzial

Aber wenn die Lehrerinnen nicht Schuld haben an der der Schulkrise der Buben, wer dann? "Schuld ist nicht die richtige Kategorie", so Helbig. "Dies ist ein ganz typischer Reflex: Wenn die einen besser werden, sind sie vermutlich bevorzugt, und die anderen daher automatisch benachteiligt." In den letzten Jahren habe eine völlige Umkehrung der Verhältnisse stattgefunden. Jahrelang war in erster Linie von der Benachteiligung der Mädchen die Rede, nun sind es plötzlich die Buben.

"Dabei haben die Mädchen einfach aufgeholt. Wenn man etwa die Abiturientenzahlen ansieht, zeigt sich, dass diese bei den Mädchen in den letzten 20, 30 Jahren deutlich zugelegt haben, bei den Jungen stagnieren sie. Ich würde daher eher von einer Potenzialentfaltung sprechen, die früher so nicht möglich war", so Helbig. Mädchen waren immer schon sehr lernwillig, nur hatten sie lange nicht den gleichen Zugang zu Bildung wie Buben.

Erfolg ohne Anstrengungen

Helbig sieht bisher noch keine sinnvollen Ansätze, den schlechter werdenden Leistungen des männlichen Nachwuchses entgegen zu wirken. Wie es aussieht, strengen sich Mädchen einfach mehr an, um bessere Noten zu bekommen. Strebsame Buben hingegen müssen um ihren Ruf fürchten, denn in der Peergroup ist dieses Verhalten meist gar nicht gern gesehen.

"Außerdem suggeriert die Gesellschaft den Jungen nach wie vor, sie hätten einen gewissen Status, der ihnen Erfolg verspricht, egal ob sie sich anstrengen oder nicht", so Helbig. Immerhin seien im Gegensatz zur Schule, im "richtigen Leben" die meisten sichtbaren Leistungsträger immer noch Männer.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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Forum

 
  • *ggg*

    klausi025, vor 745 Tagen, 2 Stunden, 33 Minuten

    "Krise der Buben" ... nur mit Diskriminierungs-Gesetzen, die bei gleicher Qualifikation die Frauen bevorzugen, und massiven Förderungen schaffen es die Frauen, mit den Männern am freien Markt so irgendwie Schritt zu halten ... *ggg* ... da nehmen wir großen Buben die Krise in der AHS gerne in Kauf! ;-) Der freie Markt zeigt dann schon, wer sich bewährt!

    • onkeljosefsnichte, vor 745 Tagen, 16 Minuten

      wer nichts anderes kann als provozieren möchten, der kann das auch nicht gscheit.

  • p1234, vor 745 Tagen, 13 Stunden, 42 Minuten

    Zumindest einen Teil der Antwort kennt jeder der sich mit Intelligenzforschung beschäftigt, nur die Pädagogen wollen es nicht wahr haben [1].

    Männer haben eine höhere Standardabweichung was die Intelligenz betrifft als Frauen. Daher überrascht es auch nicht wenn prozentual mehr Männer als Frauen sowohl unten durchfallen, als auch in der Naturwissenschaft landen.

    Das heisst nicht, dass sich damit grobe Diskrepanzen und Ungerechtigkeiten im Bildungssystem erklären oder rechtfertigen lassen, aber ein paar Prozentpunkte Abweichung bei den Absolventenzahlen könnte es durchaus ausmachen.

    [1] http://www.geburtskanal.de/Wissen/W/WeiblicheIntelligenz.php

  • freiwelt, vor 746 Tagen, 17 Stunden, 26 Minuten

    ueberbewertung des schulischen erfolgs. die "buben" haben schon ihre qualitaeten, die sich spaeter "im leben" auch zur geltung bringen lassen. mehr glaubwuerdige maennliche lehrende v.a. ab mittelschule waeren aber sicher wuenschenswert. wenn man die ganze zeit unkonzentriert war ists schade um die zumindest kognitiv verlorene zeit. man haette ja wirklich extrem viel lernen koennen, haette man nur gewollt. tja die motivation. worin schulen im allgemeinen total versagen, ist, den kindern eigenstaendigkeit, eigeninitiative und kreativiaet beizubringen. vielmehr werden sie auf funktionierende "reife" konsumenten, staats(waehl)buerger und arbeitnehmer hinkonditioniert. rebellion oder innere emigration sind die einzig reifen reaktionen darauf

  • Brave Mädchen - Böse Buben

    pantarhei, vor 746 Tagen, 18 Stunden, 45 Minuten

    Ist es nicht so: tendenziell männliche Werte wie z.B. Mut, Stärke, Aktivität, Risikobereitschaft sind in unserer heutigen Zeit eher negativ besetzt und werden daher von den Erziehern unterdrückt anstatt in ihren positiven Ausprägungen gefördert werden. Tendenziell eher weibliche Eigenschaften wie z.B. soziale und emotionale Intelligenz gelten als positiv ( deren negative Ausprägungen wären meines Erachtens: z.B. Zickenhaftigkeit, Mobbing, etc.) und gelten daher als Richtlinie für die Erziehung. Man hat den Eindruck die Buben werden entgegen ihrer Natur "verweiblicht". Das bringt natürlich Probleme mit sich.

  • Ich würde solche Meldungen mit einem Augenzwinkern aufnehmen.

    daoarge, vor 746 Tagen, 19 Stunden, 3 Minuten

    Man hat ja auch jahrelang versucht, uns einzureden, dass Frauen so multitaskingfähig sind und sooo vieles zugleich machen können.
    Erst kürzlich kam dann allerdings heraus, was man ohnehin wusste:
    Vieles zugleich bedeutet schlicht und einfach nix ordentlich, auch Frauen können, wenn eine anspruchsvolle, saubere Leistung erbracht werden soll, allerbestenfalls zwei Dinge nebenher machen. Verzetteln auf hundert Dinge führt im Endeffekt zu nichts und kostet nur Zeit ...

  • Warum die "Schuld" bei den Lehrern suchen?

    macmiklas, vor 746 Tagen, 20 Stunden, 7 Minuten

    Ich glaube, daß das eher eine genetisch/hormonelle Seite hat. Frauen sind eher dazu in der Lage unangenehme Dinge zu machen. Daher bleiben Sachen, wie Hausarbeit dann oft an den Frauen hängen.

    Nachdem die Schule, und an der Stelle kann man dann die Schuld wieder Richtung Lehrer richten, denn so beschissen, wie die meisten, die ich in meiner Laufbahn hatte (egal ob männlich oder weiblich), unterrichten, ist Schule nicht angenehm. Mädchen drücken das halt dann eher durch, als Buben, nachdem Mädchen/Frauen (zumindest bei uns) seit mind. ca 2000 Jahren unterdrückt wurden und halt oft nicht selber entscheiden konnten, was/wie sie das tun...

    • muschelknautz, vor 746 Tagen, 19 Stunden, 58 Minuten

      das ist ja wohl eine sehr feine ausrede um sich vor der hausarbeit zu drücken. bzw warum soll die überhaupt so "unangenehm" sein...von wem hast du das denn gelernt?

    • @muschel

      3dking, vor 746 Tagen, 19 Stunden, 46 Minuten

      ..also ich glaub er meinte es im vergelich zu "auf der couch liegen und bier trinken" :D

    • "Frauen sind eher dazu in der Lage unangenehme Dinge zu machen."

      slartibartfast, vor 744 Tagen, 21 Stunden, 16 Minuten

      ein schelm, wer schlechtes dabei denkt ...

      frag mal deine frau, wie es fuer sie ganz besonders unangenehm ist ;-)

  • rayoflight, vor 746 Tagen, 20 Stunden, 21 Minuten

    nur komisch, dass es zahlreiche internationale studien die eindeutig belegen, dass in anonymen testbeurteilungen buben und mädchen gleich beurteilt wurden - wussten die lehrer allerdings wer den test geschrieben hat, gab's plötzlich wieder bessere noten für die mädchen.
    ganz klar, dass die hauptsächlich weiblichen lehrerinnen die mädchen stark bevorzugen. jeder weiß dass aus seiner eigenen schulerfahrung.
    tja das ganze hat dann spätestens beim einstiegstest zum medizinstudium ein ende wo frauen regelmäßig bei gleichen prüfungsfragen weitaus schlechter als männer abschneiden. im studium trennt sich dann eben die streu vom weizen bzw. die frau vom mann...

  • wann kommen die "experten" endlich drauf,

    südosttangente, vor 746 Tagen, 20 Stunden, 26 Minuten

    dass mädchen und buben vielleicht doch wieder getrennt voneinander unterrichtet werden sollten?

  • Nachdem der Anteil der Frauen in der Bevölkerung

    derbeste, vor 746 Tagen, 20 Stunden, 39 Minuten

    nun mal höher ist als die der Männer und Mädchen mit 14-15 Jahren geistig bei weiten reifer sind als Burschen wundert mich der höhere Maturantenanteil überhaupt nicht !

    • logopezi, vor 746 Tagen, 18 Stunden, 48 Minuten

      reifer gemessen an was oder wem? das ist nämlich genau der springende punkt!

  • rauchen ist gesundheitsschädlich!

    talvisota, vor 746 Tagen, 20 Stunden, 53 Minuten

    stimmt nicht, behauptet nun ein Zigarettenerzeuger

    das ganze bildungssystem bevorzugt die mädchen, weil sie pflegeleicht und nett sind.