
Fischfang: Das Meer ist leer
Systematischer Kahlschlag
Quizfrage: Wann wurde das erste Schleppnetz für den Fang von Scholle, Seezunge und Hummer eingesetzt? Antwort: im Jahr 1376. Heute ist der Fischfang mit Grundschleppnetzen Standardtechnologie eines industriellen Gewerbes. Er ist in allen Weltmeeren verbreitet - und ebenso umstritten.
Naturschützer kritisieren, er erzeuge hohe Kollateralschäden in der marinen Fauna, hinterlasse irreparable Habitate und Unterwasserwüsten. Dieser Einwand ist keineswegs neu: Als im Zuge der industriellen Revolution die ersten Dampfmaschinen-Trawler in See stachen, dauerte es gerade einmal ein paar Jahre, bis die britische Regierung die neue Methode auf ihre ökologische Wirkungen hin untersuchen ließ.
Denn bereits 1885 wurde gemutmaßt, die Schleppnetze könnten den Fischbestand über Gebühr beanspruchen und dessen natürlichen Lebensraum zerstören. Heraus kam bei der Untersuchung allerdings nicht sehr viel - bis auf die Empfehlung, man solle doch Fangstatistiken führen, um derlei Fragen in Zukunft beantworten zu können.
"Schlimmer als die pessimistischsten Schätzungen"
Die Studie "The effects of 118 years of industrial fishing on UK bottom trawl fisheries" ist im neuen Online-Journal des britischen Wissenschaftsverlags "Nature" erschienen: "Nature Communications" (doi: 10.1038/ncomms1013).
Genau diese historischen Statistiken haben nun drei Umweltforscher für eine Bestandsaufnahme verwendet. Callum Roberts, einer der drei Autoren, resümiert: "Unsere Studie zeigt, dass der Zustand der britischen - und implizit der gesamten europäischen - Fischerei viel schlimmer ist, als selbst die pessimistischsten Schätzungen zeigen."

Die Lage in Zahlen: Der Fischbestand in den Weltmeeren wurde seit 1900 durch die kontinuierliche Überfischung massiv reduziert, Forscher gehen von einem Rückgang von 90 bis 95 Prozent aus. In Einzelfällen, etwa bei großen (zwischen 16 und 66 Kilogramm schweren) Fischen in der Nordsee, ist die Situation noch dramatischer. Laut Berechnungen würden in dieser Gewichtsklasse 100 Mal mehr Fische existieren, wenn es im nordeuropäischen Schelfmeer keine Fangindustrie gäbe.
Fall eines Gewerbes
Die ökologische Krise manifestiert sich mittlerweile auch in ökonomischer Hinsicht. Wie die britischen Statistiken zeigen, stieg die Masse der gefangenen Fische von 1889 bis in die 40er und 50er Jahre rasant an. Ausnahmen dieses Trends gab es lediglich während der Weltkriegsjahre. Nach den 50ern indes ging es mit den Fängen der britischen Flotte ebenso schnell wieder bergab - ihre Fangquote liegt heute deutlich unter dem Niveau von 1889.

"Wir waren erstaunt festzustellen, dass England und Wales damals etwa die vierfache Menge Fisch an Land brachten, als sie es heute tun", sagt Ruth Thurstan von der University of York, die Erstautorin der Studie. "Trotz des technischen Fortschritts und des steigenden Energieeinsatzes sind die modernen Fangflotten weniger erfolgreich als Segelschiffe des späten 19. Jahrhunderts. Schuld ist der rapide Rückgang des Fischbestandes."
Aufwand stieg um Faktor 17
Die deutlichste Sprache spricht der Quotient zweier Größen, nämlich Fischfang relativ zum technisch-energetischen Einsatz. Um ein Kilogramm Heilbutt zu fangen, muss man heute den 500-fachen Aufwand treiben als es 1889 der Fall war. Bei anderen Arten ist der Wandel laut den britischen Forschern zwar nicht ganz so dramatisch, groß ist er dennoch.
Schellfisch wird mit 100 Mal größeren Ressourcen als anno dazumal an Land gebracht, auf alle Arten hochgerechnet ist heute das 17-fache Investment notwendig, um den Fisch aus dem Meer auf den Teller zu kriegen. Tendenz: wohl steigend.
Robert Czepel, science.ORF.at
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