
Machen uns Bakterien klüger?
Vom Nutzen des Dungs
"Kuhmist macht glücklich", "Dreck ist das neue Prozac": So titelten Zeitungen im April 2007. Auslöser der medialen Verzückung war eine gescheiterte Studie. Mary O' Brien vom Royal Marsden Hospital in London hatte Krebspatienten mit abgetöteten Bakterien behandelt, um deren Immunsystem zu aktivieren. Die Idee war gut, doch der Effekt blieb aus, die Tumore wuchsen unvermindert weiter.
Überraschenderweise berichteten die Patienten dennoch von einer Besserung, und zwar in psychischer Hinsicht: Sie fühlten sich glücklicher, der Eingriff hatte offenbar ihre Stimmungslage nachhaltig verbessert. Warum, war einige Zeit unklar - bis der US-Biologe Chris Lowry im Fachblatt "Neuroscience" die entsprechende Antwort nachlieferte.
Zur Studie: "Identification of an immune-responsive mesolimbocortical serotonergic system: Potential role in regulation of emotional behavior", "Neuroscience" (Bd. 146, S.756).
Er hatte für seine Versuche - wie Mary O' Brien - Bakterien der Art Mycobacterium vaccae verwendet. Harmlose Mikroben, die normalerweise im Boden leben und laut Angaben der britischen National Tuberculosis Charity zunächst im Dung von Kühen entdeckt wurden - daher der Name "vaccae".
Bakterien heben Serotoninspiegel
Lowry behandelte allerdings keine Krebspatienten mit den Boden- respektive Dungbakterien, sondern spritzte sie Mäusen unter die Haut. Und die reagierten gleich in zweifacher Hinsicht. Zum einen hellte sich auch deren Gemüt auf, wie an ihrem Verhalten abzulesen war. Zum anderen führte das bakterielle Doping zu einer verstärkten Produktion von Immunmolekülen, sogenannten Zytokinen.
Wie Lowry nachwies, gibt es zwischen diesen beiden Effekten einen Konnex: Die Zytokine lösten nämlich im Gehirn die Ausschüttung des Gute-Laune-Botenstoffes Serotonin aus. "Diese Studie zeigt, wie der Körper mit dem Gehirn kommuniziert und warum ein intaktes Immunsystem auch für die psychische Gesundheit wichtig ist", sagte Lowry damals. Nachsatz: "Wir sollten wohl alle mehr Zeit im Dreck verbringen."
Verbessertes Denkvermögen
Dorothy Matthews präsentierte ihre Studienergebnisse auf der 110. Tagung der American Society for Microbiology.
Ähnlich sieht das Lowrys Kollegin Dorothy Matthews: "Mycobacterium vaccae ist ein natürliches Bodenbakterium, das Menschen schlucken oder einatmen, sofern sie sich in der freien Natur bewegen." Matthews hat die ganze Geschichte nun ein wenig weitergedreht, ausgehend von folgender Überlegung: Serotonin ist nämlich nicht nur wichtig für die Stimmungslage, es ist auch an Lernprozessen beteiligt. "Daher dachten wir uns, Mycobacterium vaccae könnte auch das Lernen verbessern."
Die US-Biologin von den Sage Colleges in Troy überprüfte diese These anhand eines bei Mäuseversuchen üblichen Orientierungstests. Eine Gruppe bekam mit Bodenbakterien versetzte Mahlzeiten vorgesetzt und trat sodann gegen eine Kontrollgruppe zum Wettrennen an - im Labyrinth. "Jene Mäuse, denen wir Bakterien verabreicht hatten, waren fast doppelt so schnell. Und sie zeigten auch deutlich weniger Anzeichen von Furcht", erzählte Matthews.
Nach Absetzen der Bakteriendiät begann sich der Unterschied allerdings zu verflüchtigen. Drei Wochen später waren die Leistungen der beiden Gruppen fast wieder auf dem gleichen Niveau.
Fördernde Freiluft
Ob und inwieweit diese Resultate auf den Menschen umzulegen sind, ist allerdings noch offen. "Die Studie zeigt jedenfalls, dass M. vaccae tatsächlich Angstreaktionen und das Lernvermögen von Säugetieren beeinflusst", sagte Matthews. "Und es ist zumindest interessant zu spekulieren, ob man nicht auch in Schulen entsprechend lernfördernde Bedingungen schaffen könnte. Beispielsweise durch Aktivitäten im Freien, wo M. vaccae reichlich vorhanden ist."
science.ORF.at
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