
Warum Akupunktur Schmerzen lindert
Clash of Concepts
Fast 4.000 Jahre wird die Akupunktur im fernen Osten praktiziert, als fixer Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hat sie sogar die Kulturrevolution und die darauf folgende Modernisierung des chinesischen Gesundheitswesens überlebt. Und sie wird wohl auch die Skepsis westlicher Mediziner überdauern, die bemängeln: Randomisiert und doppelblind lasse sich häufig kein Unterschied zum klassischen Placebo nachweisen.
Die Ablehnung ist allerdings keine totale, in Einzelfällen sind West und Ost durchaus vereint, zumindest auf praktischer Ebene. So etwa in Bezug auf Migräne und Kopfschmerzen - hier wirke die Akupunktur, lautet das Fazit einer Metastudie der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2009. Ob die laut TCM vorgegebenen Akupunkturpunkte tatsächlich die einzigen richtigen (sprich: wirksamen) Einstichorte für Nadeln sind, bleibe aber offen. Was auf ein grundsätzliches Problem hinweist: Welche molekularen Mechanismen hinter der schmerzlindernden "Therapie mit Nadeln" stehen, ist noch keineswegs geklärt.
Aktiviertes Adenosin
Zur Studie: Adenosine A1 receptors mediate local anti-nociceptive effects of acupuncture, "Nature Neuroscience" online (doi:10.1038/nn.2562)
Licht ins mechanistische Dunkel bringt nun eine Studie aus dem Fachblatt "Nature Neuroscience". Darin berichtet ein Team um die Neurowissenschaftlerin Maiken Nedergaard von Versuchen mit Mäusen, bei denen das Molekül Adenosin die Hauptrolle spielte. Adenosin ist an sich durch seine Fähigkeit bekannt, mittels Phosphatbindungen, "ATP", chemische Energie in paketierter Form dorthin zu transportieren, wo sie im Körper dringend gebraucht wird.
Abseits seiner Beteiligung an der Einheitswährung der Energie agiert Adenosin auch als Botenstoff, hat in Sachen Schlaf und Immunreaktionen etwas mitzureden. Und nicht zuletzt ist Adenosin auch ein natürlicher Schmerzhemmer, der, wie nun Maiken Nedergaard nachgewiesen hat, durch Akupunktur aktiviert werden kann.

Akupunkturpunkte auf dem menschlichen Körper: Darstellung aus der Ming-Periode.
Akupunkturtherapie für Mäuse
Die Forscherin von der University of Rochester behandelte Mäuse mit einer schmerzenden Pfote, und zwar genauso, wie man auch Menschen in diesem Fall behandeln würde. Sie wurden am "Zunsanlipunkt", einem bekannten Akupunkturpunkt nahe des Knies genadelt. Die Sitzung dauerte 30 Minuten und beinhaltete etwa auch die übliche Drehung der Nadeln mit der Hand - eine Maßnahme, die laut TCM die Wirkung des Eingriffs verstärkt.
Ob verstärkt oder nicht, eine Wirkung war jedenfalls da. Nedergaard fand heraus, dass in unmittelbarer Nähe der Nadelstiche der Adenosin-Level im Gewebe um das 24-fache gestiegen war. Die dergestalt behandelten Mäuse empfanden auch um rund zwei Drittel weniger Schmerzen, wie Verhaltenstests nahelegen.
Und: Adenosin vermittelt seine schmerzlindernde Wirkung durch Bindung an ein einen speziellen Rezeptor. Mäuse, denen das Gen für den sogenannten A1-Rezeptor aus dem Erbgut entfernt worden war, sprachen auch nicht auf die Therapie an.
Medikament verstärkt Wirkung
Nedergaard und ihre Kollegen suchten später nach Substanzen, die den physiologischen Effekt der Akupunktur verstärken könnten. Und wurden beim Wirkstoff "Deoxycoformycin" fündig, der bislang vor allem in der Krebstherapie eingesetzt wurde. Der Stoff hemmt den Abbau von Adenosin im Gewebe, Versuche zeigen, dass dadurch der Adenosin-Level in den Muskeln drei Mal so hoch steigt. Dementsprechend hält auch die schmerzlindernde Wirkung drei Mal so lange an.
Josephine Briggs, eine Spezialistin für Komplementärmedizin von den National Institutes of Health, kommentiert die Studie folgendermaßen: "Die sehr sorgfältig ausgeführten Versuche zeigen, dass es mit Adenosin einen neuen Player in diesem ganzen Prozess gibt. Das ist ein interessanter Beitrag für unser wachsendes Verständnis der Akupunktur und ihrer komplexen Wirkungen."
Implizit ist damit auch gesagt: Adenosin dürfte nicht der letzte Player gewesen sein, den es in diesem Zusammenhang zu entdecken gibt. Ob das auch jemals zu einer Annäherung von östlicher und westlicher Theorie - von Meridianlehre und molekularer Medizin - führen wird, bleibt aber abzuwarten.
Robert Czepel, science.ORF.at
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