
Intelligentes Treibgut
Das größte Krokodil der Welt
Sieben Meter, 1.300 Kilogramm. Das Leistenkrokodil, Crocodylus porosus, besitzt zweifelsohne beeindruckende Körpermaße. Als gälte es, sämtliche Superlative in einem Wesen zu vereinen, hat die Natur das Tier auch mit dem größten Verbreitungsgebiet aller Krokodile ausgestattet. Seine Fläche umspannt 10 Millionen Quadratkilometer und reicht von Indien bis nach Australien, inklusive der ozeanischen Inseln.
Was eigentlich erstaunlich ist, denn als besonders versierter Schwimmer gilt das Tier nicht. Wenn Zoologen schreiben, das Leistenkrokodil sei eine Spezies mit "limitierten aeroben Kapazitäten", dann meinen sie damit: Es kann über die Kurzstrecke durchaus gefährlich werden, die Langdistanz indes ist seine Sache nicht. Ansonsten liegen seine Begabungen im Fressen, Schlafen und Verdauen.
Mit dem Strom schwimmen
Bislang existierten lediglich Anekdoten von Seefahreren, die Krokodile auf hoher See gesichtet haben wollten. Für eine Wissenschaft, die sich aufs Wägen und Messen versteht, ist so etwas zwar kein Beweis. Aber im Grunde war klar: Die Leistenkrokodile müssen irgendwie schwimmend durch den Ozean gekommen sein, sonst wäre ihre Verbreitung völlig unerklärlich.
Die entsprechende Studie, "Estuarine crocodiles ride surface currents to facilitate long-distance travel" ist im "Journal of Animal Ecology" erschienen (doi: 10.1111/j.1365-2656.2010.01709.x).

Hamish Campbell von der University of Queensland hat nun einige Vertreter dieser Art mit Sendern ausgestattet und deren Bewegungen per Satellit überwacht. Die Analysen zeigen: Die Tiere verfolgen eine ähnliche Strategie, wie sie auch Schmetterlinge anwenden, wenn sie große Distanzen überwinden müssen. Was den Schmetterlingen der Wind, ist den Krokodilen eben die Meeresströmung.
Leistenkrokodile sind nämlich, wie Campbell mit seinen Kollegen im "Journal of American Ecology" schreibt, ziemlich schlechte Schwimmer - aber offenbar äußerst versiert, wenn es um die Ausnutzung solcher Strömungen geht.
590 Kilometer in 25 Tagen
Ein 4,8 Meter langes Tier verließ etwa die Ostküste der Kap-York-Halbinsel im Norden Australiens und schwamm innerhalb von 20 Tagen zum 411 Kilometer entfernten Wenlock River an die Westseite von Kap York. Dabei musste es die Torres-Straße durchqueren - eine Meerenge zwischen Australien und Neuguinea, die berüchtigt für ihre starken Strömungen ist.
Das Tier wusste mit den wechselnden Verhältnissen durchaus umzugehen, legte, als die Strömung in die falsche Richtung wies, eine viertägige Ruhepause in einer Bucht ein und setzte seine Reise wieder fort, als die Bedingungen wieder den intendierten Kurs zuließen.
Noch weiter reiste ein 3,8 Meter langes Exemplar: Seine Route begann im Kennedy River in Queensland und führte zu einem 590 Kilometer entfernten Ort an der Westküste von Kap York. Dauer der Reise: 25 Tage.
Hungern für die Langstrecke
Um solch lange Reisen durchstehen zu können, muss die träge Natur der Leistenkrokodile nicht unbedingt ein Nachteil sein. Sie können äußerst lange ohne Nahrung überdauern (Berichten zufolge bis zu einem Jahr) und sind dementsprechend in der Lage, ihren Stoffwechsel extrem zu drosseln. Wer primär passiv schwimmt, kann auch so weit kommen, wie zu beweisen war.
In theoretischer Hinsicht steht Campbells Studie auch mit einer alten Regel der Evolutionsgenetik im Einklang. Wären die Krokodilpopulationen auf dem Festland und auf den ozeanischen Inseln voneinander isoliert, müssten sie sich langfristig genetisch auseinander entwickeln. Doch Biologen berichten, es gebe keinerlei Anzeichen dafür, im Gegenteil: Die Art Crocodylus porosu sei trotz ihres gewaltigen Verbreitungsgebietes erstaunlich homogen. Hauptgrund dürfte die rege Reisetätigkeit der Krokodilgene sein.
Robert Czepel, science.ORF.at
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