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Tibetischer Landbewohner mit seinem Yak auf der tibetischen Hochebene

Fit für das Leben auf dem "Dach der Welt"

Tibeter haben sich einer aktuellen Studie zufolge extrem schnell an das Leben in sauerstoffarmen Höhen gewöhnt. Der genetische Vergleich mit chinesischen Flachlandbewohnern zeigt, dass diese Anpassung in weniger als 3.000 Jahren erfolgt sein muss.

Genetik 02.07.2010

Unwirtliche Höhenlage

Der Mensch ist eigentlich nicht geschaffen für das Leben in hohen Lagen. Die immer dünner werdende Luft belastet den Organismus. Auf dem mitten im Himalaya-Gebirge gelegenen tibetischen Hochland ist die Sauerstoffkonzentration etwa um 40 Prozent geringer als auf Meereshöhe. Die einheimischen Tibeter kommen mit diesen schwierigen Bedingungen auf mehr als 4.000 Metern Seehöhe dennoch recht gut zurecht.

Flachlandbewohner ermüden in diesen Höhen sehr schnell oder bekommen Kopfschmerzen. Auch für den Nachwuchs hat das sauerstoffarme Leben negative Folgen, Babys haben ein geringeres Geburtsgewicht und die Kindersterblichkeit ist höher. Tibeter kennen derlei Probleme nicht. Sie müssen daher entsprechende genetische Anpassungen durchlebt haben, wie Forscher rund um Xin Yi von der chinesischen Akademie der Wissenschaft vermutet hatten.

Genom-Vergleich

Für die aktuelle Studie machte sich das Team auf die Suche nach den genetischen Unterschieden. Auf tibetischer Seite haben sie dafür das Genom von 50 nicht miteinander verwandten Hochlandbewohnern analysiert, die in zwei Dörfern auf 4.300 sowie 4.600 Metern Seehöhe leben. Alle gaben an, dass ihre Familien mindestens drei Generationen hier verbracht hatten. Außerdem untersuchten die Wissenschaftler, wie viel Sauerstoff, rote Blutkörperchen und Hämoglobin die Versuchspersonen im Blut hatten.

Als Vergleichsgruppe dienten 40 Han-Chinesen aus Peking, das nur auf einer Seehöhe von 50 Metern liegt. Diese "ethnischen" Chinesen machen heute über 90 Prozent der Gesamtbevölkerung der Volksrepublik China aus.

Danach wurden die aktiven Teile des Genoms beider Gruppen sequenziert und verglichen. Die Häufigkeit von Polymorphismen, also Mutationen oder Genvarianten, die größere Bevölkerungsgruppen betreffen, war bei den insgesamt etwa 20.000 untersuchten Genen recht ähnlich. Aber bei 30 Genen zeigte sich ein erheblicher Unterschied. Hier waren bei den Tibetern deutlich häufiger Mutationen aufgetreten. Die Hälfte davon hat den Forschern zufolge Einfluss darauf, wie der Körper Sauerstoff verarbeitet. Eine einzige Mutation trugen sogar über 90 Prozent der Tibeter, aber lediglich zehn Prozent der Han-Chinesen.

"Superathleten-Gen"

Diese weitverbreitete Mutation betrifft das Gen EPAS1, auch bekannt als "Superathleten-Gen", das für den Sauerstoffwechsel wesentlich zu sein scheint. Laut den Forschern ist es für die Regulierung des Hämoglobins in Abhängigkeit vom verfügbaren Sauerstoff verantwortlich. Es wurde vor wenigen Jahren entdeckt. Wie die Bezeichnung schon nahe legt, sollen manche Varianten des Gens sportliche Leistungen verbessern.

Die entsprechende Punktmutation bei den Tibetern führt der Studie zufolge paradoxerweise zu einer Verringerung der roten Blutzellen und zu einem niedrigeren Hämoglobin-Spiegel. Dennoch sei bei den Trägern derselbe Sauerstoffanteil wie bei Nichtträgern messbar. Es handle sich vermutlich um einen spezialisierten angeborenen Mechanismus, auch bei niedrigen Mengen mit dem vorhandenen Sauerstoff das Auslangen zu finden.

Rasante Anpassung

Die Analyse ergab außerdem, dass die gemeinsamen Vorfahren von Tibetern und Han-Chinesen sich erst vor etwa 2.750 Jahren in zwei Gruppen teilten. Die größere der Gruppen sei auf die Hochebene von Tibet gezogen. Danach ist sie allerdings dramatisch geschrumpft, wohingegen die Population der Han-Chinesen stark angewachsen ist und heute den Großteil der chinesischen Bevölkerung ausmacht. Ob sich der tibetische Zweig mit den ansässigen Bewohnern der Hochebene vermischt hat oder ihn ersetzt hat, lässt sich laut den Forschern nicht sagen.

Die Mutationen, die dem Volk das Überleben in diesen Höhen ermöglicht haben, müssen daher in diesem Zeitraum aufgetaucht sein. "Das ist die schnellste genetische Veränderung, die je bei Menschen festgestellt wurde", meint Koautor Rasmus Nielsen von der University of California Berkeley. Sie sei sogar schneller als jene Mutation, die es den Nordeuropäern ermöglicht, Milchzucker zu verdauen. Deren Ausbreitung hat den Forschern zufolge immerhin 7.500 Jahre gebraucht.

"Bei einer derartig rasanten Anpassung mussten vermutlich eine ganze Menge Leute sterben, einfach weil sie nicht die richtige Version des Gens besaßen", so Nielsen. Die Mutation sei somit ein überzeugendes Beispiel für natürliche Selektion beim Menschen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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Forum

 
  • Tibeter und Birmesen sind genetisch verwandt

    funway, vor 590 Tagen, 6 Stunden, 39 Minuten

    nicht aber die Han-Chinesen mit den Tibetern. Die gegenständliche chinesische Studie will aus welchem Grund immer die Hanchinesen mit hinein evolvieren. Warum wohl?

    • Wegen politischer Korrektheit,

      bergaufbremser, vor 590 Tagen, 4 Stunden, 57 Minuten

      aus chinesischer Sicht!

    • in ''science'' anstandslos

      mantispa, vor 589 Tagen, 17 Stunden, 28 Minuten

      abgedruckt, weil obama gute wirtschaftl. beziehungen zu china braucht.

    • diefrommehelene, vor 589 Tagen, 5 Stunden, 46 Minuten

      Kann es sein, dass diese Han-Chinesen - Kiste
      der scienceRedaktion nicht ins Auge gefallen ist, also metaphorisch?

      Aber seit Erfindung der Biologie wird mit Genen Meinung gemacht, von den Bösen und von den Guten, jeder ist eh daran gewöhnt, und wurscht, welche blasse Vorstellung wer von welchen Dingen hat. :-(

  • ich bin gar nicht so überzeugt davon,

    mantispa, vor 590 Tagen, 9 Stunden, 43 Minuten

    dass die tibeter von han abstammen. wodurch wird belegt, dass diese "abspaltung" gerade vor 3500 j. erfolgt sei ? das könnte den han-ch. so passen.

  • Ablauf:

    diefrommehelene, vor 590 Tagen, 11 Stunden, 55 Minuten

    dermarvin ist es bereits aufgefallen: "... aber die entsprechenden Gene kommen doch auch bei den anderen vor - nur eben recht selten. Wenn die ins Hochland gezogene Population stark dezimiert wurde hat diese Anpassung wohl zum grössten Teil durch Selektion ..." Wie dramatisch alles abgelaufen sein mag sei der Phantasie überlassen.
    Es kommt nicht so sehr zu "Dezimierung" durch die durchschnittlichen Bedingungen dort oben, sondern es braucht dazu Katastrophen wie besonders schlechte Jahre. Der Punkt: solche Katastrophen treffen Genträger und Nichtträger zahlenmäßig in aller Regel gleich. Erst beim Wiederaufbau der Normalstärke der Population greift der Vorteil der Träger, sie vermehren sich dann besser.

  • Mechanismen oder n.Selektion?

    globulus, vor 591 Tagen, 5 Stunden, 25 Minuten

    "Bei einer derartig rasanten Anpassung mussten vermutlich eine ganze Menge Leute sterben, einfach weil sie nicht die richtige Version des Gens besaßen"

    Klingt im Ansatz plausibel, aber vielleicht gibt es auch noch andere Anpassungsmechanismen. Bakterien können etwa bei Umweltstress eine erhöhte (dennoch kontrollierte) Mutationsrate in bestimmten Genomabschnitten auslösen. Dadurch geschieht die Anpassung sehr schnell und nicht ganz ungezielt. Ok, dieser Mechanismus greift nur bei der Erzeugung von Variation nicht unbedingt bei deren Durchsetzung. Es sei denn es wird bei vielen Individuen im selben Zeitraum dieselbe Mutation ausgelöst. Unvorstellbar?

    • diefrommehelene, vor 590 Tagen, 11 Stunden, 49 Minuten

      "Vorstellbar" nur wenn man um DNA Mythen spinnt. Sorry. Aber Mutation an sich ist ungerichtet, auch bei Bakterienkulturen im Stress. Dass menschliche Hochlandbewohner die Zellteilungsrate von Bazillen erreichen, das ist allerdings unvorstellbar *g*

    • diefrommehelene, vor 590 Tagen, 11 Stunden, 33 Minuten

      PS. mir ist nicht entgangen, dass du schreibst "in bestimmten Genomabschnitten", dies sieht nach "gezielt" aus. Es handelt sich um einen Mechanismus, der sich in Bakterien gebildet hat und bei Bakterienstrategie etwas bringt, denn auch die meisten der Mutationen in diesem Abschnitt bringen nichts oder schaden. Aber diese ungeheure "Materialverschwendung" ist in Bakterien adaptiv. Wenn nur eine Zelle einen Stoffwechseltreffer hat, begründet sie die nächste Bakterienkultur. Bakterien-"Arten" sind ein Spezialkapitel.

    • Klar sind Bakterien und...

      globulus, vor 590 Tagen, 10 Stunden, 33 Minuten

      ...Menschen da nicht vergleichbar. Und das Mutation _an sich_ ungerichtet ist, würde ich auch nicht bezweifeln. Aber es geht mir um die Grundidee: Kann es Mechanismen der Anpassung geben? D.h. nicht Organismen als Gegenstände ungerichteter (mikro-)evolutiover Prozesse, sondern via Mechanismen (in gewissem Ausmaß) als Akteuere solcher Anpassung.

    • diefrommehelene, vor 589 Tagen, 5 Stunden, 58 Minuten

      Es gibt immer die Spielräume, innerhalb derer ein Organismus auf gegebene Lebensbedingungen reagieren kann, im Stoffwechsel, im Verhalten, das ist jeweils seine biologische Anpassungsfähigkeit. Wen soll ich da "Akteur" nennen? Die Stoffwechselmechanismen (die ja auch dem Verhalten zugrunde liegen) das gäbe vielleicht Sinn?
      Wenn diese Anpassungsfähigkeit des einzelnen Organismus für die Bedingungen ausreicht, kann er seine Gene an die nächste Generation weitergeben, wenn nicht, dann eben nicht.

  • Anpassung?

    dermarvin, vor 591 Tagen, 8 Stunden, 39 Minuten

    Vielleicht hab ich's falsch verstanden, aber die entsprechenden Gene kommen doch auch bei den anderen vor - nur eben recht selten. Wenn die ins Hochland gezogene Population stark dezimiert wurde hat diese Anpassung wohl zum grössten Teil durch Selektion, nicht Mutation stattgefunden, oder?

  • interpretation

    tomtb, vor 591 Tagen, 10 Stunden, 58 Minuten

    oder doch ein bissl lamarck?

  • tomtb, vor 591 Tagen, 10 Stunden, 59 Minuten

    @redaktion: "Sauerstoffwechsel"?

  • Die Anpassung hat "nur" 3000 Jahre gedauert

    alabere, vor 591 Tagen, 14 Stunden, 1 Minute

    Die Gentechnik will solche "Anpassungen"
    über Nacht bewirken. Auch daran zeigt sich wie unsinnig das ist.

    • himerus, vor 591 Tagen, 11 Stunden, 21 Minuten

      du hast vollkommen recht. ein solcher vergleich zeigt wie unsinnig er ist.

  • solidstate, vor 591 Tagen, 17 Stunden, 5 Minuten

    Dazu braucht man keine Genomuntersuchung, es reicht ein Blick in die Geschichtsbücher.