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Kieselalge der Gattung Pleurosigma.

Neuordnung der Ozeane

Steigende Temperaturen verändern Studien zufolge die Ökologie der Ozeane: Sie haben den Bestand der Meeresalgen in den letzten hundert Jahren deutlich reduziert und treiben die globale Artenvielfalt in eine Umbruchphase.

Ökologie 29.07.2010

"Unser Lebenserhaltungssystem"

"Das Phytoplankton ist ein unverzichtbarer Teil des planetaren Lebenserhaltungssystems. Es produziert etwa die Hälfte des Sauerstoffs, den wir atmen, es bindet CO2 und ist die ultimative Stütze für die Fischerei. Ein Ozean ohne Phytoplankton würde sich völlig anders verhalten." Der Satz stammt von Boris Worm, einem Biologen an der kanadischen Dalhousie University. Worm ist Co-Autor einer der bislang aufwändigsten Bestandsaufnahmen globaler Phytoplankton-Bestände.

Als Phytoplankton bezeichnet man winzige Lebewesen in den Meeren, die Photosynthese betreiben. Dazu gehören etwa Kiesel- und Grünalgen, Dinoflagellaten und Cyanobakterien.

Die nun im Fachblatt "Nature" vorgestellte Studie liefert nicht nur aktuelle Daten zur Lage der Weltmeere, sie zeigt darüber hinaus einmal mehr, dass Hochtechnologie nicht alle Probleme der Wissenschaft lösen kann: Denn um die ökologische Rolle kleiner, freischwimmender Algen abschätzen zu können, bedarf es Beobachtungszeiträume, die das Alter der technisierten Wissenschaft weit übersteigen.

Tief- und Hochtechnologie

Was die letzten ein, zwei Jahrzehnte betrifft, besteht wahrlich kein Datenmangel im Lager der Meeresbiologen und Ozeanographen. Satelliten-basierte Projekte wie "SeaWiFS" und "MODIS-Aqua" liefern innerhalb einer Minute mehr als eine Million unabhängige Messungen zu den Reflexionseigenschaften der Ozeane, die von den Rechnern der NASA innerhalb kürzester Zeit in Phytoplankton-Bestände umgerechnet werden.

Einige Kieselagen unter dem Mikroskop
Phytoplankton unter dem Mikroskop: Zentral ist die Art Rhizosolenia setigera zu sehen, daneben weitere Kieselalgen. Balkengröße: 100 Mikrometer.

Um auch langfristige Entwicklungen abschätzen zu können, mussten Worm und seine Kollegen jedoch eine radikale Abrüstung vornehmen - und auf das einfachste Messgerät der Meeresforschung zurückgreifen: die Secchi-Scheibe.

Im Jahr 1865 bekam der italienische Jesuitenpater Pietro Angelo Secchi von der päpstlichen Marine den Auftrag, die Sauberkeit des Mittelmeeres kartografisch zu erfassen. Zu diesem Zweck erfand Secchi eine einfache Messmethode: Er befestigte eine runde, weiße Scheibe mit 20 Zentimetern Durchmesser an einem Seil, versenkte sie im Wasser und notierte jene Tiefe, in der die Scheibe nicht mehr zu sehen war. Die Methode sollte sich durchsetzen, sie wird bis heute noch in der Limnologie und Meeresbiologie verwendet.

Wirkung in gesamter Nahrungskette

Studien

Global phytoplankton decline over the past century, "Nature" (Bd, 466, S. 591).

Global patterns and predictors of marine biodiversity across taxa, "Nature" (Online-Veröffentlichung, doi: 10.1038/nature09329).

Historischen Secchi-Daten eignen sich jedenfalls auch, um die Planktondichte zu bestimmen. Denn nicht nur Verschmutzungen trüben den Blick ins Tiefe, auch ein hoher Chlorophyll-Gehalt im Wasser schlägt sich in den Messungen nieder. Worm und seine Kollegen haben nun ebendiesen Effekt aus den historischen Daten extrahiert und einen bedenklichen Trend freigelegt.

Während der letzten hundert Jahre ist das Phytoplankton demnach sukzessive zurückgegangen. Besonders markant ist die Abnahme seit den 50er Jahren, in diesem Zeitraum betrug das Minus rund 40 Prozent. Mit-, wenn nicht sogar hauptverantwortlich ist der Studie zufolge die Erwärmung der Meere: Höhere Temperaturen führen nämlich zu einer stärker ausgeprägten Schichtung der Ozeane, was wiederum den Transport von Nährstoffen von unten nach oben hemmt. Resultat: Das Algenwachstum bricht ein.

"Das Phytoplankton ist der Treibstoff mariner Ökosysteme", kommentiert Daniel Boyce, einer der Studienautoren. "Wenn sein Bestand zurückgeht, hat das Auswirkungen auf die gesamte Nahrungskette - inklusive uns Menschen."

Hotspots der Artenvielfalt

Ö1-Sendungshinweis

Wissen aktuell, 29.7., 13.55 Uhr

Boyce und Worm sind auch an einer weiteren meeresökologischen Studie in "Nature" beteiligt. Auch sie betrachtet die Meere aus der Weitwinkelperspektive, jedoch diesmal mit Schwerpunkt Biodiversität. Die Artenvielfalt von Korallen, Fischen, Walen, Haien, Magroven, Seegräsern und vielen andere Arten folgt offenbar einem globalen Muster, wie die beiden Biologen mit ihrem Kollegen Derek Tittensor schreiben.

An den Küsten lebende Arten (z.B. Korallen, Mangroven) sind in Südostasien besonders divers, im freien Ozean lebende Spezies (z.B. Tunfische, Wale) indes haben ihre Hot Spots in den mittleren Breiten. Und auch hier spielt offenbar die Temperatur eine entscheidende Rolle: "Ich war überrascht, wie stark die Temperatur mit der marinen Artenvielfalt zusammenhängt", sagt Derek Tittensor. "Die Erwärmung der Ozeane könnte zu einer Neuordnung des Lebens in den Ozeanen führen."

Ob diese Neuordnung mit mehr oder weniger Arten auskommen würde, ist noch nicht ganz klar. Höhere Temperaturen kurbeln zumindest bei wechselwarmen Tieren den Stoffwechsel an, was sich positiv auf die Rate der Artentstehung auswirken sollte. Höhere Temperaturen könnten aber auch Umweltstress auslösen - und somit für Armut statt Vielfalt in den Weltmeeren sorgen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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Forum

 
  • Chlorophyll-Gehalt im Wasser

    co2goodforlife, vor 564 Tagen, 10 Stunden, 53 Minuten

    wie wirkt sich dieser auf die Absorbtionseigenschaften von sichtbarem Sonnenlicht der oberen paar m Meerrewasser aus?
    Diese Antwort fehlt hier und vielleicht war die Henne doch vor dem Ei da und vielleicht sind sie noch immer voneinander abhängig...

    • ???????

      rawspi, vor 564 Tagen, 9 Stunden, 20 Minuten

    • @co2goodforlife

      reca, vor 564 Tagen, 8 Stunden, 40 Minuten

      lies den artikel nocheinmal, dann wirst du die antwort finden. und wenn es dein interesse erregt, lies die studie!

      und bei deinem 2ten absatz weiss ich nicht was du meinst?

  • lutzvonlutzervomlutzerer, vor 564 Tagen, 13 Stunden, 16 Minuten

    ja aber wenn die fische weniger essen werden sie sicher gesünder wenn der mensch sie dann frißt.

  • Macht nichts.

    protos, vor 564 Tagen, 13 Stunden, 22 Minuten

    Es wird alles leergefischt , so brauchen die paar Fische die übrigbleiben nicht soviel.

    • solidstate, vor 564 Tagen, 13 Stunden, 11 Minuten

      Ich habe gerade das gleiche gedacht. Weiters fällt mir dazu noch ein, dass der angebliche Nährstoffmangel locker durch die Einleitung unserer Abwässer (Fäkalien, landwirtschaftliche Ausschwemmungen insbesondere durch Düngung, Industrieabfälle,...) ausgeglichen wird. Dies ist seit Jahrzehnten in den Randmeeren zu beobachten und breitet sich immer weiter in die Ozeane aus.

    • onkeljosefsnichte, vor 564 Tagen, 11 Stunden, 55 Minuten

      extrapolieren, ob das viel bringt? Auch wenn die gedüngten Bereiche breiter werden. Wenn man die Schelfgebiete verlässt, verhalten sich die Wasserkörper doch entscheidend anders, wieviel wissen wir über die Abläufe auf hoher See. Aber ich habe den Verdacht, dass in beiden Fällen sehr viel im Sediment landet, sowohl auf hoher See, als auch bei der dorfweihermäßigen Algenblüte in der Ostsee.

    • solidstate, vor 564 Tagen, 11 Stunden, 38 Minuten

      Algenblüte gibt's ja längst nicht nur in der Ostsee und der Adria. Sie tritt immer häufiger auch in Teilen des Atlantiks , des Pazifiks und des Indischen Ozeans auf.
      Die Ursachen dafür sind aus dem öffentlichen Bewusstsein fast völlig verschwunden seitdem man alles auf die Klimaerwärmung schiebt.

    • gute theorie aber

      iggi, vor 564 Tagen, 11 Stunden, 15 Minuten

      laut meinem NASA link weiter unten sind die kuestengebiete mit groesstem planktonzuwachs in folgenden gebieten angesiedelt:
      "Patagonian Shelf and the Bering Sea, and along the coasts of the Eastern Pacific Ocean, Southwest Africa, and near Somalia"

      Nicht gerade in der Naehe der Hauptquellen industrieller Meeresverschmutzung angesiedelt.

  • OK, da hat sich also

    iggi, vor 564 Tagen, 13 Stunden, 58 Minuten

    in den vergangen 50 jahren der grundbestandsteil der nahrungskette im weltmeer um fast die haelfte verringert, und keiner hat was gemerkt.

    • hier ist ein gegenlaeufiger trend

      iggi, vor 564 Tagen, 13 Stunden, 45 Minuten

      belegt:
      http://earthobservatory.nasa.gov/Newsroom/view.php?id=26204

      aber achtung, es handelt es sich dabei um messungen, nicht um modelle wie im artikel.

    • Laut Nachdenken verboten!

      onkeljosefsnichte, vor 564 Tagen, 13 Stunden, 35 Minuten

      Zugespitzte Aussagen verboten!
      Ich weiß, ihr meint es nur gut, ihr wollts es für uns Laien nur anschaulich machen. Aber das ist Gefährlich, Unverantwortlich, Lasst das!
      Außer iggi und hb kann nämlich niemand hier selber denken. Liebe Ami - Wissenschaftler und so, ihr bringt unsere Beschützer im ORF-science langsam an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit!
      ROFL