
Gesten sprechen die Wahrheit
Das bestätigt die Vermutung von kognitiven Linguisten, dass körperlicher Erfahrungen unser Handeln, unsere Sprache und nicht zuletzt unser Denken prägen.
"Rechts" ist gut
Selbst abstrakte Denkkonzepte gehen auf unsere physischen Erfahrungen zurück. Das heißt, Sprache und Denken bilden auch unsere körperliche Interaktion mit der Welt ab, wie der kognitive Linguist George Lakoff schon vor dreißig Jahren in seiner Metapherntheorie postuliert hat. Seitdem haben viele Studien den Zusammenhang bestätigt.
So wird etwa Gutes in die meisten Sprachen und Kulturen mit "Rechts" assoziiert, Schlechtes hingegen mit "Links". Die Verwendung mancher Wörter verdeutlicht dies: "Right" heißt z.B. im Englischen nicht nur "rechts", sondern auch "richtig", im Deutschen ist das "Recht" nahe verwandt mit "rechts", "links" hingegen mit "linkisch".
Auch in nichtsprachlichen Konventionen findet sich dieselbe Wertzuschreibung. Laut Daniel Casasanto und Kyle Jasmin vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im holländischen Nijmegen wurden etwa römische Redner dazu angehalten, nie mit der linken Hand alleine zu gestikulieren. Gemäß islamischen Vorschriften soll man die Linke für unreine Handlungen verwenden, zum Essen jedoch die Rechte, die Moschee soll man ebenfalls mit dem rechten Fuß betreten. Ein Handschlag zur Begrüßung erfolgt auch in unseren Breiten üblicherweise mit der rechten Hand.
Erfahrung prägt den Wert
Derartige kulturübergreifende Werte können laut Casasanto durchaus eine Folge unserer körperlichen Interaktion mit der Umwelt sein. Die meisten Menschen haben eine dominante Seite - in den meisten Fällen ist es die rechte, mit der sämtliche Aktivitäten leichter fallen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass diese Mühelosigkeit in der Regel positiv besetzt ist. "Bewegungen auf der dominierenden Körperseite fallen dem Menschen leichter, deshalb wird sie offenbar mit "gut" assoziiert", so Casasanto. Die allgemeine Präferenz für Rechts könnte also die Vorlieben der rechtshändigen Mehrheit spiegeln.
Wenn die dominante Körperhälfte allerdings emotionale Werte so stark prägt, müssten Linkshänder trotz aller Konventionen eine umgekehrte Tendenz entwickeln. Laborexperimente haben laut den Forschern diese Vermutung bereits bestätigt. Dabei wurden den Teilnehmern paarweise Abbildungen fremdartiger Kreaturen gezeigt: Rechtshänder bewerteten die rechts platzierten Wesen als klüger, glücklicher, ehrlicher und attraktiver, Linkshänder genau umgekehrt.
Spontane Gesten sind ehrlich
Zur Studie in "PLoS ONE":
"Good and Bad in the Hands of Politicians: Spontaneous Gestures during Positive and Negative Speech" von Daniel Casasanto und Kyle Jasmin
Für seine aktuelle Studie hat das Team diese laterale Wertzuschreibung nun anhand spontaner Gesten im wirklichen Leben untersucht: Es analysierte Aufzeichnungen der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe aus den Jahren 2004 und 2008. Praktischerweise waren 2004 beide Kandidaten Rechtshänder (John Kerry, Demokrat und George W. Bush, Republikaner), 2008 hingegen beide Linkshänder (Barack Obama, Demokrat und John McCain, Republikaner).
Um herauszufinden, ob die Politiker bei positiven Inhalte mit der jeweils dominanten Hand gestikulierten und umgekehrt, wurden die kompletten Transkripte in einzelne Sätze zerteilt. Unabhängig von den Gesten wurden die Aussagen dann als positiv bzw. negativ besetzt oder neutral kategorisiert. Danach wurden sie mit den Gesten korreliert.
Dominante Seite ist die "gute" Seite
Bei allen vier Kandidaten gab es einen deutlichen Konnex: Positive emotionale Inhalten wurden vorzugsweise mit der dominanten Hand koartikuliert, negative mit der anderen. Insgesamt wurde die dominierende Seite zweimal so häufig für positive Aussagen verwendet als die andere.
Der Zusammenhang zwischen nicht-dominanter Hand und negativer Botschaft war noch deutlicher - bei manchen Rednern so offensichtlich, dass er bereits mit bloßem Auge auffällt. So nutzte Barack Obama seine nicht-dominante Hand etwa doppelt so häufig für negative Botschaften, John Kerry dreimal so oft. John McCain unterstrich negative Inhalte sogar 12-mal häufiger mit der nicht-dominanten Hand als mit der dominanten, unter anderem als es um Ideen des Gegners ging.
Mit der Parteizugehörigkeit, also "links" oder "rechts" hat die Art der Gestik laut den Forschern nichts zu tun, sondern mit der subjektiven physischen Erfahrung. Sie werten die Ergebnisse als weiteres Indiz dafür, dass körperliche Wahrnehmung unser Denken prägt: "Menschen mit anderen körperlichen Eigenschaften entwickeln auch andere mentale Konzepte." Die sprachliche und kulturelle Konvention, dass "Rechts" gut ist, reflektiere so gesehen einfach die körperliche Präferenz der rechtshändigen Mehrheit.
Eva Obermüller, science.ORF.at


