
Schlafen "wie ein Stein"
Könnte man diese Aktivität gezielt steuern, wäre manchem schlechten Schläfer geholfen.
Schlafen muss sein
Nahezu ein Drittel unseres Lebens verbringen wir in schlafendem Zustand. Trotzdem ist bis heute nicht restlos geklärt, warum wir überhaupt schlafen. Es ist aber relativ sicher, dass wir schlafen müssen: Unsere psychische und körperliche Gesundheit leidet unter Schlafmangel bzw. Schlafentzug.
Abgesehen von zahlreichen krankheitsbedingten Schlafstörungen, die organische oder psychische Ursachen besitzen, gibt es noch eine Menge Umweltfaktoren, die die Schlafqualität beeinträchtigen können. Im städtischen Bereich ist das nicht zuletzt der Lärm: Tieffliegende Flugzeuge, Autoverkehr oder der zu laute Fernseher der Nachbarn zählen zu den zahlreichen Geräuschen, die einem am Ein- oder Durchschlafen hindern können.
Erstaunlicherweise werden manche Menschen davon kaum oder nur wenig gestört. Bei anderen reicht ein Knistern des Holzbodens und sie sind hellwach. Auch Ohrstöpsel helfen meist nur begrenzt, die akustischen Störungen auszublenden. Was gute Schläfer so resistent gegenüber Geräuschen macht, wollten die Forscher rund um Thien Thanh Dang-Vu von der Harvard Medical School in Boston in ihrer Studie nun herausfinden.
Zur Studie in "Current Biology": "Spontaneous brain rhythms predict sleep stability in the face of noise" von Thien Thanh Dang-Vu et al.
Gehirnwellen als Abwehrstrategie
Zwölf gesunde Freiwillige wurden zu diesem Zweck drei Nächte lang im Schlaflabor beobachtet. Dabei wurden die Gehirnwellen mittels Elektroenzephalogramm (EEG) aufgezeichnet. Anhand dieser Wellen kann man etwa feststellen, in welcher Schlafphase sich ein Proband befindet.
Unterschieden werden dabei vier Phasen, vom leichten bis zum Tiefschlaf sowie die sogenannte REM-Phase, in der man besonders lebhaft träumt. Im Ablauf der vier Stadien wird das Wellenmuster immer ruhiger und synchroner, die Frequenzen der Schwingungen werden immer geringer. Lediglich an bestimmten Stellen kommt es zu kurzen schnellen Ausbrüchen höherer Frequenz von etwa elf bis 15 Hertz - Schlafspindeln nennt man diese Impulse. Sie treten in Phase zwei und drei auf.
Diese Aktivitätsausbrüche entstehen im Thalamus, einem Teil des Zwischenhirns, der unter anderem bei der Verarbeitung sensorischer Informationen eine wichtige Rolle spielt. Man vermutet daher auch, dass die dort erzeugten Schlafspindeln den Einfluss externer Reize abmildern bzw. die Weiterleitung an die Großhirnrinde verhindern können. Im Umkehrschluss müsste eine höhere Rate an Schlafspindeln die Festigkeit des Schlafs bei Umgebungslärm begünstigen. Das heißt, um diese Personen zu wecken, muss es schon etwas lauter werden.
Gezielte Störung
Um diesen Zusammenhang zu überprüfen, wurden die Gehirnwellen der Probanden in den drei Nächten genau aufgezeichnet. In der ersten Nacht durften sie von jeglichem Lärm unbehelligt schlafen. Dabei konnten die Forscher bereits Unterschiede bei der Rate der Schlafspindeln feststellen.
In den folgenden zwei Nächten wurde versucht, den Schlaf der Teilnehmer im REM-Stadium, Phase eins oder zwei durch verschiedene Geräusche zu stören: Telefonklingeln, sprechende Menschen und der Klang medizinisch-technischer Geräte. Diese zehn Sekunden langen akustischen Störungen wurden zuerst mit 40 Dezibel abgespielt. Der Pegel wurde bei jeder Wiederholung nach weiteren 30 Sekunden um 5 Dezibel erhöht, bis das EEG zeigte, dass der jeweilige Proband aufgewacht war.
Nicht alle Teilnehmer waren sich dieser Unterbrechung immer bewusst, Lärmbeeinträchtigungen können den Wissenschaftlern zufolge also auch unmerklich die Schlafqualität mindern.
Eingebauter Schallschutz
Die Auswertung der Gehirnwellen ergab, dass die Raten der Schlafspindeln bei allen Testschläfern in allen drei Nächten - also bei Ruhe und bei Lärm - relativ gleich blieben. Und tatsächlich waren jene mit den höchsten Raten auch am schwierigsten zu wecken. "Je mehr dieser Schlafspindeln ein Gehirn produziert, desto eher wird die Person auch bei großem Lärmpegel weiterschlafen", so der Koautor Jeffrey Ellenbogen.
Der Effekt war laut den Forschern so ausgeprägt, dass er bereits nach einer lauten Nacht eindeutig messbar war und man recht klar vorhersagen konnte, wie stark jemand von Geräuschen gestört wird. Das bestätige die Annahme, dass die Schlafspindeln das Gehirn gewissermaßen vor äußeren Reizen abschirmt.
Nun wollen die Wissenschaftler nach Wegen suchen, die von Natur aus nicht so gut ausgestatteten Menschen, künstlich zu einem entsprechenden Muster der Gehirnströme zu verhelfen - durch Verhaltenstherapie, Medikamente oder andere Technologie. Bis dahin sollten sich geräuschempfindliche Schläfer eine möglichst stille Schlafstätte suchen.
Eva Obermüller, science.ORF.at


