
"Landkarten werden nicht aussterben"
Die Schweizer Geografin Sara Irina Fabrikant untersucht, wie Menschen geografische und raumgebundene Informationen aufnehmen. Im Interview erklärt sie, dass animierte Information nicht alles ist, wie man Landschaften von Bibliotheken erstellen könnte und dass gedruckte Landkarten trotz aller Trends zur Digitalisierung nicht aussterben werden.
science.ORF.at: Wir bewegen uns zunehmend in digitalen Welten. Können Menschen damit umgehen?

Sara Irina Fabrikant leitet die Abteilung für Geografische Informationsvisualisierung und -analyse an der Universität Zürich und ist Mitglied mehrerer geografischer und kartographischen Gesellschaften.
Bei den diesjährigen Technologiegesprächen des Europäischen Forums Alpbach diskutiert Sara Irina Fabrikant am 27. August im Arbeitskreis „Digitale vs. reale Welten – Grenzen von Computermodellen?“.
Sara Fabrikant: Mit Computern können wir immer mehr Daten aufnehmen, speichern und schneller analysieren. Doch die Datenverarbeitung beim Menschen ist in den letzten 100.000 Jahren etwa gleich geblieben. Die Frage ist, wer welche Aufgaben am effizientesten macht: der Computer oder der Mensch.
An der Benutzerschnittstelle muss der Mensch mit Daten eine Entscheidung treffen. Typischerweise ist diese Schnittstelle grafisch, weil man herausgefunden hat, dass Menschen sehr gut mit visuellen Informationen umgehen können. Die Hälfte der Neuronen im Gehirn beschäftigt sich mit visuellen Inputs. Von allen Sinnen ist der visuelle der stärkste.
Sollte man also jede Information vor allem grafisch präsentieren?
Die große Frage ist, ob Menschen grafische Information tatsächlich besser, schneller und effizienter verarbeiten und wie sie aufgrund der grafischen Darstellung entscheiden. Bei unserem Projekt Animeye geht es um die Frage, wie Menschen Rauminformationen in animierten Darstellungen wahrnehmen. Wenn man das weiß, kann man das Design der Information verbessern.
Die gängige Meinung war, dass man dynamische Daten mit Animation darstellen soll. Doch eine Gruppe um die Psychologin Barbara Tversky an der Standford-Universität in Kalifornien hat herausgefunden, dass Animationen eigentlich nicht besser sind als Serien von statischen Bildern (PDF zur Studie). Doch man kann gute und schlechte Animationen generieren und vielleicht waren die hier verwendeten Animationen schlecht. Mit Animeye wollen wir anhand von geografischen Daten die Grundideen einer guten Animation herausfinden.
Was könnten solche Kriterien sein?
Technologiegespräche in Alpbach
Von 26. bis 28. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Entwurf und Wirklichkeit in Forschung und Technologie". Dazu diskutieren Minister, Nobelpreisträger und internationale Experten.
Davor erscheinen in science.ORF.at regelmäßig Interviews mit den bei den Technologiegesprächen vortragenden oder moderierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
Weitere Beiträge zu den Technologiegesprächen 2010:
Das ist abhängig von der Aufgabe und dem Ziel. Wir haben mit Augenbewegungsstudien gesehen, dass eine Animation je nach Frage anders betrachtet wird. Interaktive Animationen sind nicht unbedingt besser als nicht-interaktive, also zum Beispiel Filme, die einfach mit Start und Stopp ablaufen.
Es ist nicht sicher, dass Leute etwas Interaktives tatsächlich interaktiv nutzen. Da braucht es Training. So wie wir Schreiben und Lesen lernen, müssen wir auch lernen, mit dynamischer Information und komplexen grafischen Inhalten umzugehen.
Wie beeinflusst eine gestellte Aufgabe diese Fähigkeit?
Mit Animation meine ich jene von grafischen und statistischen Daten, nicht Menschen, die sich in einem Film bewegen. Fragen zur Animation können sein, was sich verändert, wie viel und wo. Man kann aber auch fragen, wo der größte oder kleinste Wert war, fragt also nach einem bestimmten Zeitpunkt. Bei der Frage nach der Veränderung muss man Vergleiche zwischen Anfang und Schluss machen. Es ist eine kognitive Mehraufgabe, diese Veränderung wahrnehmen zu können.
Wenn eine Animation zu schnell abläuft, hat man Schwierigkeiten, eine Veränderung zu sehen. Läuft sie zu langsam ab, sieht man die Dynamik nicht. Wenn die gleiche Information mit Animation dargestellt wird, kann man besser auf Veränderungsfragen antworten. Die Darstellungsform kann also Information begünstigen oder es schwieriger machen, sie zu erkennen.
Welche neuen Formen der Informationsvisualisierung gibt es?
Es gibt die Richtung der sogenannten Spatialization oder Information Visualization. Bei ihr werden Informationen verräumlicht, die nicht unbedingt eine räumliche Bezugseinheit haben. Man nimmt den Raum als eine Metapher. Ein Beispiel ist die Money Market Map, mit der die Veränderung von Aktienpaketen dargestellt wird. Die Pakete werden thematisch organisiert – Informationstechnologie, Banken, etc. – und danach, wie sie sich verändern. In der Karte liegen Aktien, die sich gleich verhalten, nebeneinander. Solche, die sich unterschiedlich verhalten oder anderen Themen angehören, liegen weiter auseinander.
Man könnte auch Landschaften von Bibliotheken konstruieren. Bücher, die ein ähnliches Thema haben, sind in der Landschaft in einer Ecke der Karte, unähnliche Bücher in einer anderen. Man könnte auch in der Höhe zeigen, wie oft die Bücher ausgeliehen werden. Wenn Bücher für Kunden interessanter sind, machen wir Berge daraus.
Grafiken wie die Money Market Map sehen aber trotzdem noch recht kompliziert aus.
Die Idee dahinter ist, dass wir intuitiv diese Metapher verstehen, weil wir Karten lesen können. So einfach ist das aber nicht. Wir untersuchen gerade, ob Menschen diese Karten auch wirklich verstehen.
Zum Beispiel durch die Analyse von Augenbewegungen.
Wir testen, welches Design oder welches Web-Interface besser oder schlechter ist. Wir setzen Probanden vor das Display, stellen ihnen konkrete Aufgaben und zeichnen während des Lösens der Aufgaben die Augenbewegungen auf. Theorien aus der Psychologie sagen uns, dass Augenbewegungen ein Proxy für die Aufmerksamkeit sind. Wo unsere Aufmerksamkeit ist, dorthin lenken wir das Zentrum unseres Blickfeldes, weil dort die größte Schärfe ist.
Wir untersuchen, wie sich das Muster der Augenbewegung ändert, wenn man das Design verändert. Gleichzeitig zeichnen wir auf, wohin die Probanden klicken und analysieren die Richtigkeit der Antworten. Wir wissen also auch, ob ein Muster zum Erfolg führt.
In welche Richtung wird sich die Visualisierung von geografischer oder ortsbezogener Information entwickeln?
Die Displays ändern sich: Sie schrumpfen oder wachsen. Früher hatte man eine Karte, die man falten konnte. Dann kamen Computer, die mit 13 Zoll eine Standardgröße des Bildschirms hatten. Jetzt gibt es auch andere Formate: Große Displays, die ganze Wände bedecken, und kleine auf Handys und digitalen Assistenten. Das beschäftigt auch die Kartografie und Visualisierung: Wenn Displays kleiner werden, haben wir mehr Probleme, die Informationsdichte zu managen.
Es geht um die Frage, wie sich Regeln der kartografischen Darstellung aufgrund der Kleinheit des Displays verändern, und wie sich die Darstellung verändert, wenn wir Riesendisplays haben, bei denen Menschen mit 3D-Brillen mitten im Datenhaufen stehen.
Wie verändern sich dadurch Nutzerverhalten und der Umgang mit Daten?
Mit dem Telefon geht man anders um, als mit dem Computer. Auch multimodale Displays sind ein Forschungsthema, z.B. ein Wii, das man nicht mit der Maus, sondern durch Gewichtsverlagerung oder durch die Bewegung der Hände steuert. Es stellt sich die Frage nach dem Mehrwert von solchen Entwicklungen, die aus der Informatik und Spiele-Industrie kommen, aber dann auch für die Geografie verfügbar sind: Was bringt es für das Verständnis des Raumes, wenn wir die Welt drehen, indem wir unser Gewicht verlagern?
Jedes Jahr haben wir ein neues Gadgets, eine neue Informationstechnologie, neue Möglichkeiten. Wie gehen wir damit um, erlaubt uns das, schneller und besser raumrelevante Entscheidungen zu treffen? Wie navigieren Menschen mit einem i-Phone gegenüber früher, wo sie einfach Karten hatten? Ändert das ihre Navigationsmöglichkeit, ihr Wissen über das Navigieren, ihre Raumkompetenz, ändert es das Muster, wie sich die Leute in einer Stadt bewegen?
Könnte die auf Papier gedruckte Landkarte irgendwann aussterben?
Nein, die wird es noch lange geben. Weil es immer noch einfacher ist, ein Stück Papier zusammenzufalten, in die Hose zu stecken und einfach loszulaufen. Zumindest solange das Batterieproblem und die Empfangsqualität nicht gelöst sind. Wenn Sie in den USA in einen Nationalpark gehen, können Sie zwar die Karte vorher herunter laden, aber wenn sie drei Wochen unterwegs sind, ohne eine Menschenseele zu sehen, haben sie dort vielleicht auch keinen Handyempfang mehr. Und alte Karten sind auch was Schönes. Ich habe die im Büro hängen.
Mark Hammer, science.ORF.at


