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NASA-Bild von Europa.

"Landkarten werden nicht aussterben"

Leistungsstärkere Computer und neue Bildschirmtechniken verändern die Art und Weise, wie uns Information präsentiert wird. Digitale Welten bilden verstärkt die Grundlage für menschliche Entscheidungen. Oft gilt: Je animierter und interaktiver, umso besser. Doch dies stimmt nicht immer.

Digitale Welten 16.08.2010

Die Schweizer Geografin Sara Irina Fabrikant untersucht, wie Menschen geografische und raumgebundene Informationen aufnehmen. Im Interview erklärt sie, dass animierte Information nicht alles ist, wie man Landschaften von Bibliotheken erstellen könnte und dass gedruckte Landkarten trotz aller Trends zur Digitalisierung nicht aussterben werden.

science.ORF.at: Wir bewegen uns zunehmend in digitalen Welten. Können Menschen damit umgehen?

Porträt Sara Fabrikant

Sara Irina Fabrikant leitet die Abteilung für Geografische Informationsvisualisierung und -analyse an der Universität Zürich und ist Mitglied mehrerer geografischer und kartographischen Gesellschaften.

Bei den diesjährigen Technologiegesprächen des Europäischen Forums Alpbach diskutiert Sara Irina Fabrikant am 27. August im Arbeitskreis „Digitale vs. reale Welten – Grenzen von Computermodellen?“.

Sara Fabrikant: Mit Computern können wir immer mehr Daten aufnehmen, speichern und schneller analysieren. Doch die Datenverarbeitung beim Menschen ist in den letzten 100.000 Jahren etwa gleich geblieben. Die Frage ist, wer welche Aufgaben am effizientesten macht: der Computer oder der Mensch.

An der Benutzerschnittstelle muss der Mensch mit Daten eine Entscheidung treffen. Typischerweise ist diese Schnittstelle grafisch, weil man herausgefunden hat, dass Menschen sehr gut mit visuellen Informationen umgehen können. Die Hälfte der Neuronen im Gehirn beschäftigt sich mit visuellen Inputs. Von allen Sinnen ist der visuelle der stärkste.

Sollte man also jede Information vor allem grafisch präsentieren?

Die große Frage ist, ob Menschen grafische Information tatsächlich besser, schneller und effizienter verarbeiten und wie sie aufgrund der grafischen Darstellung entscheiden. Bei unserem Projekt Animeye geht es um die Frage, wie Menschen Rauminformationen in animierten Darstellungen wahrnehmen. Wenn man das weiß, kann man das Design der Information verbessern.

Die gängige Meinung war, dass man dynamische Daten mit Animation darstellen soll. Doch eine Gruppe um die Psychologin Barbara Tversky an der Standford-Universität in Kalifornien hat herausgefunden, dass Animationen eigentlich nicht besser sind als Serien von statischen Bildern (PDF zur Studie). Doch man kann gute und schlechte Animationen generieren und vielleicht waren die hier verwendeten Animationen schlecht. Mit Animeye wollen wir anhand von geografischen Daten die Grundideen einer guten Animation herausfinden.

Was könnten solche Kriterien sein?

Technologiegespräche in Alpbach

Von 26. bis 28. August finden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1-Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautet "Entwurf und Wirklichkeit in Forschung und Technologie". Dazu diskutieren Minister, Nobelpreisträger und internationale Experten.

Davor erscheinen in science.ORF.at regelmäßig Interviews mit den bei den Technologiegesprächen vortragenden oder moderierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Weitere Beiträge zu den Technologiegesprächen 2010:

Beiträge zu allen Technologiegesprächen

Das ist abhängig von der Aufgabe und dem Ziel. Wir haben mit Augenbewegungsstudien gesehen, dass eine Animation je nach Frage anders betrachtet wird. Interaktive Animationen sind nicht unbedingt besser als nicht-interaktive, also zum Beispiel Filme, die einfach mit Start und Stopp ablaufen.

Es ist nicht sicher, dass Leute etwas Interaktives tatsächlich interaktiv nutzen. Da braucht es Training. So wie wir Schreiben und Lesen lernen, müssen wir auch lernen, mit dynamischer Information und komplexen grafischen Inhalten umzugehen.

Wie beeinflusst eine gestellte Aufgabe diese Fähigkeit?

Mit Animation meine ich jene von grafischen und statistischen Daten, nicht Menschen, die sich in einem Film bewegen. Fragen zur Animation können sein, was sich verändert, wie viel und wo. Man kann aber auch fragen, wo der größte oder kleinste Wert war, fragt also nach einem bestimmten Zeitpunkt. Bei der Frage nach der Veränderung muss man Vergleiche zwischen Anfang und Schluss machen. Es ist eine kognitive Mehraufgabe, diese Veränderung wahrnehmen zu können.

Wenn eine Animation zu schnell abläuft, hat man Schwierigkeiten, eine Veränderung zu sehen. Läuft sie zu langsam ab, sieht man die Dynamik nicht. Wenn die gleiche Information mit Animation dargestellt wird, kann man besser auf Veränderungsfragen antworten. Die Darstellungsform kann also Information begünstigen oder es schwieriger machen, sie zu erkennen.

Welche neuen Formen der Informationsvisualisierung gibt es?

Es gibt die Richtung der sogenannten Spatialization oder Information Visualization. Bei ihr werden Informationen verräumlicht, die nicht unbedingt eine räumliche Bezugseinheit haben. Man nimmt den Raum als eine Metapher. Ein Beispiel ist die Money Market Map, mit der die Veränderung von Aktienpaketen dargestellt wird. Die Pakete werden thematisch organisiert – Informationstechnologie, Banken, etc. – und danach, wie sie sich verändern. In der Karte liegen Aktien, die sich gleich verhalten, nebeneinander. Solche, die sich unterschiedlich verhalten oder anderen Themen angehören, liegen weiter auseinander.

Man könnte auch Landschaften von Bibliotheken konstruieren. Bücher, die ein ähnliches Thema haben, sind in der Landschaft in einer Ecke der Karte, unähnliche Bücher in einer anderen. Man könnte auch in der Höhe zeigen, wie oft die Bücher ausgeliehen werden. Wenn Bücher für Kunden interessanter sind, machen wir Berge daraus.

Grafiken wie die Money Market Map sehen aber trotzdem noch recht kompliziert aus.

Die Idee dahinter ist, dass wir intuitiv diese Metapher verstehen, weil wir Karten lesen können. So einfach ist das aber nicht. Wir untersuchen gerade, ob Menschen diese Karten auch wirklich verstehen.

Zum Beispiel durch die Analyse von Augenbewegungen.

Wir testen, welches Design oder welches Web-Interface besser oder schlechter ist. Wir setzen Probanden vor das Display, stellen ihnen konkrete Aufgaben und zeichnen während des Lösens der Aufgaben die Augenbewegungen auf. Theorien aus der Psychologie sagen uns, dass Augenbewegungen ein Proxy für die Aufmerksamkeit sind. Wo unsere Aufmerksamkeit ist, dorthin lenken wir das Zentrum unseres Blickfeldes, weil dort die größte Schärfe ist.

Wir untersuchen, wie sich das Muster der Augenbewegung ändert, wenn man das Design verändert. Gleichzeitig zeichnen wir auf, wohin die Probanden klicken und analysieren die Richtigkeit der Antworten. Wir wissen also auch, ob ein Muster zum Erfolg führt.

In welche Richtung wird sich die Visualisierung von geografischer oder ortsbezogener Information entwickeln?

Die Displays ändern sich: Sie schrumpfen oder wachsen. Früher hatte man eine Karte, die man falten konnte. Dann kamen Computer, die mit 13 Zoll eine Standardgröße des Bildschirms hatten. Jetzt gibt es auch andere Formate: Große Displays, die ganze Wände bedecken, und kleine auf Handys und digitalen Assistenten. Das beschäftigt auch die Kartografie und Visualisierung: Wenn Displays kleiner werden, haben wir mehr Probleme, die Informationsdichte zu managen.

Es geht um die Frage, wie sich Regeln der kartografischen Darstellung aufgrund der Kleinheit des Displays verändern, und wie sich die Darstellung verändert, wenn wir Riesendisplays haben, bei denen Menschen mit 3D-Brillen mitten im Datenhaufen stehen.

Wie verändern sich dadurch Nutzerverhalten und der Umgang mit Daten?

Mit dem Telefon geht man anders um, als mit dem Computer. Auch multimodale Displays sind ein Forschungsthema, z.B. ein Wii, das man nicht mit der Maus, sondern durch Gewichtsverlagerung oder durch die Bewegung der Hände steuert. Es stellt sich die Frage nach dem Mehrwert von solchen Entwicklungen, die aus der Informatik und Spiele-Industrie kommen, aber dann auch für die Geografie verfügbar sind: Was bringt es für das Verständnis des Raumes, wenn wir die Welt drehen, indem wir unser Gewicht verlagern?

Jedes Jahr haben wir ein neues Gadgets, eine neue Informationstechnologie, neue Möglichkeiten. Wie gehen wir damit um, erlaubt uns das, schneller und besser raumrelevante Entscheidungen zu treffen? Wie navigieren Menschen mit einem i-Phone gegenüber früher, wo sie einfach Karten hatten? Ändert das ihre Navigationsmöglichkeit, ihr Wissen über das Navigieren, ihre Raumkompetenz, ändert es das Muster, wie sich die Leute in einer Stadt bewegen?

Könnte die auf Papier gedruckte Landkarte irgendwann aussterben?

Nein, die wird es noch lange geben. Weil es immer noch einfacher ist, ein Stück Papier zusammenzufalten, in die Hose zu stecken und einfach loszulaufen. Zumindest solange das Batterieproblem und die Empfangsqualität nicht gelöst sind. Wenn Sie in den USA in einen Nationalpark gehen, können Sie zwar die Karte vorher herunter laden, aber wenn sie drei Wochen unterwegs sind, ohne eine Menschenseele zu sehen, haben sie dort vielleicht auch keinen Handyempfang mehr. Und alte Karten sind auch was Schönes. Ich habe die im Büro hängen.

Mark Hammer, science.ORF.at

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Forum

 
  • Landkarten nicht

    regow, vor 643 Tagen, 42 Minuten

    Bücher nicht, Bene-Ordner nicht, Notizblöcke nicht, Zeitungen nicht und und und nicht.

  • hört sich wie eine Mischmasch an

    fenris79, vor 643 Tagen, 21 Stunden, 50 Minuten

    aus papier/elektronisch und oder statisch/animierte/interaktive Karten.

    Das Kartenmaterial wird sich den Verwendungszweck anpassen nicht umgekehrt.

  • Wer einmal gelernt hat,

    daskalbvomgrauvieh, vor 643 Tagen, 22 Stunden, 46 Minuten

    mit der ÖK 50 umzugehen, kann sich kaum elektronischen Ersatz vorstellen.

    Im Straßenverkehr hat das Navi die Nase vorn, obwohl bei langen Strecken eine Ergänzung auf Papier sicher komfortabel ist.

    • solidstate, vor 643 Tagen, 22 Stunden, 31 Minuten

      Wer tage- oder gar wochenlang tu Fuss unterwegs ist und nicht um jede Ecke Batterien bekommt oder eine Ladestation hat, dem fällt sehr schnell der Nachteil von elektronischen Karten auf.
      Dazu kommt noch die Gewichtsfrage, die Lesbarkeit bei starkem Sonnenschein,....
      Beim Wandern bevorzuge ich übrigens den Massstab 1:25 000.

    • regow, vor 643 Tagen, 15 Stunden, 16 Minuten

      ÖMK 50 meinst Du wohl - vorwärts und rückwärts einschneiden. Und dann erst die Bussole mit Stricheinteilung.

    • Die Österreichische Karte (ÖK)...

      format, vor 643 Tagen, 3 Stunden, 9 Minuten

      ...ist das amtliche (topografische) Kartenwerk Österreichs, und wird vom Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV), Wien, laufend gehalten und herausgegeben. Sie wird in den Maßstäben 1:50 000 (ÖK 50) (in Vergrößerung als 1:25 000 (ÖK 25)), 1:200000 (ÖK 200) und 1:500 000 (ÖK 500) angeboten.

    • regow, vor 642 Tagen, 17 Stunden, 59 Minuten

      Die ÖK 25 ist aber nur eine Vergrößerung der ÖK 50. Da gibt es nicht mehr Details.

    • Schon, regow.

      format, vor 642 Tagen, 13 Stunden, 31 Minuten

      Trotzdem hat daskalbvomgrauvieh mit ÖK recht und nicht ÖMK.

  • Thema großteils verfehlt - um gedruckte Landkarten

    bitteichweißwas, vor 643 Tagen, 23 Stunden, 10 Minuten

    geht es in dem Artikel immer nur zwischendurch. Die Überschrift "Landkarten werden nicht aussterben" ist zwar grundsätzlich richtig. Nur ob sie auf Papier sein werden oder elektronisch, ist eine andere Frage. In jedem Fall wird sich ein Kartograph damit beschäftigen, und gar nicht so wenig. Am Papier hat er einen vorgegebenen Maßstab. Elektronisch, beim Zoom, kann man nicht einfach alles vergrößeren oder verkleinern. Da müssen dann Details dazu- oder wegkommen. Und nur wenn er das gut macht, ist auch die elektronische Karte gut zu verwenden.

    Die elektronische Karte kann man auch in der Hosentasche haben. Wenn sie ev. auf einem e-Book-Reader ist / sein könnte, braucht sie auch praktisch keinen Strom und man könnte viele verschiedene Karten in vielen verschiedenen Maßstäben mit haben ohne einen ganzen Rucksack nur für Karten zu verwenden. Eine elektronische Karte am Handy / Navigationsgerät hat halt auch den Vorteil, dass man mit GPS weiß wo man ist. Karten muss man ja auch lesen können. Und nicht zu wenige Leute haben trotz Karte keine Ahnung wo sie sind. Die Technik der Navigation mit Papierkarten (auch und v.a. auf dem Meer) muss man ja auch erst erlernen.

  • ich bring das immer

    dastrawanza, vor 643 Tagen, 23 Stunden, 20 Minuten

    mit ipad, bookreader etc etc...

    solang man mit der "Interaktiven" Landkarte keine Fliege erschlagen kann ohne dass sie beim ersten mal kaputt ist, ist sie uninteressant...

    • dastrawanza, vor 643 Tagen, 23 Stunden, 20 Minuten

      die landkarte, nicht die fliege, weil das insekt überlebt beides net ;)

  • Grafisch na was jetzt!?

    fenris79, vor 644 Tagen, 8 Minuten

    "Typischerweise ist diese Schnittstelle grafisch, weil man herausgefunden hat, dass Menschen sehr gut mit visuellen Informationen umgehen können."
    --------------------------------------------
    "Die große Frage ist, ob Menschen grafische Information tatsächlich besser, schneller und effizienter verarbeiten und wie sie aufgrund der grafischen Darstellung entscheiden."

  • solala, vor 644 Tagen, 2 Stunden, 32 Minuten

    Das Hauptproblem dieser digitalen Karten ist das sie verdammt langsam sind, die Folge sie werden uninteressant!

    http://www.wien.gv.at/stadtplanalt/
    http://www.wien.gv.at/stadtplan/

    Das der alte nicht ersatzlos gestrichen wurde, ist ja wohl dem maßiven Protest zu verdanken so das jetzt Wien zwei Kartenweke hat, eines das sie nicht mehr haben wollen weil veraltert und überhaupt und von den Kunden geliebt, und eines was sie haben wollen Supermodern dem Stand der zeit ist, von den Kuden aber offensichtlich gehaßt.

    Die Vermutung das dahinter die Kartenindustrie steckt um die Verkaufszahlen wieder zu erhöhen ist sicher nur ein Urbanes gerücht...

    • ?

      geodaet, vor 644 Tagen, 17 Minuten

      Der neue Stadtplan ist bei mir genauso schnell wie der alte - aber die Benutzerschnittstelle ist wesentlich besser.

      Das ist wie bei den Wählscheibentelephonen - die gab es auch noch jahrelang nach Einführung der Tastentelephonen weil sich viele Leute einfach nicht umgewöhnen wollten auf etwas neues und vielleicht besseres.

      Und ja: Das ist ein urbanes Gerücht ;-)

    • urban legend

      maxitb, vor 643 Tagen, 22 Stunden, 46 Minuten

      Urbane Legende - wenn schon, dann richtig Kleinspurverschwören :-)

    • dastrawanza, vor 643 Tagen, 22 Stunden, 15 Minuten

      der vergleich mit dem wählscheibentelefon hinkt glaub ich, wählscheibentelefonbenutzer waren -spezell jene die es lang benutzten- Besitzer eines Viertelanschlusses oder Halbanschlusses, ein ganzer Anschluss war verhältnismässig teuer, darum auch kein umstieg.

      Navis sind im Vergleich zu einer Landkarte teuer, und man muss sich ja nicht alle Jahre eine neue Strassenkarte kaufen, darum wird es die Strassenkarten noch lang lang geben.

  • im gelaende

    iggi, vor 644 Tagen, 3 Stunden, 58 Minuten

    die 1:50000er, zum segeln das kartenwerk der hydrographischen institute, alles andere ist doch elektroschas fuer den niemand geradesteht :-D

    • agentbluescreen, vor 644 Tagen, 3 Stunden, 49 Minuten

      für den schnellen "irrweg" zwischendurch sind digitale karten sehr angenehm. hab jedoch letztens auf einem roadtrip nach BIH die Vorzüge von Papierkarten zu schätzen gelernt.

    • habe unlängst

      mantispa, vor 644 Tagen, 2 Stunden, 47 Minuten

      auch auf gooogle-maps dinge entdeckt, die völlig "danebenstehen".

    • agentbluescreen, vor 644 Tagen, 52 Minuten

      na i sag mal zu 90% (in verbindung mit gesundem hausverstand sogar 95%) kann man sich auf das verlassen, was in google maps steht ...

      gegenden in denen ich allerdings gar keine ahnung hab, hab ich lieber papierkarten