
Antarktis: Klimaparadox gelöst
Widersinnige Effekte
Dass die Debatte zwischen Klimawandelleugnern und Klimawandelwarnern nun schon seit Jahren anhält und bisweilen als medialer Krieg ausgetragen wird, hat nicht nur mit den unterschiedlichen Interessen der beiden Lager zu tun. Das Klimasystem der Erde ist komplex - und komplexe Systeme sorgen nicht selten für Überraschungen. Denn das lineare Denken mag zwar im Alltag einwandfrei funktionieren, bei verwickelten Verhältnissen kann es aber auch gehörig in die Irre führen.
Klimawandelskeptiker haben beispielsweise mehrfach auf einen offenkundigen Widerspruch hingewiesen, der die Situation der Antarktis betrifft. Messungen zeigen, dass die Temperatur vieler Meere in den letzten Jahrzehnten angestiegen ist, das trifft etwa auch für den südlichen Ozean zu. Doch trotz der gestiegenen Temperaturen ist das südpolare Seeeis im gleichen Zeitraum angewachsen.
Droht also gar kein Meeresspiegelanstieg infolge schmelzender Eismassen, wie von Klimaforschern landauf, landab verkündet wurde? Climate change denialists, Klimawandelleugner, sehen das so, ihre Gegner aus dem orthodoxen Lager widersprechen dem naturgemäß.
Gewinn durch Niederschläge
Die Studie
"Accelerated warming of the Southern Ocean and its impacts on the hydrological cycle and sea ice" von Jiping Liu and Judith A. Curry im Fachblatt "PNAS".
Letztere bekommen nun Rückendeckung von zwei Meeres- bzw. Atmosphärenforschern. Jiping Liu und Judith Curry vom Georgia Institute of Technology haben historische Daten zu Temperatur, Niederschlägen und Eisvolumina in verschiedene Klimamodelle eingespeist und jenen Mechanismus freigelegt, der für dieses regionale Klimaparadox verantwortlich ist.
Er funktioniert wie folgt: Die Erwärmung der Atmosphäre beschleunigt den globalen Wasserkreislauf, was unter anderem zu mehr Niederschlägen in den antarktischen Gewässern führt. Die Niederschläge, in den allermeisten Fällen in Form von Schnee vom Himmel kommend, isolieren die Oberflächengewässer von den darunterliegenden, wärmeren Wasserschichten.
Außerdem wirkt Schnee auf der Eisoberfläche wie ein Schild gegenüber warmer Luft. Beide Effekte bremsen die Schmelze ab, einmal im Wasser, das andere Mal auf der Eisoberfläche - und zwar so stark, dass sie per Saldo zu einem Wachstum führen.
Kehrtwende möglich
Allerdings hat die natürliche Pufferkapazität dieses Systems durchaus Grenzen, wie Liu und Curry in ihrer Arbeit schreiben. Sollte der Region noch mehr Wärmeenergie in Wasser und Luft zugetragen werden, dann würde sich das Oberflächenwasser stärker erwärmen und die Niederschläge öfter als Regen denn als Schnee abgehen.
"Unsere Ergebnisse zeigen einige interessante Möglichkeiten für zukünftige Szenarien auf", sagte Judith Curry. "Möglicherweise sehen wir innerhalb der nächsten Jahrzehnte eine Kehrtwende in der antarktischen See." Jenseits dieses kritischen Punktes würde auch das überaus robuste Seeeis zu schrumpfen beginnen.
Robert Czepel, science.ORF.at
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