
Mikroben bekämpfen Ölschwaden
Bei der Zersetzung scheint auch viel weniger Sauerstoff verloren zu gehen als befürchtet. "Die Ergebnisse zeigen, dass der Zustrom von Öl die mikrobiologische Besiedlung verändert, indem er das Wachstum von bestimmten kälteliebenden Tiefseebakterien stimuliert", erklärt Studienleiter Terry Hazen von der Berkley Lab's Earth Sciences Division. Diese ähneln bekannten Öl-abbauenden Mikroorganismen. Das erkläre auch den beobachteten Rückgang des Ölschwaden.
Unerforschte Meerestiefen
Beim Untergang der BP-Bohrplattform im April dieses Jahres gelangten gigantische Mengen Öl ins Meer. Zur Bekämpfung des Ölteppichs an der Oberfläche verwendete der Konzern eine Chemikalie (COREXIT 9500), was zur Bildung eines Schwaden von Mikrometer-kleinen Ölpartikeln führte. Die Folgen dieser Maßnahme für die Umwelt - vor allem in den Meerestiefen - waren dabei weitgehend unklar.
Zur Studie in "Science":
"Deep-Sea Oil Plume Enriches Psychrophilic Oil-Degrading Bacteria Causing Rapid Disappearance of Oil" (sobald online) von T.C. Hazen et al.
Die Forscher liefen für ihre Studie mit zwei Schiffen aus, um die physikalischen, chemischen und mikrobiologischen Eigenschaften der unterseeischen Ölschwaden zu untersuchen. Generell wusste man den Wissenschaftlern zufolge bis dahin recht wenig über die mikrobiologische Besiedlung der Meerestiefen im Golf von Mexiko. Die Temperatur beträgt dort etwa fünf Grad Celsius, der Druck ist enorm, und es gibt kaum Kohlenstoff.
"Der Zustrom von Öl bedeutete einen enormen Zustrom von Kohlenstoff in dieses Ökosystem", so Hazen, der in der Vergangenheit bereits einige ölverseuchte Gebiete untersucht hat.
Abbau ohne Sauerstoffverlust
Vom 25. Mai bis zum 2. Juni dieses Jahres sammelte das Team 200 Wasserproben in etwa 1.100 Metern Tiefe. Die Analyse zeigt, dass sie eine große Vielfalt von sogenannten Gammaproteobakterien enthalten.
Von diesen weiß man, dass sie Kohlenwasserstoffe abbauen und ihre Vermehrung durch Öl in kalten Umgebungen stimuliert wird. Interessanterweise verbrauchen diese kälteliebenden Bakterien aber weniger Sauerstoff als andere Öl-abbauende Mikroben. Diese unliebsame Nebenwirkung kann unter anderem zur Entstehung sogenannter Todeszonen führen. Diese Gefahr scheint in diesem Fall nicht zu bestehen.
Selbstheilungspotenzial
Die Sequenzierung ihrer Gene ergab, dass die meisten Mikroben zur Familie der Oceanospirillales gehören. Der zeitliche Vergleich der Proben spricht außerdem für eine schnellere biologische Zersetzung, als zu erwarten gewesen wäre. Bei einer geschätzten Temperatur von fünf Grad Celsius lag die Abbaugeschwindigkeit laut den Forschern deutlich unter der Halbwertszeit von Kohlenwasserstoff.
Das könnte zum Teil auch daran liegen, dass das Öl im Golf von Mexiko sehr viele flüchtige Komponenten enthält, sowie an der kleinen Partikelgröße. Außerdem könnte das natürliche Aussickern von Öl langfristig zu einer Anpassung der Tiefseemikroben geführt haben.
"Die Studie zeigt, dass die Tiefsee selbst ein großes Potenzial zur 'Selbstheilung' nach Ölverschmutzungen in sich trägt", meint Hazen. Das letzte Wort über die Folgen der Umweltkatastrophe ist damit aber vermutlich noch nicht gesprochen.
Eva Obermüller, science.ORF.at


