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Künstlerische Darstellung von Zellen/Mikroben

Auch Bakterien handeln gemeinnützig

Selbst die kleinsten Lebensformen handeln Forschern zufolge unter bestimmten Umständen gemeinnützig. Demnach "opfern" einzelne resistente Bakterien im Kampf gegen Antibiotika ihr eigenes Wohl der Gemeinschaft. Eine Handvoll mutierter Keime kann so das Überleben eines ganzen Stamms sichern.

Resistenzen 02.09.2010

Dies könnte unter anderem erklären, warum die immer häufiger auftauchenden resistenten Pathogene bzw. "Superbakterien" so schwer in den Griff zu kriegen sind.

Dem Antibiotikum entkommen

Einzelne Mutationen führen dazu, dass Bakterien resistent werden; das heißt, die schädigende Wirkung diverser Antibiotika kann ihnen nichts mehr anhaben. Man geht davon aus, dass die mutierten Einzeller gegenüber ihren nicht-resistenten Verwandten einen selektiven Vorteil haben. Während die verletzlichen Pathogene langsam aussterben, übernehmen die mutierten Nachkommen sozusagen das Ruder.

Zur Studie in"Nature":
"Bacterial Charity work leads to population-wide resistance" von Henry H. Lee et al.

Die aktuelle Arbeit eines Teams rund um Howard L. Lee vom Howard Hughes Medical Institute in Boston zeigt hingegen, dass Resistenzen nicht nur - wie bisher angenommen - auf der Ebene einzelner Bakterien funktionieren, wesentlich ist demnach auch die Zusammensetzung der gesamten bakteriellen Population. Um den Fortbestand zu sichern, zieht angesichts bedrohlicher Medikamente die ganze Gemeinschaft an einem Strang.

Zunehmend resistent

Nature-Cover zu bakteriellen Rersistenzen

Für ihre Versuche haben die Forscher Stämme von Escherichia coli steigenden Dosierungen des Breitband-Antibiotikums Norfloxacin ausgesetzt. Das Medikament zielt auf ein Protein, das für die Replikation der DNA wesentlich ist - also für die bakterielle Zellteilung und das Wachstum der Gesamtpopulation.

Laut den Forschern führte die Konfrontation mit dem Mittel in der zu Beginn genetisch völlig identischen Gesamtpopulation bei einzelnen Bakterien zu Mutationen - und damit zu Resistenzen. Die anfänglich geringe und nicht tödliche Dosis des Antibiotikums wurde für eine Weile beibehalten. Das Wachstum der Gesamtpopulation wurde dadurch zwar vorerst gebremst, nach einigen Tagen stieg es allerdings wieder, die Gemeinschaft hat sich an das Mittel gewöhnt bzw. war resistent geworden.

Danach steigerten die Wissenschaftler die Dosis; wieder sank die Wachstumsrate zuerst, war aber nach kurzer Zeit wiederhergestellt. Dieses Spiel wurde insgesamt zehn Tage fortgesetzt. Am Ende konnten die Bakterien eine fünfmal so hohe Dosis von Norfloxacin aushalten als zu Beginn der Versuchsreihe. Aber erstaunlicherweise waren den Forschern zufolge bei weitem nicht alle einzelnen Bakterien resistent geworden. Die Mutanten waren als Individuen sogar weniger erfolgreich bei der Abwehr der Wachstumsstörung, im Vergleich zur Gesamtpopulation.

Mutanten "opfern" sich

Wie die Untersuchung ergab, waren die Mutanten aber dennoch entscheidend bei der Entwicklung der Gesamtresistenz. Nicht dass sich diese - wie zu erwarten gewesen wäre - auf Grund ihrer Resistenz schneller vermehrt hätten: Sie machten auch am Ende nur einen geringen Teil der Gesamtpopulation aus. Ihre speziellen Eigenschaften machen es aber möglich, das Überleben der gesamten Gemeinschaft zu sichern.

Die resistenten Bakterien produzierten nämlich ein kleines Molekül - Indol. Mit dessen Hilfe kann der Einzeller Antibiotika leichter abbauen, gleichzeitig schützt er vor oxidativem Stress. Die Mutanten gaben diesen Stoff an ihre angreifbaren Kollegen weiter, wodurch auch diese das Norfloxacin besser abwehren konnten. Normalerweise können alle Keime Indol produzieren, unter dem Einfluss von Antibiotika wird die Produktion allerdings eingestellt, außer bei entsprechenden Mutationen.

Die Nachbarschaftshilfe ist für die resistenten Bakterien allerdings mit erheblichem Energieaufwand verbunden, deswegen ist ihre individuelle Abwehr auch schwächer als sie sein könnte. "Sie wachsen nicht mehr so gut wie sie könnten, da sie für alle anderen Indol produzieren müssen", so James J. Collins, einer der Studienautoren.

Selbstlos zur Arterhaltung

Aus der Sicht der Bakterienart ist dieses "Verhalten" im Sinne der Gemeinschaft sehr sinnvoll. Sie muss nicht warten, bis sich eine geeignete Mutation in der Gesamtpopulation ausbreitet. Auf diese Weise sind sie schon viel früher gewappnet gegen bedrohliche Medikamente.

Die Ergebnisse stützen laut den Forschern die evolutionsbiologische Theorie der Verwandtenselektion. Diese besagt, dass sich Lebewesen altruistisch gegenüber nahen Verwandten verhalten. Die Selbstlosigkeit der mutierten Bakterie dient demnach einer größeren Sache: dem Fortbestand der Art bzw. der Weitergabe der Gene.

Neue Mittel gegen Superbakterien?

Aus Sicht der Menschen sind die Resultate aus ganz anderen Gründen interessant: Resistenzen sind in den letzten Jahren auf dem Vormarsch; sogenannte Superbakterien - wie zuletzt das NDM1-Bakterium aus Indien, denen kein bekanntes Antibiotikum gewachsen ist, stellen das Gesundheitssystem vor eine schwer lösbare Aufgabe.

Studien wie diese, die zeigen, wie gesamte Populationen Resistenzen entwickeln und wie die einzelnen resistenten und nicht-resistenten Bakterien dabei interagieren, könnten helfen, die Behandlungsstrategien mit Antibiotika zu optimieren, wie Hyun Youk und Alexander van Oudenaarden vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in einem Begleitkommentar schreiben.

Außerdem sollte man laut Collins bei der Entwicklung neuer Antibiotika den Indol-Signalweg bedenken. Vielleicht könnte man verhindern, dass mutierte Bakterien ihre Resistenz mit anderen teilen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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Forum

 
  • und wenn ich kritisiere

    iggi, vor 526 Tagen, 20 Stunden, 47 Minuten

    dass wir seit jahren bombardiert werden mit kollektivistisch-phantastischer interpretation der natur/evolution krieg ich von allen eine auf den schaedel.
    hier jedenfalls ein weiteres beispiel fuer diese kampagne.

  • auch ein stein würde gemeinnützig

    xx13, vor 528 Tagen, 10 Stunden, 29 Minuten

    HANDELN (????) wenn er so manchen computer im orf zerstören würde, besonders den des überschriftenredakteurs...

    NUR menschen handeln (intendiertes verhalten zu einem bestimmten zwecke), tiere verhalten sich und wenn man gut aufgelegt ist, haben auch bakterien ein verhalten, aber sie HANDELN N-N-N-I-I-I-E-E-E !-!-!

    • mantispa, vor 527 Tagen, 15 Stunden, 40 Minuten

      daran ist aber nicht allein der or fschuld.

    • ist nicht nur eine frage der sprache

      iggi, vor 526 Tagen, 20 Stunden, 40 Minuten

      oder schlampiger anthropozentrik, da steckt auch kollektivistische ideologie dahinter. denn selbst wenn man die "operbereitschaft" einiger bakterien fuer das gemeinwohl in anfuehrungszeichen setzt, der totenschaedel faschistischer propaganda bleckt dahinter trotzdem hervor.

  • da ist den autoren sogar noch was entgangen.

    mantispa, vor 528 Tagen, 12 Stunden, 41 Minuten

    wenn einzelne zellen für alle indol produzieren, liegt ja eindeutig ein kriterium eines mehrzelligen organismus vor! bazillen können also wie etwa "schleimpilze" (die eigentlich "tiere" sind) wenigstens zeitweilig den organisationsgrad der vielzeller erreichen - auch ohne wortspiele, so wie's ausschaut.

    • Der Übergang von Einzellner zu Vielzeller ist fliessend

      hosenbeisser, vor 528 Tagen, 12 Stunden, 13 Minuten

      Und diese komische Einteilung und Grenzziehung ist rein willkürlich gewählt und daher völliger Topfen.

    • @mantispa...

      fuchsrob, vor 527 Tagen, 23 Stunden, 43 Minuten

      Schleimpilze sind weder Pilze,Tiere oder Pflanzen. Die lassen sich nicht kategorisieren. Schleimpilze sind einfach schleimpilze. Hosenbeisser hat sie in seiner Überschrift gut charakterisiert.
      Bei den Bakterien liegt nicht das Kriterium eines mehrzelligen Organismus vor, sondern wohl das eines kleinen Ökosystems.

      Generell würde ich die produktion von Indol durch die Bakterien auch nicht für "gemeinnütziges Handeln" handeln. Vielleicht produzieren die anderen Bakterien einfach nur wenig Indol, weil es genügend Indol in der Umgebung gibt, das sie über einen Sensor...

    • fuchsrob, vor 527 Tagen, 23 Stunden, 43 Minuten

      .....messen. Möglicherweise ist dieser sensor bei den mutierten Bakterien kaputt.

  • die Forscher werden noch staunen...

    ironimo, vor 528 Tagen, 19 Stunden, 9 Minuten

    wie kreativ, komplex und gemeinnützig
    das Kleinste sein kann, und es nach dem
    Leben sich richtet und nicht nach dem
    verirrten Geist vieler Neudenker.

    • hier aber

      mantispa, vor 528 Tagen, 15 Stunden, 23 Minuten

      keine spur von "handeln", keie von "gemeinnutz", sonden nur sprachmissbrauch aus unverstand oder auch angeberei.

    • Ja, aber so kann man den Kleinsten schon etwas über...

      alfredsinnegger, vor 528 Tagen, 13 Stunden, 32 Minuten

      ...das Existenzrecht des warmherzigen, gemeinnützig

      sozialen, altruistischen und vor Selbstlosigkeit nur so strotzenden kleinsten Lebewesens Superbakterium beibringen, auf dass sie selbst ebenso selbstlos, altruistisch und mit der selben Sozialkompetenz ausgestattet, zu dem Gemeinwohl dienenden braven Superarbeitsbakterien heranwachsen mögen.

    • nickel, vor 528 Tagen, 11 Stunden, 8 Minuten

       

  • Hm, ich weiss nicht recht - was haltet ihr davon?

    promilleprolet, vor 528 Tagen, 19 Stunden, 13 Minuten

    Ein Bakterium kann sich nicht aussuchen, ob es mutiert oder nicht. Es überlebt nur eine Generation lang und ist mit seinen Anlagen wie es ist "geboren" (also geklont natürlich). Es kann daran nichts ändern.

    Dass sich Bakterien mit Resistenzen langsamer vermehren als ohne, liegt mE daran, daß die Abwehrstrategien "teuer" sind, also mit Energieaufwand verbunden, die zu Lasten andrer Funktionen gehen müssen.

    Das Wesen der Mutation ist der Zufall, d.h. sie ist keine strategische Reaktion auf eine äußere Einwirkung. Nur überleben halt mutierte Stränge in einer Umgebung von Antibiotika länger als nicht mutierte und sind damit im Vorteil. Fällt der Antibiotikaeinfluß weg, geraten die mutierten Stränge wieder ins Hintertreffen gegenüber den Strängen ohne Resistenzen, weil letztere "billiger" produzieren können und die mutierten dadurch "vom Markt verdrängen".

    Daß andere, nicht mutierte Bakterien von den mutierten profitieren, dürfte ebenfals Zufall sein. Nicht alle Abwehrmethoden sind chemischer Natur, es gibt auch mechanische, die nicht übertragbar sind.

    So entwickeln sich "superbug"-Stränge auch wieder "zurück", da auch diese ständig weiter mutieren, und ihre aufwendigen Abwehrmethoden sie im Wettbewerb mit andern nur noch behindern, wenn sie nicht länger den Antibiotika ausgesetzt sind.

    • Ein Bakterium kann sich nicht aussuchen, ob es mutiert oder nicht

      fenris79, vor 528 Tagen, 19 Stunden, 3 Minuten

      kannst du es?

    • ironimo, vor 528 Tagen, 18 Stunden, 48 Minuten

      nur analoge Pragmatiker glauben
      an Zufälle. Auch ein Glaube - nur
      für den Verstand.

    • @ fenris

      promilleprolet, vor 528 Tagen, 18 Stunden, 33 Minuten

      nein, aber bei bakterien wrd es immer so dargestellt oder es hört sich so an.

  • Eher: Selbstlos zur Erhaltung des eigenen Klons

    regow, vor 528 Tagen, 19 Stunden, 49 Minuten

    In einer Bakterienkolonie oder in einem Bakterienfilm sind die Nachbarzellen mit hoher Wahrscheinlichkeit dem gleichen Klon zugehörig, welcher aus einer Zelle hervorgegangen ist - und damit schon nicht mehr so selbstlos.

    Warum sich dieses Verhalten gegenüber das eines Egoisten durchsetzt liegt daran, dass eine einzelne Bakterienzelle so gut wie nie eine Infektion auslösen kann.
    Dafür ist immer ein ordentliches Inoculum(~gewisse Anzahl von Bakterien, Viren, usw) notwendig. Eine einzelne überlebende Zelle ist schlicht nicht ausreichend.

  • Vielleicht würde es sich doch rentieren,

    nickel, vor 528 Tagen, 19 Stunden, 56 Minuten

    eine Sprache zu finden, in der nicht Bakterienpsychologie getrieben wird.
    Ich habe viele Bücher gelesen, in denen auch über Pflanzen und unbelebte Dinge in dieser Weise geredet wird. Ist klar: Die Sprache benötigt die Metapher, sonst kann überhaupt nichts dargestellt werden. Weiters ist es einfach schön, sich in dichterischer Sprache über das Schicksal von Bergen, Bäumen, Bakterien zu verbreiten, oder?

    • nickel, vor 528 Tagen, 19 Stunden, 48 Minuten

      Zur sinnvollen Verwendung von Begriffen, zum Beispiel eine Überlegung.
      Was keine Persönlichkeit hat, kann nicht wirklich ein Schicksal haben. Protopersönlichkeit ist bei höheren Tieren (Bonobos:)) in einem Maß ausgebildet, dass mir die Verwendung des Wortes Schicksal auch dort einleuchtet. Berge, Bäume und Bakterien haben "Persönlichkeit" nur per Projektion. Es ist ein Zeichen für gestörte, verkümmerte Empathie, dauernd darüber hinwegzufaseln.

    • @nickel

      solala, vor 528 Tagen, 18 Stunden, 41 Minuten

      Stimmt, unter der Voraussetzung das quantenmechanische Effekte im Mechanismus keinen Aufgaben erfüllen...

      Dieser Effekt wird inzwischen nicht mehr gänzlich ausgeschlossen und damit ergibt sich ein Problem, das das weitgehend mit der klassischen Physik nicht erfaßbar ist oder dieser gänzlich widerspricht.

      Das ist Streitthema, Fakt ist auch das sich die Relativitätstheorie und Quantenmechanik nicht vertragen, und je mehr wir darüber wissen um so weiter entfernen sich beide und bei keiner der beiden Modelle konnte bisher ein Denkfehler nachgewiesen werden.

      Auch sonnst sind die Überlegungen nicht schön, beginnt hier der ganze Sumpf von Religion und Co. von neuem, etwas das zu Recht in der Wissenschaft total unerwünscht ist.

    • @nickel

      kevinm, vor 528 Tagen, 18 Stunden, 14 Minuten

      Und wie nennt man nun das, was einem Ding oder einem Lebewesen ohne Persönlichkeit widerfährt?

    • mantispa, vor 528 Tagen, 17 Stunden, 54 Minuten

      überinterpretation.

    • nickel, vor 528 Tagen, 11 Stunden, 11 Minuten

      Wie man was nennt, ist immer Vereinbarung. Geschmackssache. Ob ich etwas "Schicksal" oder "Überinterpretation" nenne, ist meine Sache -soviel ist auch klar. Ich schließe mich der Vereinbarung, dass Dinge "Schicksäler" haben, nicht an. Außer in dichterischer Sprache, oder wenn garnichtmehranders ausgedrückt werden kann, was ausgedrückt werden soll *ROFL*.
      Dingen kann nichts widerfahren.