
Wo ist das Öl?
Suche in 1.100 Meter Tiefe
Die Explosion der Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko sorgt nicht nur unter Umweltschützern und Politikern für Aufregung, sie sorgt auch für Debatten unter Wissenschaftlern. Jüngste Ursache für öffentliche Dispute sind zwei Studien, die im August erschienen sind.
In der einen berichteten Forscher um Richard Camilli von der Woods Hole Oceanographic Institution, dass eine 35 Kilometer lange Ölschwade über Monate hindurch mehr oder unverändert in 1.100 Metern Tiefe überdauert habe.
Studien und Berichte:
Tracking Hydrocarbon Plume Transport and Biodegradation at Deepwater Horizon, "Science", Online-Publikation (doi: 10.1126/science.1195223).
Ein Ergebnis, das massive ökologische Konsequenzen nach sich zöge: Wäre der Unterwasser-Ölteppich tatsächlich so persistent wie berichtet, würden viele Meerestiere von Shrimps bis hin zum Blauflossenthunfisch über Monate und Jahre hinweg toxischen Substanzen ausgesetzt. Zu dieser ernüchternden Conclusio kommen Camilli und seine Kollegen aufgrund von Sauerstoffmessungen.
Wie sie in ihrer Arbeit im Fachblatt "Science" schreiben, habe sich im Bereich der Ölschwade der Sauerstoffgehalt nicht wesentlich verändert - was darauf hinweise, dass auch kein nennenswerter bakterieller Abbau des Öls stattgefunden habe.
Durch Bakterien abgebaut?
Deep-Sea Oil Plume Enriches Indigenous Oil-Degrading Bacteria, "Science", Online-Publikation (doi: 10.1126/science.1195979).
Fünf Tage später veröffentlichten Forscher um Terry C. Hazen ebenfalls in "Science" eine Studie zu diesem Thema - diesmal jedoch mit einem ganz anderen Ergebnis. Das Team um den Ökologen vom Lawrence Berkeley National Laboratory hatte nämlich beobachtet, dass Bakterien der Ordnung Oceanospirillales in 1.100 Meter Tiefe ungewöhnlich aktiv sind.
Von verschiedenen Vertretern dieser Ordnung weiß man überdies, dass sie imstande sind, Öl als Energiequelle zu nutzen, und zwar unter Umständen ohne dabei auf Sauerstoff angewiesen zu sein. Hazen und Co. schlossen daraus, dass hier Selbstreinigungskräfte am Werk seien - und sich die Ölschwade (zumindest in Mai und Juni, den Monaten entsprechender Messungen) sukzessive verkleinert habe.
The mystery of the missing oil plume, "Nature" (Bd. 467, S. 16).
Hazen hat in den letzten Wochen nach der Ölschwade im Golf von Mexiko gesucht, fand aber, wie er nun im Fachblatt "Nature" berichtet: nichts. "Wir würden sie gerne finden, um weitere Forschungen über ihren Zustand anzustellen", sagt er. "Aber sie ist nicht da. Ich glaube, dass sie mittlerweile abgebaut wurde."
David Valentine von der University of California in Santa Barbara, hält das für unwahrscheinlich. "Das ist schwer zu glauben", meint der Mikrobiologe gegenüber "Nature" und betont: Die bis dato erfolgten Messungen seien zu bruchstückhaft, um überhaupt seriöse Aussagen über den Verbleib des Öls zu machen.
"Sie hat sich nur bewegt"
Und es gibt Forscher, die unter den logisch möglichen Positionen noch eine dritte Variante vertreten: Samantha Joye hat in einem anderen Bereich des Golfs als Hazes Team nach Resten des Öls gesucht und wurde fündig - 130 Kilometer von jener Stelle entfernt, wo die Schwade zuerst entdeckt worden war. "Die Ölschwade ist nicht weg," sagt die Biogeochemikerin von der University of Georgia. "Sie hat sich nur bewegt."
A New Mixing Diagnostic and Gulf Oil Spill Movement, "Science", Online-Publikation (doi: 10.1126/science.1194607).
Derlei Unstimmigkeiten dürften nicht zuletzt auch von einer zu geringen Kenntnis über die Wasserbewegungen im Ozean herrühren. Ein Mangel, den nun ein neues Computermodell ausgleichen könnte. Wie Forscher in der aktuellen Ausgabe von "Science" berichten, sagte das Modell voraus, dass zumindest ein Teil des Öls zunächst in das Mississippi-Delta gespült, später in Richtung der White Sand Beaches in Pensacola, Florida, wandern und sich schließlich ostwärts in Richtung Panama City Beach bewegen würde.
Messungen der National Oceanic and Atmospheric Administration bestätigten diese Vorhersagen mit einer Genauigkeit von einigen Kilometern. Womit Hoffnung besteht, dass Forscher in der umstrittenen Ölschwadenfrage doch noch einen Konsens erzielen werden. Laut Studienleiter Igor Mezic eignet sich das neue Modell auch für ganz andere Fragestellungen.
"Es ist ziemlich universell", so der Mathematiker von der University of California in Santa Barbara. "Man könnte damit auch die Ausbreitung von Vulkanasche in der Atmosphäre oder die Luftzirkulation in einem Gebäude berechnen."
Robert Czepel, science.ORF.at
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