
Freunde erhöhen den Fortpflanzungserfolg
Soziales Umfeld prägend
Im Wesentlichen wird der Fortpflanzungserfolg von erblichen Faktoren bestimmt. Bei Arten mit einem komplexeren Sozialleben ist es laut den Forschern um Celine H. Frère von der University of Queensland jedoch naheliegend, dass auch die Lebensumstände eine Rolle spielen - insbesondere bei Säugetieren, die ähnlich wie der Mensch eine relativ langsame Entwicklung mit langer mütterlicher Fürsorge durchlaufen. Dazu zählen etwa Primaten, Elefanten und manche Delfinarten. Wenn bestimmte Verhaltensweisen bzw. Wissen auch sozial weitergegeben werden, sei dies ebenfalls prägend. Es könne lebensentscheidend sein, von wem man was lernt.
Wie und ob sich das Leben in der Gruppe auch direkt auf die reproduktive Fitness auswirkt, wurde den Forschern zufolge allerdings bis jetzt kaum untersucht. Eine jüngere Studie an weiblichen Wildpferden habe aber ergeben, dass sich die gute soziale Integration eines Tieres positiv auf die Anzahl seiner Nachkommen auswirkt, und zwar unabhängig von Verwandtschaftsgrad, Dominanzstatus, Alter oder anderen Faktoren. Das heißt, besser integrierte Stuten gebären mehr Fohlen.
Komplexes Sozialgefüge
Zur Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences":
"Social and genetic interactions drive fitness variation in a free-living dolphin population" (sobald online) von Celin H. Frère et al.
Diesen Zusammenhang in freier Wildbahn und langfristig zu überprüfen, ist nicht ganz einfach. Daher wählte das Team ein Gruppe Großer Tümmler, die in der australischen Shark Bay lebt und schon seit Mitte der 1980er Jahre genau untersucht wird. So umfassend wie sie ist weltweit kaum eine andere Delfinpopulation beschrieben. Die Säugetiere zeichnen sich durch besondere kognitive Fähigkeiten und ein hochkomplexes Sozialleben aus. So bilden etwa Männchen innerhalb der Gruppe Allianzen oder Zweckgemeinschaften - ein Verhalten, das man sonst nur vom Menschen kennt.
Weibchen und Männchen bewegen sich meist in getrennten Gruppen, mit zwischenzeitlichen Berührungspunkten. Die Zusammensetzung und Größe der Verbände ändert sich dabei sehr häufig. Für die Studie verwendeten die Forscher die Daten von 52 weiblichen Tümmlern, deren Überlebens- und Reproduktionsrate exakt aufgezeichnet wurde. Durch einen paarweisen Vergleich der einzelnen Tiere versuchten die Forscher nun herauszufinden, welche genetischen und sozialen Faktoren den Fortpflanzungserfolg beeinflussen.
Schutz vor Räubern und Artgenossen
Ö1-Sendungshinweis
Über diese Studie berichtet auch die Sendung "Wissen aktuell", Di., 02.11.2010, 13:55 Uhr
Erwartungsgemäß hatten jene Weibchen mehr Nachkommen, deren Schwestern, Tanten oder Mütter ebenfalls mehr Kälber zur Welt gebracht hatten. Ebenso wichtig wie die erblich bedingten Vorteile scheint den Forschern zufolge aber auch das Sozialleben zu sein.
Denn wie eine Auswertung der Daten ergab, erhöhen viele Kontakte zu anderen, nicht verwandten Weibchen mit großem Reproduktionserfolg auch die eigenen Fortpflanzungschancen. Noch erstaunlicher ist, dass "die positive Wirkung sozialer Gefährten umso stärker war, je weniger die zwei 'befreundeten' Weibchen miteinander verwandt waren", so der Ko-Autor Bill Sherwin von der University of New South Wales.
Laut Frère ist nicht ganz klar, warum soziale Unterstützung für eine erfolgreiche Mutterschaft nützlich sein könnte: "Die Delfine dieser Population werden häufig von Haien attackiert, der Schutz anderer Weibchen könnte für die Fortpflanzung hilfreich sein." Vielleicht bräuchten die Jungtiere aber auch besonderen Schutz vor ihren eigenen männlichen Artgenossen. Eine ihrer vorherigen Studien habe nämlich ergeben, dass junge Weibchen sehr anfällig für Inzucht sind. Diese reduziere aber ihren Fortpflanzungserfolg, denn der so gezeugte Nachwuchs hängt länger an seiner Mutter.
Eva Obermüller, science.ORF.at
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