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Zwei Studentinnen umarmen sich, die eine ist Amerikanerin mit asiatischem Migrationshintergrund

epa

Fulbright-Programm: Mehr als nur Austausch

Über 300.000 Studenten und Forscher haben bisher das Fulbright-Programm für einen Aufenthalt an einer ausländischen Hochschule genutzt. Zum 60. Geburtstag des amerikanischen Programms in Österreich zieht eine Konferenz ein Resümee: Von Anbeginn ging es nicht nur um den Austausch von Wissenschaftlern.

Wissenschaftsgeschichte 17.11.2010

Mindestens ebenso wichtig war und ist die Rolle der "Fulbrighters" als Diplomaten ihrer Kultur. Von dieser Doppelfunktion, ihren und weiteren Konsequenzen schreibt Thomas König, Politikwissenschaftler und Mitorganisator der Konferenz in Wien, in einem Gastbeitrag.

60 Jahre Wissenschaftsaustausch (mit Coca-Cola)

Von Thomas König

Am 11.12. 1952 schrieb die Historikerin Margaret H. Sterne von der Wiener Währinger Straße einen Brief an den Senator des U.S. Bundesstaates Arkansas, J. William Fulbright:

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Porträtfoto Thomas König

Thomas König

Thomas König lehrt an der Universität Wien, ist derzeit wissenschaftlicher Berater der Präsidentin des European Research Council, Helga Nowotny, und hat die aktuelle Konferenz zum Fulbright-Programm mitorganisiert.

"My dear Senator Fulbright - When the Christmas-bells will be ringing from the Stephans-Dom and when all our new Austrian friends will be saying: 'Fröhliche Weihnachten' - I shall be thinking of you who made it possible that we are having all these experiences here. [...] We have discovered new material in the Haus- Hof- and Staatsarchives, and the whole staff has been most generous in its assistance. We really believe that we have helped towards international understanding and friendship. [...] We shall never forget Vienna."

Sterne war eine der ersten von jenen bis heute rund 2.000 Personen, die im Rahmen des Fulbright-Programms einen (meist) einjährigen Auslandsaufenthalt in Österreich absolvierten, um zu studieren, zu lehren, und/oder zu forschen. Das Gleiche haben seit 1950 unter demselben Programm auch rund 3.300 ÖsterreicherInnen in den U.S.A. getan. Weltweit waren rund 300.000 Studierende, Lehrende und Forschende bereits "Fulbrighters". Sternes Schreiben an Fulbright ist nur eines von zahllosen Dankesbriefen an den Senator. In ihm kommt aber die produktive Ambivalenz des Fulbright-Programms besonders pointiert zum Ausdruck.

Kalkulierte Doppelfunktion

Diese Ambivalenz liegt in der absichtsvollen Doppelfunktion jeder Teilnehmerin und jedes Teilnehmers: Als Mitglieder der Wissenschaftszunft ist ihr Aufenthalt einer Beschäftigung mit Aneignung, Weitergabe oder Erforschung wissenschaftlicher Inhalte und Methoden gewidmet.

Konferenz zum Jubiläum

Der Erforschung der vielfältigen Schnittstellen von Politik und Diplomatie mit Wissenschaft und Kunst widmet sich die Konferenz "Impacts. Does Academic Exchange Matter?", die am 18. und 19.11.2010 im Amerikahaus in Wien stattfindet (Programm der Konferenz; für die freie Teilnahme ist eine Anmeldung unter staff@fulbright.at notwendig).

Als solche agieren sie streng nach den Maßgaben ihrer eigenen, eben der wissenschaftlichen Welt, die per se universell ist. Nationale oder kulturelle Grenzen mögen in dieser Welt zwar bestehen, aber sie sind ephemer und stellen keine Entscheidungsgrundlage für die Bewertung von "guter" und "schlechter" wissenschaftlicher Leistung dar.

Doch die Fulbrighters sind auch "Cultural Ambassadors". Indem sie eine längere Zeit (zwischen einem Semester und einem Studienjahr) im jeweiligen Gastland bleiben, kommen sie unweigerlich mit Einheimischen in Berührung.

Wichtig für Kulturdiplomatie

Was nun besonders bemerkenswert ist: Die ausgetauschten Personen - Mitglieder der akademischen Elite ihres Landes - haben keinen Maulkorb, sondern sprechen für sich selbst - ein liberaler Zugang mit Kalkül, beweist sich doch gerade damit Amerika wieder als "Land der Freiheit". Als Kulturbotschafter tragen sie damit - so die wohl berechtigte Annahme - automatisch zu einer differenzierteren Wahrnehmung kultureller Stereotype bei.

Dies war vermutlich in der Frühzeit des Programms besonders wichtig: Ob es die kritischen Anmerkungen der Europäer zur "Rassenfrage" in den 1950er Jahren waren oder die Proteste gegen den Vietnamkrieg eine Dekade später, die amerikanische Gäste fungierten von Anbeginn als Mediatoren.

Umgekehrt brachten die Studierenden in den USA Berichte mit nach Hause, die mit den herkömmlichen Bildern amerikanischer Einfältigkeit nicht mehr viel zu tun haben. Die Fulbrighters spielten eine wichtige kulturdiplomatische Rolle, die über den engen wissenschaftlichen Bereich hinausreicht.

Wie Coca Cola, ein kulturelles Flaggschiff

Das Fulbright-Programm wird heute das "flagship of U.S. Cultural Diplomacy" genannt. Genauso gut könnte man das Coca Cola der akademischen Mobilitätsprogramme dazu sagen: Global bekannt und doch unverkennbar amerikanisch.

Als das Programm gegründet wurde, war der liberale Kern des Austauschprogramms aber keineswegs selbstverständlich. Um 1945 wurde die komfortable diplomatische Isolation der politischen Klasse in Washington D.C. durch hektische außenpolitische Betriebsamkeit abgelöst: Amerikas Werte in die Welt zu exportieren klang einfach, doch dabei prallten höchst unterschiedliche politische Interessen und Überlegungen aufeinander (und das tun sie, nebenbei bemerkt, bis heute).

Sie reichten von großen humanistischen Ideen der Völkerverständigung ("international understanding and friendship", in den Worten M. Sternes) bis zu Instrumentalisierung und propagandistischer Lobpreisung des American Way of Life, und schlossen auch klandestine Geheimdienstoperationen nicht aus.

Widersprüchlich, liberal, rigoros

Resultat war eine Reihe höchst unterschiedlicher Initiativen, die widersprüchliche Botschaften transportierten und oft auch in sich nicht schlüssig waren: Das Radio "Voice of America"; der "Congress of Cultural Freedom" (der, bevor er skandalträchtig wegen CIA-Verwicklungen versank, in Österreich u.a. die Zeitschrift "Forvm" finanzierte); Architektur-, Bibliotheks-, Kunstprogramme; auch regionale, wie etwa das "Salzburg Seminar in American Studies". Und eben ein Austauschprogramm für WissenschaftlerInnen und Studierende, das nach seinem Erfinder, dem demokratischen Senator Fulbright benannt wurde.

Die ausgesprochene Liberalität war freilich nicht das einzige Merkmal, das dieses Programms auszeichnete, als es vor mehr als 60 Jahren in Kooperation mit verschiedenen Ländern sukzessive etabliert wurde (und 1950 in Österreich). Es war nicht das erste zwischenstaatliche akademische Austauschprogramm, aber mit Abstand das größte.

Und es hatte mit einer bemerkenswerten organisatorischen Innovation aufzuwarten: einem rigorosen Auswahlverfahren. Um einen Fulbright Grant zu erhalten waren (und sind) nicht so sehr weiche Kriterien ausschlaggebend, wie etwa die Fähigkeit, amerikanische Werte im befreundeten Ausland vertreten zu können. Im Mittelpunkt standen und stehen vielmehr die wissenschaftliche Leistung und Eignung für die ausgeschriebene Position im Gastland.

Ein unschätzbarer Mehrwert

Unter diesen Bedingungen entwickelte das Programm einen unschätzbaren Mehrwert für jede einzelne Teilnehmerin und jeden einzelnen Teilnehmer. Bei Studierenden und WissenschaftlerInnen ist das Programm bis heute begehrt, weil es aufgrund seines kompetitiven Elements eine hohe Reputation besitzt und daher der Karriere förderlich ist.

Die Mobilität einer großen Zahl von Studierenden und WissenschafterInnen, die zugleich ihre wissenschaftlichen Interessen verfolgen und nebenbei amerikanische Liberalität leben können - das eben war und ist die produktive Ambivalenz des Austauschprogramms, wie sie im Zitat eingangs eindrücklich festgehalten wurde.

Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass das Austauschprogramm einen gewichtigen Anteil an der rapiden Internationalisierung der Wissenschaften seit 1945 gehabt hat - und es hat dieser Internationalisierung eine spezifisch amerikanische Schlagseite gegeben.

Die Folgen des Austauschprogramms

Die generelle Bereitschaft zur Mobilität, heute Credo in den Wissenschaften, geht selbstverständlich mit einer Orientierung auf die USA einher. Heute profitieren U.S. Universitäten auch finanziell beträchtlich vom steten Zustrom ausländischer Studierender, und - Stichwort "brain gain" - WissenschaftlerInnen aus aller Welt bewerben sich um Stellen an amerikanischen Forschungseinrichtungen.

Vorbereitet wurde diese Sogwirkung wesentlich auch durch das amerikanische Austauschprogramm, zumal in den ersten Jahrzehnten des Kalten Kriegs, als Nordamerika etwa für die europäischen Wissenschaften noch ein weitgehend unbekannter Kontinent war.

Das Fulbright-Programm hat aber auch in den vielen teilnehmenden Ländern unverkennbar Spuren hinterlassen. Die Einrichtung der Amerikastudien, die zu Beginn der 1950er Jahre in Europa etwa noch so gut wie unbekannt waren, sind ohne die regelmäßige Lehrtätigkeit von Fulbright Visiting Lecturers an außeramerikanischen Universitäten wohl undenkbar.

Ähnliches gilt für die modernen Sozialwissenschaften, deren spezifisch empirischer Zugang in den USA entwickelt worden war und nach 1945 in großem Stile exportiert wurde - auch hier hatte das Fulbright-Programm maßgebliche Anteile.

Keine Neutralität

In exakten Zahlen kann der Einfluss eines einzelnen Austauschprogramms auf die lokalen Wissenschaftskulturen dieser Welt nicht gemessen werden - einfach weil die Wirkung von Auslandsaufenthalten grundsätzlich schwer messbar ist. Immerhin hat das Programm inzwischen unzählige Nachahmungen gefunden.

Jedes Land, ja jede bessere Universität hat ein Mobilitätsprogramm (und manchmal mehrere). Mobilität ist heute auch deshalb eine Selbstverständlichkeit für WissenschaftlerInnen, weil es eine kulturdiplomatische Selbstverständlichkeit geworden ist.

Ist das nun gut oder schlecht? Aus dem neutralen Blickwinkel der Wissenschaften wäre die Frage durchaus positiv zu bewerten. Doch lehrt uns gerade das Fulbright-Programm, wo politische Intention mit wissenschaftlicher Logik erstaunlich konform geht, dass es eine solche Neutralität nicht gibt.

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