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Eine Detailaufnahme des Carinanebels von Hubble

NASA, ESA, and M. Livio and the Hubble 20th Anniversary Team (STScI)

Die astronomischen Höhepunkte 2010

2010 war für die Astronomie sehr ertragreich: Die Sonne schien nach ihrem Rekordminimum langsam wieder aktiver zu werden. Die Suche nach neuen Exoplaneten wurde fortgesetzt; bereits über 500 wurden gefunden. Berechnungen ließen das Konzept der Dunklen Materie wackeln - und das neue Jahr begann mit einer partiellen Sonnenfinsternis.

Jahresrückblick 31.12.2010

Astronomischer Jahresrückblick 2010

Von Anneliese Haika und Thomas Posch

Gespannt verfolgten Astronomen in aller Welt die Entwicklung der Sonnenaktivität - in Österreich vor allem am Sonnenobservatorium Kanzelhöhe der Universität Graz. Die Sonne befand sich noch immer in einem Aktivitätsminimum, zeigte also viel weniger Sonnenflecken und Energie-Ausbrüche als normal.

die Gymnasiallehrerin A. Haika von der WAA und der Astronom Gerhard Posch

Anneliese Haika ist Gymnasiallehrerin und Mitglied der Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie (WAA). Thomas Posch ist Astronom an der Universität Wien.

Sonneneruptionen
Eruption auf der Sonne.

Ein solarer Aktivitätszyklus dauert im Schnitt 11 Jahre, doch dem letzten Aktivitätsmaximum (2001) folgte ein besonders lange anhaltendes Minimum. Forscher in Potsdam meinen sogar, dass sich die Sonne in der längsten Ruhephase seit einem Jahrhundert befindet.

2010 schien es jedoch wieder langsam "aufwärts" zu gehen im Zyklus der Sonne: Es wurden mehr Flecken und einzelne heftige Sonneneruptionen beobachtet. Diese sogenannten koronalen Masseauswürfe können Funkverkehr, GPS und Satelliten empfindlich stören. Nicht zuletzt deshalb ist die Sonne unter ständiger Beobachtung.

Kleinkörper des Sonnensystems unter der Lupe

Sonnenfinsternis am 4. Jänner

Gleich zu Anfang des neuen Jahres, am 4. Jänner 2011, bot uns die Sonne ein Schauspiel der besonderen Art. Ab Sonnenaufgang war eine partielle Sonnenfinsternis beobachten. Die Sonne wurde dabei von Österreich aus gesehen zu bis zu 78 Prozent verfinstert. Die nächste vergleichbare Sonnenfinsternis wird von Österreich aus erst am 20. März 2015 zu sehen sein.
Mehr dazu in: Spektakel mit Seltenheitswert

Der Komet Hartley 2
Der Komet Hartley 2 in Nahaufnahme.

Die ESA-Raumsonde Rosetta, seit 2004 auf dem Weg zum Kometen Churyumov-Gerasimenko, flog heuer an dem Asteroiden P/2010 A2 (Lutetia) vorbei und schickte Bilder dieses 130 km großen, kraterübersäten Brockens aus der Frühzeit des Sonnensystems zur Erde.

Eine ähnlich lange Reise wie Rosetta hat auch die EPOXI-Sonde der NASA hinter sich. 2005 besuchte sie unter dem Namen Deep Impact den Kometen Tempel 1. Unter neuem Namen wurde die Sonde danach zum Kometen Hartley 2 gelenkt. Im November 2010 schickte sie die bisher spektakulärsten Bilder eines Kometenkerns zur Erde.

Der japanische Sonde Hayabusa brachte winzige Partikel von der Oberfläche des Asteroiden Itokawa zur Erde. Hayabusa besuchte den Asteroiden vor fünf Jahren, kehrte danach zurück und warf eine Kapsel mit den Bodenproben über Australien ab. Die Partikel sind mittlerweile eindeutig als "nicht-terrestrisch" identifiziert. Erstmals liegt somit "selbst geholter" kosmischer Staub von der Oberfläche eines Asteroiden zur Untersuchung auf der Erde vor.

Titan - eine exotische Welt nimmt Gestalt an

Der größte Saturnmond, Titan, ist der einzige Mond in unserem Sonnensystem, der eine dichte Atmosphäre besitzt. Durch die Cassini-Mission der NASA lernen wir diesen faszinierenden Mond immer besser kennen, ganz so, als könnten wir Kolumbus bei seinen Entdeckungsfahrten über die Schulter blicken.

Der Titan mit einem Pfeil zur Region mit den Eisvulkanen
Hinweise auf Eisvulkane.

Ö1 Sendungshinweise:

Über die partielle Sonnenfinsternis berichten die Ö1 Journale, einen Astro-Jahresrückblick machte auch Ö1 Wissen aktuell, am 31.12., 13:55 Uhr.

Die Daten der Raumsonde präsentieren uns eine bizarre Eiswelt: Seen aus flüssigem Methan und Ethan, gewundene Flusstäler und Kanäle, Sanddünen, bis zu 2000m hohe Berge, Eisvulkane, karstähnliche Strukturen - die Liste der entdeckten Landschaftsformen wächst beständig. Auch jahreszeitliche Veränderungen im Klima kristallisieren sich nun, nach sechs Jahren Beobachtung durch Cassini, heraus.

Nachricht aus dem Grenzbereich des Sonnensystems

Die Raumsonde Voyager 1 der NASA hat auf ihrer nun schon 33 Jahre dauernden Reise eine weitere bemerkenswerte Etappe erreicht. Etwa 17,4 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt durchfliegt Voyager 1 nun eine Zone, wo die Geschwindigkeit des nach außen strömenden Sonnenwindes auf Null gesunken ist.

Vermutlich wird er hier vom interstellaren Wind zwischen den Sternen "gestoppt" bzw. seitlich abgelenkt. Voyager 1 wird als erstes von Menschen gemachtes Objekt unser Sonnensystem verlassen. Man hofft, den Kontakt zur Sonde noch bis 2020 aufrechterhalten zu können.

Suche nach einer potenziellen "zweiten Erde"

2010 überstieg die Anzahl der bekannten Exoplaneten (Planeten im Orbit um andere Sterne) die Zahl 500; und von mehr als 50 Sternen weiß man nun, dass sie von mindestens zwei Planeten umkreist werden. Unter den letztjährigen Entdeckungen ist das bisher größte Planetensystem mit sechs bis sieben Planeten um den Stern HD 10180.

Eine Sensationsmeldung war auch die Entdeckung eines Planeten mit nur drei Erdmassen in einer Entfernung von dem Stern Gliese 581, die Leben auf dem Planeten zulassen würde. Diese Entdeckung ist jedoch noch nicht zweifelsfrei bestätigt.

Ein weiterer wichtiger Schritt zur Erforschung dieser fernen Welten war die erste direkte Aufnahme des Spektrums eines Exoplaneten. Das französische Weltraumteleskop Corot, an dessen Entwicklung auch das Institut für Astronomie der Universität Wien und das Institut für Weltraumforschung in Graz beteiligt waren, fand 2010 sieben Exoplaneten.

Schwarze Löcher - nah und fern

Viele große Galaxien beherbergen in ihren Zentren supermassive Schwarze Löcher mit vielen hundert Millionen Sternenmassen. Das Schwarze Loch in der benachbarten Andromeda-Galaxie ist dem in unserer Milchstraße sehr ähnlich. Beobachtungen aus über zehn Jahren zeigen es als meist inaktives, schwach strahlendes Schwarzes Loch mit einer Neigung zu kurzen, heftigen Ausbrüchen, deren Grund bisher unbekannt ist.

Künstlerische Darstellung von "Blasar"
Darstellung eines "Blasars".

Forscher der Universität Innsbruck untersuchten gewaltige Jets, die aus einem weit entfernten, aktiven Galaxienkern, einem so genannten "Blasar", austreten. Sie konnten zeigen, dass der dominante Teil der Jetstrahlung, nämlich Gammastrahlen, viel weiter entfernt vom Schwarzen Loch im Galaxienkern entsteht als bisher erwartet. Ihre Beobachtungen erlauben erstmals ein tieferes Verständnis dieser Jets.

Die Dunkle Materie bleibt rätselhaft

Die Hypothese der "Kalten Dunklen Materie" wird in der Wissenschaft zurzeit allgemein akzeptiert. Durch die Annahme dieser noch unidentifizierten, nicht leuchtenden Form der Materie lassen sich viele Beobachtungen, wie zum Beispiel die Rotationsgeschwindigkeit von Galaxien, erklären.

Die Beobachtung von riesigen Galaxienhaufen, die durch ihre Anziehungskraft das Licht noch fernerer Objekte verzerren ("Gravitationslinseneffekt"), machte es möglich, detaillierte Karten der Verteilung von Dunkler Materie im All zu erstellen.

Astronomen aus Wien und Bonn untersuchten jedoch Zwerggalaxien im Umfeld der Milchstraße und fanden, dass hier Modellrechnungen mit Dunkler Materie und tatsächliche Beobachtungen in wesentlichen Punkten nicht übereinstimmen. Als Konsequenz fordern sie, nicht unter allen Umständen am Konzept der Dunklen Materie fest zu halten, sondern auch nach Alternativen zu suchen.

Weltraumteleskope bei der Arbeit

Mit Hilfe des Hubble-Weltraumteleskops, das nun schon 20 Jahre wertvolle Daten liefert, fanden Astronomen heraus, dass das Universum vor über 11 Milliarden Jahren eine Phase der Erwärmung durchmachte, welche das Galaxienwachstum eine Zeit lang hemmte.

Herschel-Aufnahmen von Roten Riesen
Rote Riesen.

Im Vergleich zu Hubble ist das 2009 gestartete Infrarot-Weltraumteleskop "Herschel" der ESA noch ein Neuling im All – jedoch kein "Junior Partner", denn seine Spiegelfläche ist rund doppelt so groß wie jene von Hubble. Vergangenes Jahr erschienen zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, die auf Herschel-Daten beruhen - so etwa zum Nachweis organischer Molekülen im Weltall oder zum überaschenden Vorkommen von heißem Wasserdampf in einem kohlenstoffreichen Roten Riesen.

Gleich bei mehreren Roten Riesen konnte Herschel deren Staubhüllen räumlich aufgelöst abbilden. Einige dieser Staubhüllen sehen aus wie kosmische "Rauchringe" und sind von großer Bedeutung für den kosmischen Materiekreislauf.

Ausbau der Europäischen Südsternwarte

European Extremely Large Telescope (E-ELT)
"European Extremely Large Telescope" (E-ELT)

Die ESO trifft derzeit Vorkehrungen für den Bau des "European Extremely Large Telescope" (E-ELT). Es wird mit 42 m Durchmesser das größte optische "Fenster" ins Universum sein.

2010 wurde nach langen Tests der Standort für dieses Riesen"auge" festgelegt: der 3060 Meter hohe Cerro Armazones in Chile. Österreich ist seit 2008 Mitglied der ESO, daher arbeiten auch österreichische Wissenschaftler und Firmen an ESO-Projekten mit. Das E-ELT soll innerhalb der nächsten zehn Jahre in Betrieb gehen. Ein Wermutstropfen: Der Trend zu immer größeren Teleskopen führt vielfach zur Stilllegung kleinerer und mittelgroßer Fernrohre.

Aufschwung der Astronomie in Österreich

Auch in Österreich erlebte die astronomische Forschung 2010 einen Aufschwung. Gleich drei Astronomie-Professoren wurden an die Universität Wien berufen: Joao Alves vom Observatorium Calar Alto, Manuel Güdel von der ETH Zürich und Bodo Ziegler aus dem Hauptquartier der ESO in Garching bei München. Für Forschung wie auch Studium der Wissenschaft vom Weltall ergeben sich daraus neue Impulse.

Die astronomischen Jahresrückblicke der vergangenen Jahre:

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    link-tipp:

    tesseract, vor 1199 Tagen, 10 Stunden, 51 Minuten

    http://www.exopolitik.org

  • Auf dieses Posting antworten

    'Rekordminimum der Sonne' bezieht sich nur auf

    iggi, vor 1201 Tagen, 3 Stunden, 47 Minuten

    kurzfrequenten Zyklus. Seit Mitte des 20.Jhdts befindet sich die Sonne
    "in einer ungewöhnlich aktiven Phase ...etwa doppelt so hoch wie der langfristige Mittelwert... höher als jemals in den vergangenen 1000 Jahren ... [man muss] über 8.000 Jahre in der Erdgeschichte zurückgehen, bis man einen Zeitraum findet, in dem die Sonne im Mittel ebenso aktiv war wie in den vergangenen 60 Jahren"

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenaktivit%C3%A4t

    Waehrend aber das kurzfristige Minimum gerne als Erklaerung fuer abflachende Klimaerwaermungszahlen angegeben wird, wird das solare Jahrtausendmaximum typischerweise unter den Tisch gewischt.

  • Auf dieses Posting antworten

    Was ist mit den beiden Pioneer-Sonden?

    iniquity, vor 1203 Tagen, 15 Stunden, 55 Minuten

    Sind die nicht noch weiter draußen :-/

    Anfang der 00er Jahre gab es noch sporadischen Kontakt zu den Pioneer-Sonden, die schon über 30 Jahre lang durch unser Sonnensystem unterwegs sind, und außerdem eine "Plakette" tragen, sollten sie in Tausenden von Jahren irgendwo mal von Außerirdischen gefunden werden o_O

    • tesseract, vor 1199 Tagen, 10 Stunden, 50 Minuten

      http://www.exopolitik.org/wissen/exopolitik-und-ufos/zeugenaussagen/12novnpc/140