"Haustochter gesucht"
Im Mittelpunkt stehen die Berichte einiger dieser heute um die 80 Jahre alten Frauen über die nicht geringen Herausforderungen in der Schweizer Arbeitswelt.
Hohe Löhne im Nachbarland
Die Schweiz war neben England und Holland eines der beliebtesten Zielländer von Österreicherinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten, im Ausland Arbeit zu finden: Sie fanden sich am Vierwaldstättersee ebenso wie in St. Gallen oder Zürich als "Mädchen für alles" und "Haustochter", Küchenhilfe oder als Servierkräfte in "Tea Rooms" und in Gasthäusern wieder.
Literaturhinweis
Anita Prettenthaler-Ziegerhofer, Karin M. Schmidlechner, Ute Sonnleitner "Haustochter gesucht - Steirische Arbeitsmigrantinnen in der Schweiz", Leykam Graz, Bd. 13 der Reihe "Grazer Gender Studies", ISBN 978-3-7011-0183-2
Die bisher wissenschaftlich nicht beachteten Lebensumstände dieser Frauen haben die Historikerinnen Anita Prettenthaler-Ziegerhofer, Karin M. Schmidlechner und Ute Sonnleitner an der Uni Graz untersucht und sehr verschiedene, teils berührende Lebensgeschichten erhoben.
Einhergehend mit der nach 1945 einsetzenden wirtschaftlichen Konjunktur herrschte in der Schweiz ein Mangel an Arbeitskräften in Haushalten und im Gastgewerbe. "Vor allem Frauen aus den strukturschwächsten Regionen - das waren die Süd- und die Oststeiermark - ergriffen die Gelegenheit, in der Schweiz im Gastgewerbe oder in privaten Haushalten Geld zu verdienen", so Karin Schmidlechner. Ohne Ausbildung hätten sie im Österreich kaum Verdienstmöglichkeiten gehabt, außer in der Landwirtschaft, bei harten Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung.
In der Schweiz lockte hingegen vielfach höherer Verdienst. So waren im Jahr 1950 mehr als 22.000 Österreicher in der Schweiz, zwei Drittel davon waren Frauen. Aus der Steiermark brachen bis 1951 mindestens 1.100 Frauen in die Eidgenossenschaft auf.
"Das Paradies": Schokolade und Perlonstrümpfe
Ö1 Sendungshinweis
Über den Internationalen Frauentag berichten zahlreiche Sendungen in Ö1, zu finden unter: oe1.ORF.at/frauentag.
"Es bestanden Traumvorstellungen über ein kleines Paradies", so die Autorinnen. Einige davon haben sich erfüllt: "Viele aßen in der Schweiz ihre erste Banane", erzählt die Rechtshistorikerin Anita Prettenthaler-Ziegerhofer.
Ihren Verdienst haben die jungen Frauen zwar großteils nach Hause geschickt, aber etwas blieb doch übrig, um sich ein wenig Luxus leisten zu können: Schokolade, Perlonstrümpfe, Netzhandschuhe oder ein Kostüm wurden immer wieder genannt. "Wenn sie dann zurückkamen, waren sie die mondänen Damen und motivierten damit weitere Frauen, in die Schweiz zu gehen".
Arbeit ohne Absicherung
Die Arbeitsmigrantinnen waren hochmotiviert und nahmen viel auf sich, zeigen die Schilderungen der 15 ehemaligen steirischen Gastarbeiterinnen, die Ute Sonnleitner im Rahmen der Studie, die nun auch als Buch vorliegt, interviewt hat. "Bei manchen Familien sind die Frauen richtig ausgenützt worden, bei anderen fanden sie relativ angenehme Bedingungen vor", so Sonnleitner. Arbeitsrechtlich waren die Frauen kaum abgesichert.
Prettenthaler-Ziegerhofer: "Ob der Arbeitgeber sie pensionsversichert hatte, erfuhren sie meist erst dann, als sie in Österreich um ihre Pension ansuchten. Hinsichtlich der Arbeitszeitregelung kann man den Interviews entnehmen, dass viele Frauen mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiteten und die Zimmerstunde, der freie Nachmittag oder gar das freie Wochenende zwar gewährt wurden, doch nicht umsetzbar waren."
science.ORF.at/APA
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