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Mehrere geisteswissenschaftliche Zeitschriften aus Österreich liegen übereinander

Ohne Subventionen vor dem Aus

Das Wissenschaftsministerium spart weiter: Ab kommendem Jahr werden wissenschaftliche Zeitschriften, Einzelpublikationen und Symposien nicht mehr subventioniert. Besonders Geisteswissenschaften sowie junge Forscher und Forscherinnen sind davon betroffen. Elektronisches Publizieren ist nicht unbedingt eine Alternative.

Zeitschriften 23.03.2011

Unruhe im Ruhestand

Obwohl seit Jahren im Ruhestand, hält Heinz-Dieter Pohl am Institut für Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Universität Klagenfurt nach wie vor Lehrveranstaltungen ab. Auch seine Herausgebertätigkeit von gleich drei wissenschaftlichen Zeitschriften hat er nicht eingestellt. Vor einigen Tagen ist dem ruhigen Professor der Kragen geplatzt.

"Ich habe vom Präsens Verlag erfahren, dass die zwei Zeitschriften, die ich bei ihm herausgebe, vom Wissenschaftsministerium nicht mehr unterstützt werden. Daraufhin habe ich eine Anfrage an das Ministerium gestellt, und das wurde postwendend bestätigt. Die Zeitschriften stehen damit vor dem Aus", erzählt Pohl.

Aus Protest hat er am vergangenen Wochenende eine Unterschriftenliste ins Internet gestellt, die mittlerweile (Stand: 23.3.) von rund 340 Personen von Universitäten und aus dem akademischen Umfeld unterschrieben wurde.

"Katastrophe für Verlage"

"Monatelang ist die Einstellung der Subventionen als Gerücht durch die Verlage gegeistert", erklärte Markus Hatzer, Verleger des Studienverlags in Innsbruck, gegenüber science.ORF.at. Durch die Unterschriftenliste von Heinz-Dieter Pohl ist die Angelegenheit öffentlich gemacht worden.

"Das ist nicht nur für die wissenschaftlichen Verlage eine Katastrophe, sondern auch für junge Forscher und Forscherinnen, denen Publikationsmöglichkeiten abhanden kommen", sagt Hatzer.

Der Studienverlag gibt seinen Angaben zufolge 19 Zeitschriften aus dem geistes- und kulturwissenschaftlichen Bereich heraus, darunter "Zeitgeschichte", das "Medien Journal" und das "Journal für Lehrerinnen- und Lehrerbildung". Die Hälfte der Zeitschriften sind durch die Ankündigung des Ministeriums in ihrer Existenz gefährdet, so Hatzer.

BMWF: "Schmerzlich, aber notwendig"

Das Wissenschaftsministerium (BMWF) bestätigt mittlerweile auch offiziell. Die Subventionen für wissenschaftliche Zeitschriften, Einzelpublikationen und Symposien sind ab dem 1. Jänner 2012 gestrichen. Heuer stehen noch 700.000 Euro zur Verfügung, genau die Hälfte der 1,4 Millionen Euro, die im Vorjahr für den Bereich budgetiert waren. 2010 wurden damit 625 Einzelpublikationen gefördert sowie 225 Zeitschriften bzw. wissenschaftliche Reihen. Für Veranstaltungen standen 595.000 Euro zur Verfügung, heuer sind es nur noch 480.000 Euro.

Ministerin Beatrix Karl (ÖVP) habe immer wieder klargestellt, dass Kernbereiche ihres Ressorts wie die Universitäten, der FWF und die Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft nicht von Budgetkürzungen betroffen sind, heißt es aus dem Wissenschaftsministerium.

"Aber: Auch das BMWF muss - wie alle anderen Ministerien - einen Konsolidierungsbeitrag leisten und dazu sind leider auch Einsparungen notwendig. Im BMWF wird das Einsparen der Druckkostenzuschüsse als schmerzlicher Schritt gesehen, aus budgetären Gründen ist es aber leider notwendig", so das Ministerium gegenüber science.ORF.at.

Elektronisches Publizieren keine Alternative

Ö1 Sendungshinweis:

Über aktuelle Entwicklungen der Budgetpolitik berichten die Ö1 Journale.

Mit den Einsparungsmaßnahmen werden vermutlich auch einige Zeitschriften eingespart. Betroffen davon wären in erster Linie Geisteswissenschaften und junge Forscher, heißt es etwa vom Facultas Verlag in Wien, der u.a. die "Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft" herausgibt.

Dem pflichtet auch Michael Hatzer vom Studienverlag bei: "Wenn jetzt der Vorschlag kommt, wir sollten doch elektronisch publizieren, muss man zwei Dinge festhalten. Zum einen wirkt sich das Trägermedium auf den Inhalt eines Textes aus. Die Inhalte von Geisteswissenschaften erschließen sich oft erst über längere Lesestrecken, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften. Und dazu brauchen wir auch weiter den Druck. Zum anderen sind elektronische Publikationen auch nicht wirklich billiger. Die meisten Kosten entstehen durch Redaktion, Lektorat und Marketing, nicht durch den Druck", sagt Hatzer.

Stellenwert der Geisteswissenschaften

Er sieht durch die Einstellung der Druckkostenzuschüsse die prinzipielle Frage aufgeworfen, welchen Stellenwert die Geisteswissenschaften in Österreich haben. Wenn etwa Zeitschriften für Zeitgeschichte aufhören würden zu existieren, könnten junge Forscher ihre Artikel zwar noch immer bei deutschen Verlagen einreichen.

"Aber für die sind regionale Aspekte aus Österreich sicher weniger interessant", meint Hatzer. Und das könnte letztlich die Publikationsmöglichkeiten und auch die Themenvielfalt der Forschung reduzieren.

Eine Ansicht, der sich auch Heinz Dieter Pohl anschließen könnte, der mit seiner Unterschriftenaktion gegen die Sparmaßnahmen an die Öffentlichkeit gegangen war und nebst anderem die Eigenheiten des österreichischen Deutsch erforscht.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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Forum

 
  • sparen am falschen Fleck

    cyberpunk, vor 790 Tagen, 20 Stunden, 12 Minuten

    nicht böse sein aber im Bereich von Fachpublikationen zu sparen ist aus wissenschaftlicher Sicht unsinnige Selbstdemontage. Obgleich die Auflagen und das öffentliche Interesse bei vielen wissenschaftlichen Fachzeitschriften nicht gerade hoch sind, geht es um nicht weniger als ums wissenschaftliche Kerngeschäft: Also das Forschen und Publizieren des wissenschaftlichen Nachwuchs! Noch brisanter wird diese Angelegenheit unter dem Aspekt, dass das Ansehen und der Erfolg einer Person im heutigen Wissenschaftssystem auf Quantität beruht. Die Quote eines/einer Wissenschaftlers/Wissenschaftlerin wie viel er/sie publiziert hat und vor allem wie oft er/sie in Fachpublikationen zitiert wurde ist heute Maßstab für den wissenschaftlichen Erfolg. Hinzu kommt der Umstand, dass rein elektornische/digitale/www Publikationen als zitierbare Literaturquellen einfach nicht den gleichen angesehenen Stellenwert aufweisen wie eine Druck-Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Fachverlag. Doch aufgrund der vom Ministerium veranschlagten Einsparungen ist hier das ökonomische Kapital leider ausschlaggebender als das soziale oder kulturelle Kapital.

  • überfällige reform!

    karlgaard, vor 790 Tagen, 23 Stunden, 11 Minuten

    gut, dass ein wenig aufgeräumt wird im subventionsdschungel. die verlage haben mit hilfe der subventionen von ministerium und nationalbibliothek ja schon jeden müll publiziert, das war ja ein regelrechtes geschäftsmodell. was sich am markt nicht verkauft, kann in mikroskopischen auflagen im eigenverlag publiziert werden, online gestellt oder in den papierkorb verschoben werden.

    • International publizieren

      regow, vor 790 Tagen, 1 Stunde, 23 Minuten

      Auch Junge Forscher wollen international publizieren. Diverse Zeitschriften von lokalen Gesellschaften liest kein Mensch.
      So gesehen also eine richtige Vorgangsweise.
      Wir dürfen weiters nicht vergessen, dass auch an den Universitäten noch viel Bürokratie abgebaut werden kann; nicht so sehr an den Instituten sondern eher in den Dekanaten.
      PS: SAP wird beim Bürokratieabbau nicht helfen.

  • Subventionen, Subventionen usw.

    bitteichweißwas, vor 790 Tagen, 23 Stunden, 40 Minuten

    Gerade junge Forscher werden sich sicher auf neue Publikationsformen einstellen können. Die Forscher schreiben ja heute auch nicht mehr wie die Mönche vor ein paar hundert Jahren mit der Hand.

    Die Frage ist sowieso, wenn sich ein Druckwerk nicht rentiert, ist wohl die Auflage so gering, dass es sich sowieso nicht auszahlt. Nicht einmal auszahlt Werbung zur weiteren Finanzierung zu bekommen.

    Wieso man allerdings ganze Bücher auf eReadern etc. lesen kann, aber wissenschaftliche Texte nicht, entschließt sich mir auch nicht. Ich lese oft viele Seiten von offiziellen Rundschreiben von Behörden usw. am Bildschirm und hab auch kein Problem damit.

    • funkelfels, vor 790 Tagen, 22 Stunden, 59 Minuten

      das Lesen von Unterhaltungsliteratur hat eine ganz andere Haptik als von wisssenschaftlichen Texten. Bei zweiterem ist schnelles Hin- und Herblättern oft wichtig, was eInk-Reader nicht können (und nein TFT-Displays sind sowiso keine Alternative). Auch sind Unterstreichungen, Anmerkungen, Markierungen oft sehr hilfreich. Auch kein eInk-Reader, der das überzeugend kann. Und schließlich ist da noch die Bildschirmgröße, wissenschaftliche Artikel sind meist auf A4 (oder Letter) ausgelegt, und nicht leicht reformatierbar, und selbst wenn, Diagramme usw.

      Dennoch kann man, und das tun ja die meisten, die relevanten Artikel einfach am Laserdrucker ausdrucken. Nicht die umweltfreundlichste Art, aber noch besser als zig Zeitschriften zu versenden, die dann eh kaum wer liest. Wenn die eReader mal in Blättergeschwindigkeit, elektronischen Stift und Bildschirmgröße überzeugen können, dann wird sicher der Großteil bald umschwenken. Wenn auch sicher wieder die Geisteswissenschaftler weit abgeschlagen als letztes :-)

  • funkelfels, vor 790 Tagen, 23 Stunden, 54 Minuten

    In wie weit Kosten im Druck oder der Redaktion entstehen kann ich nicht beurteilen. Kenne aber schon eine Wissenschaftsvereinigung die eine Menge Geld gespart hat, mit dem Entschluss, den Jahresbericht künftig nur noch elektronisch an ihre Mitglieder zu schicken.

    Zum Kommentar:

    "Zum einen wirkt sich das Trägermedium auf den Inhalt eines Textes aus. Die Inhalte von Geisteswissenschaften erschließen sich oft erst über längere Lesestrecken, im Gegensatz zu den Naturwissenschaften"

    Das stimmt überaupt nicht. In den Naturwissenschaften liest auch keineR die PDFs am Bildschirm. Der Artikel, der interessiert wird ausgedruckt. Kaum jemand liest sowiso irgendeine wissenschaftliche Zeitschrift von Deckel zu Deckel. Also "Trägermedium" beim Lesen ist auch fürs Online publizieren letztlich wieder Papier. Da aber nur noch gedruckt wird, was wirklich gelesen wird, spart das am Ende trotzdem eine Menge Papier.

    Das der Karl-schlag weiter den Wissenschaftsstandort Österreich noch weiter schwächt, ist leider nichts neues.

    • funkelfels, vor 790 Tagen, 23 Stunden, 52 Minuten

      Also die Pauschalaussage Geisteswissenschaft kann nicht vernünftig online publizieren, das ist entweder bewusst verdreht oder phantasielos.

  • war auch Zeit

    geologic, vor 791 Tagen, 20 Minuten

    Die Wissenschaftsverlage waren bisher ohne Konkurrenz. Kassierten für's publizieren und dann für die Artikel massig Geld. Zeitschriften Abonnements waren nur für Bibliotheken leistbar, und da auch immer weniger wegen der übertriebenen Kosten.
    Dafür bekommen die Verlage jetzt die Rechnung präsentiert.
    Jede Uni, jedes Institut hat heute eine Internetseite wo Artikel als PDF publiziert werden können. Die peer-review kann man unter Kollegen selbst organisieren oder über einen wissenschaftlichen Blog.
    Generell ist das ein Fortschritt, der peer review Prozess wird offen und rasch durchgezogen und die Publikation erfolgt in einem Bruchteil der Zeit.

    • funkelfels, vor 790 Tagen, 23 Stunden, 59 Minuten

      uh? dir ist schon klar, dass das jetzt nur die kleinen verlage trifft, die froh über jedeN leserIn waren? Springer, Nature/Science und Co. kassieren noch nachwievor massig ab.

  • Junge Forscher betroffen...?

    stefan815, vor 791 Tagen, 2 Stunden, 9 Minuten

    Ich bin mir nicht sicher wieso ausgerechnet junge Forscher betroffen waeren? Bei jeglicher Abgabe eines Artikels zu Fachzeitschriften oder bei Anmeldung zu einer Konferenz ist bislang noch nie mein Alter gefragt worden...
    Die Annahme, dass man als Jungforscher (ein an sich schon dummes Wortkonstrukt - wenn man forscht, forscht man immer an was Neuem - demnach ist und bleibt man Jungforscher) in no-name wissenschaftlichen Zeitschriften "einfacher" einen Artikel bekommt (naja ist ja ein Jungforscher - die REsultate sind belanglos aber drueckma ein Auge zu) ist ein Armutszeugnis fuer die Qualitaetskriterien dieser Journale und als solches ist eine Streichung der Subvention verstaendlich. Ich wuerde allerdings bevorzugen, wenn an Stelle der Kuerzung eine Umschichtung der Mittel erfolgt und erfolgreiche oder potentiell erfolgreiche neue Zeitschriften gefoerdert werden.

    • Renommierte Wissenschafter

      wolfx, vor 791 Tagen, 14 Minuten

      nutzen etablierte Netzwerke und können ihre Artikel mit Hilfe von Auftraggebern und Sponsoren problemlos publizieren. Die jungen Forscher werden von der Wirtschaft und von staatlichen Institutionen wesentlich weniger unterstützt.

    • neroclaudius, vor 790 Tagen, 23 Stunden, 46 Minuten

      wenn es weniger publikationsmöglichkeiten gibt, betrifft es prinzipiell alle forscher. aber eines ist schon klar, als junger unbekannter musst du schon wesentlich mehr an qualität liefern als ein älterer etablierter, um diesem vorgezogen zu werden.

      es ist ja naiv zu glauben, dass netzwerke in den wissenschaften keine rolle spielen. und wenn es um die werbung von privaten sponsoren geht, kann man als junger sowieso gleich brausen gehen.

      mich jedenfalls kann die wissenschaft bald am a... . so wie man hierzulande mit der wissenschaft umgeht, soviel idealismus ist einfach nicht aufzubringen

    • netzwerke...

      stefan815, vor 790 Tagen, 20 Stunden, 58 Minuten

      @ neroclaudius: ich selber bin seit einiger Zeit in den Vereinigten Staaten (so viel zu "Forschung in A am A...") und gebe Ihnen recht, dass Netzwerke extrem wichtig sind - allerdings ist es auch Aufgabe des (Jung)Forschers diese Netzwerke selbst zu schaffen, sowie seine Selbstvermarktung, etc. - eine reine Laborratte (zaehle mich zu dieser Gattung) wird eine reine Laborratte bleiben, wenn man nicht von sich selbst aus der Komfortzone herausbricht - und ja es braucht Zeit
      @ wolfx:
      es ist es jedem selbst ueberlassen qualitaet und quantitaet aufzuteilen - ich bevorzuge qualitaet (oder zumindest das was ich fuer qualitaet halte) und ich glaube die meisten Zeitschriften ebenfalls. Wenn (lokale) Zeitschriften die Quantitaet auf Kosten der Qualitaet unterstuetzen, dann finde ich es richtig den Geldhahn abzudrehen. Gute Qualitaetsforschung wird auch ohne Netzwerk angenommen - demnach faende ich es besser, nicht die Zeitschrift zu unterstuetzen, sondern die Forschung. Es hat den Anschein von mangelnder Qualitaet und Relevanz, wenn einerseits die Forschung unterstuetzt wird und dann auch noch ein Platz geschaffen werden/unterstuetzt werden muss um sie zu publizieren. P.S. Auch renommierte Forscher waren mal jung...