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Eine Frau flüstern einem Mann etwas ins Ohr

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Sprachmuster: Eher kulturell als biologisch

Zwei aktuelle Publikationen untersuchen die Geschichte und die Vielfalt der Sprache und kommen zu zwei markanten Schlussfolgerungen: Die historische Wiege der Sprache dürfte in Zentral- oder Südafrika liegen. Und die Muster der Sprache werden stärker von der kulturellen Evolution bestimmt als von unserer Biologie.

Linguistik 18.04.2011

Kultur versus Natur

Bestimmte grammatikalische Muster sind über Sprachen hinweg erstaunlich konstant. Diese Beobachtung hat zu einem langen Disput in den Sprachwissenschaften geführt: Sind in verschiedenen Sprachen parallel auftauchende Muster universal und damit möglicherweise über Strukturen im Gehirn und somit genetisch festgelegt? Oder sind sie kulturell entstanden?

Wissenschaftler um den Linguisten Michael Dunn vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik haben in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature" eine Studie präsentiert, die Hinweise zugunsten der Kultur liefert.

Kulturelle Evolution bestimmt die Sprache

Die Wissenschaftler haben 301 Sprachen aus den folgenden vier großen Sprachfamilien analysiert: Austronesisch, Indo-Europäisch, Bantu und Uto-Aztekisch. Diese Sprachfamilien repräsentieren circa ein Drittel der derzeit bestehenden circa 7.000 Sprachen weltweit. Untersucht wurde in der Studie, ob das Verb vor dem Objekt steht (zum Beispiel "Ich lege den Hut in den Kasten") oder umgekehrt ("Ich den Hut lege in den Kasten"). Zudem wurde beachtet, ob eine Präposition vor dem Hauptwort ("in den Kasten") oder danach ("den Kasten in") steht und ob es einen Zusammenhang zwischen dieser Wortstellung und jener von Objekt und Zeitwort gibt.

Das Ergebnis war, dass in den verschiedenen Sprachen einer Sprachfamilie alle Kombinationen vorkommen können. Demnach bestimmt kulturelle Evolution einer Sprache ihre Struktur. Die historische Abstammung einer Sprache und ihre früheren Ausprägungen hätten mehr Einfluss auf die Struktur der Sprache, als bisher vermutete generelle Muster.

Widerspruch gegen universelle Regeln

Die Erkenntnisse widersprechen daher zwei gängigen Theorien, die davon ausgehen, dass bestimmte Muster der Sprache universal seien. Der Linguist Noam Chomsky etwa vertritt die Meinung, dass bestimmte Elemente der Grammatik wie zum Beispiel die Wortstellung Teil des angeborenen Sprachvermögens seien und sich daher nach Regeln entwickeln würden, die auf alle Sprachen anwendbar seien.

Der Sprachwissenschaftler Joseph Greenberg hingegen bezweifelte zwar, dass eine universale Grammatik angeboren sei, ging aber ebenfalls von einer universellen Wortordnung zwischen den Sprachen und Sprachfamilien aus. Allgemeine Mechanismen der Sprachverarbeitung im Gehirn würden demnach die Reihenfolge von Wörtern und Satzteilen festlegen. Nach den Ergebnissen der Studie von Dunn und seinen Kollegen werde die Sprachstruktur aber weniger biologisch als vielmehr kulturell festgelegt.

Afrika: Wiege der Menschheit und der Sprache

Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell

Noch eine andere sprachwissenschaftliche Studie ist letzte Woche in der Fachzeitschrift "Science" erschienen. Der Psychologe und Evolutionsbiologe Quentin D. Atkinson hat an 504 Sprachen untersucht, wie viele Phoneme sie enthalten. Phoneme sind die kleinsten, bedeutungsunterscheidenden Einheiten einer Sprache, also Laute, die einem Wort einen anderen Sinn geben. So gibt etwa das "i" in "Ring" dem Wort eine andere Bedeutung als das "a" in "Rang". Ein gerolltes und ein nicht gerolltes "r" hingegen sind keine Phoneme, da sie zwar anders klingen, aber keine unterschiedliche Bedeutung ergeben.

Atkinson hat festgestellt, dass die Anzahl der Phoneme in Zentral- und Südafrika am größten ist und in anderen Regionen der Welt geringer. Er schließt daraus, dass die Sprache so wie die Menschheit in Afrika entstanden sein muss. Denn ein ähnlicher Mechanismus des Verlusts an Vielfalt zeige sich auch in der genetischen Vielfalt der Menschen: Und dieser Umstand gilt als Hinweis auf den biologischen Ursprung der Menschheit in Afrika. Daher nimmt Atkinson die abnehmende Vielfalt der Phoneme als Zeichen dafür, dass auch die Sprache aus Afrika stammen muss.

Mark Hammer, science.ORF.at

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Forum

 
  • Wie zählt man Phoneme?

    hospitierendesfossil, vor 1231 Tagen, 19 Stunden, 39 Minuten

    Ich bin dafür, mal in den alpinen Dialekten durchzuzählen. Wahrscheinlich wird dabei herauskommen, dass die Sprache in den Alpen entstanden sein muss.

    Lautsprache ist ein Kleingruppen / Familien - Phänomen. Akustische Massenmedien, welche dies wirksam ausgleichen, sind eine äußerst neue Erscheinung in der Kultur.

    Es ist frustrierend immer wieder zu lesen, wie die Wissenschaft auf die Lautsprache fixiert ist. Diese hat später in der Hirnentwicklung Dominanz erlangt, vorhergegangen ist Gebärdensprache. Dass menschliche Kommunikation zuerst in Afrika entstanden sein mag, halte ich allerdings für gut möglich *grins* angesichts der bisher bekannten Fundlage hinsichtlich der Hominidae - Verwandtschaft!

    Und was in aller Welt soll "kulturelle Evolution" sein? Ja, auch Kulturen entwickeln sich irgendwie nach Opportunitäts - Prinzipien. Aber "Evolution" ist längst zum Junkwort geworden.

    • Schrift setzt natürlich Normen

      hospitierendesfossil, vor 1231 Tagen, 19 Stunden, 31 Minuten

      Buchstabenschrift "zählt" quasi dem Anwender Phoneme vor, vor allem, wenn sie so weit kommt, Vokale zu bezeichnen. Dieser kulturelle Trick, der inzwischen seit Jahrtausenden funktioniert, ist eine wichtige Rationalisierungsleistung.

    • rationalisierung ????

      iggi, vor 1231 Tagen, 7 Stunden, 34 Minuten

      verkomplizierung wohl eher. ausser 'gibma' und 'schleichdi' braucht man keine phenome zum leben, und diese begriffe lassen sich mit einfachen faust signalen vermitteln.

    • hospitierendesfossil, vor 1231 Tagen, 1 Stunde, 53 Minuten

      iggi - Dauerquaken. Das hat man davon :-( Na ja, wie gesagt, menschliches Verständnis dafür habe ich.
      Mein Hinweis auf alpine Dialekte hatte, zugegeben, etwas von einem absichtlichen scherzhaften Missverständnis. Denn so, wie die Afrika - Studie hier zitiert wird, gibt sie nicht viel her. Hat dies alles andere zerstört?
      Entstehung und Geschichte der Sprache ist ein wichtiges Thema, Berichte dazu begrüßenswert.

    • hospitierendesfossil, vor 1230 Tagen, 22 Stunden, 8 Minuten

      Wahrscheinlich besser, sich hier "lockeres Schreiben" ganz abzugewöhnen.
      Es ist für die anderen nicht interessant, ob irgendwer (aus allgemeiner Stimmung heraus vielleicht nur) irgendwas zu maulen hat.

      Aber wäre die Konsequenz daraus, man schreibt nur, wenn man eigene Fachkenntnisse hat? Weil man sonst gar nicht in der Lage ist, einen weiteren Aspekt anzusprechen?
      Bei Fragen gibt es schließlich vielfältige Möglichkeiten im www, Auskünfte einzuholen, ohne hier herumzuspammen. Ich weiß nicht, ob die per Rundfunkgesetz eingeschränkte Möglichkeit, zu posten, vor allem an der Abwanderung schuld ist. Es gibt eben Phasen.

    • iggi, vor 1230 Tagen, 20 Stunden, 34 Minuten

      einen gedanken vor dem anderen, sonst wird nichts draus.

    • hospitierendesfossil, vor 1230 Tagen, 16 Stunden, 29 Minuten

      Ein Gedanke ist hier, ob du absichtlich einen Scherz machen wolltest, mit deinen "phenomen". Habe ich mich gefragt, was es sollte, ob es möglicherweise doch nur ignorantes Geschwafel mit null Ahnung und noch weniger Interesse war.

    • iggi, vor 1230 Tagen, 15 Stunden, 8 Minuten

      scherz, ahnung, interesse ... alles nur scheinphenome ;-)
      ich bin allerdings schon laenger ueberzeugt dass sich das gefuehlsleben des menschen letztlich auf die polaritaet "oasch-leinwand" reduzieren laesst, und dass sich menschen mit diesen empfindungen gleich amoeben zwischen hell-dunkel ihr existentielles stratum bewahren. tja, und so mag nun auch die zwischenmenschliche beziehung auf eine simple polaritaet zurueckzufuehren sein, wie angefuehrt.

      apropos "ignorantes geschwafel mit null Ahnung und noch weniger interesse" - da sprichst du wohl von meinem aufsatz ueber paul feyerabend (das linke gfrastsackl), der noch immer nicht fertig ist.
      :-)