Standort: science.ORF.at / Meldung: "Eltern befürworten Gentests an Kindern"

Drei Röhrchen mit einer Doppelhelix

Eltern befürworten Gentests an Kindern

Wenn US-amerikanische Eltern ihre Kinder auf Gesundheitsrisiken testen lassen könnten, würden sie laut Studie auch zu umstrittenen Gentests greifen. Die österreichische Bioethikkommission rät von über Internet oder Drogerien beziehbare Gentests bei Kindern und Jugendlichen eindeutig ab: Zu unsicher sind deren Ergebnisse.

USA 19.04.2011

In den USA und Großbritannien ist "Personalized Genomics", also die Erforschung des eigenen Genoms, bereits ein eigener Geschäftszweig, auf den sich zahlreiche Unternehmen spezialisiert haben. Dort scheint auch die Bereitschaft der Menschen größer, ihr eigenes, offenbar aber auch das Erbgut ihrer Kinder auf Risiken auswerten zu lassen.

Die Studie:

"Parents' Attitudes Toward Pediatric Genetic Testing for Common Disease Risk" ist im Journal "Pediatrics" erschienen (doi:10.1542/peds.2010-0938.

Speichelprobe einsenden

Die Tests werden in den USA und Großbritannien meist über das Internet angebahnt: Nachdem sich ein Interessent gemeldet und mit dem Unternehmen einen Vertrag unterzeichnet hat, bekommt er ein sogenanntes "Spit Kit" zugeschickt: ein kleiner Behälter, der mit Speichel befüllt und an die Firma zurückgeschickt wird. Einige Wochen später erhält die Person per E-Mail ein Passwort, mit dem sie die Testergebnisse online abrufen kann.

Die angewandten Methoden und die Aussagekraft der Tests sind sehr umstritten, wie auch die österreichische Bioethikkommission in einer Stellungnahme zu "Gen- und Genomtests im Internet" im Mai 2010 feststellte: In vielen Fällen sei kein Facharzt in Test und Auswertung einbezogen, die Ergebnisse seien lückenhaft bzw. werden oft auch unzulässige Relationen hergestellt - etwa zwischen einem bestimmten Gen und einer komplexen Krankheit wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Tests für Kinder

Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 19.4., 13:55 Uhr.

Nichtsdestotrotz erfreuen sich die Tests in den USA und Großbritannien wachsender Beliebtheit. Die online und teilweise auch über Drogerien erhältlichen Tests sind momentan nur für Erwachsene zugelassen - es sei aber nur eine Frage der Zeit, bis sich erste Screenings auch für Kinder um Zulassung bemühen, schreiben der Krebsspezialist und Kinderarzt Kenneth Tercyak und Kollegen in ihrer Studie. Deshalb hat sich das National Human Genome Research Institute in Bethesda (Maryland/USA) dazu entschlossen, die prinzipielle Bereitschaft von Eltern zu erheben, Krankheitsrisiken bei ihren Kindern durch Gentests zu erheben.

219 Mütter und Väter, die im Rahmen einer Studie ihr eigenes Risiko, an Krankheiten wie Darm-, Haut- und Lungenkrebs, Herzerkrankungen und Diabetes Typ 2 genetisch überprüfen ließen, wurden befragt, ob sie ein solches Angebot auch für ihre Kinder nützen würden.

Auch nachdem ihnen in einem Arztgespräch noch einmal die Vorteile und Risiken eines solchen Screenings - etwa die Unsicherheit der Ergebnisse und die psychische Belastung - vor Augen geführt wurden, äußerten sich die Eltern positiv zu einem Gentest an ihren Kindern. Grundsätzlich galt: Je schneller die Erwachsenen einem Test an ihnen selbst zustimmten, desto bereitwilliger würden sie auch ihre Kinder testen lassen.

Für und Wider

Die Reaktionen auf dieses Ergebnis sind sehr gegensätzlich: Während etwa Kenneth Tercyak davon spricht, dass "Gentests eine neue Ära der personalisierten Medizin einläuten" und sie dazu beitragen könnten, dass "Eltern ihre Kinder zu einem Lebensstil erziehen, der ihre Risiken bestmöglich berücksichtigt", pochen andere auf die Risiken: Helen Wallace von Genewatch UK warnt gegenüber der BBC, dass Gentests häufig falsch interpretiert werden bzw. verschiedene Krebsarten sich nicht auf einzelne Gene zurückführen lassen.

Auch die österreichische Bioethikkommission spricht sich nachdrücklich gegen individuell beziehbare Gentests an - wie sie formuliert - "minderjährigen oder nicht einwilligungsfähigen Personen" aus. In Österreich dürfen Gentests derzeit nicht direkt an Konsumenten verkauft werden, der Einsatz und die Interpretation von Test muss von Ärzten vorgenommen werden.

Keine deutschsprachigen Angebote

Barbara Prainsack, Senior Lecturer auf dem Gebiet Medizin, Wissenschaft und Gesellschaft am King’s College in London und Mitglied der österreichischen Bioethikkommission, betont im Gespräch mit science.ORF.at, dass personalisierte Medizin in den nächsten Jahren eine immer größere Rolle spielen wird - und damit auch die Analyse des Genoms, etwa um zu wissen, auf welche Medikamente ein Patient besonders gut anspricht.

Dass das Interesse an Tests hierzulande noch relativ gering ist, sei auch auf das mangelnde Angebot von individuell beziehbaren Gentest im deutschsprachigen Raum zurückzuführen: "Sobald das erste Mal Werbung auf deutsch gemacht wird, wird auch in Österreich die Nachfrage steigen."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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