
"Die Seele macht handlungsfähig"
Forschungsobjekt: Seelisches Leid
Nur wer ein psychisches Leben hat, lebt. Ob unerträglich, quälend, kränkend oder jubelnd, dieses psychische Leben eröffnet den Zugang [...] zum Körper und zu den anderen. Die Seele macht handlungsfähig, schreibt Kristeva in der Einleitung ihrer Aufsatzsammlung "Die neuen Leiden der Seele".
In ihren Büchern über die "neuen Krankheiten der Seele" führt Kristeva Fallbeschreibungen aus der Praxis an. An diesen Fallbeispielen versucht sie aufzuzeigen, welche Kräfte für das Leiden der Seele verantwortlich sind. Sie nennt vor allem die Gewalt, die von Fanatikern jeglicher Ideologie oder Religion ausgeht, die für grausame Tötungen, Hinrichtungen oder Vergewaltigungen verantwortlich ist.
Aber auch der Sozialabbau, der für die existenzielle Verunsicherung sorgt und die mediale Massenverblödung, wie sie in Talkshows ständig erfolgt, tragen zu der Ausbreitung des seelischen Leids bei.
Eine Phänomenologie der Melancholie
Biografie
Geboren wurde Julia Kristeva am 24. Juni 1941 im bulgarischen Sliven. Sie kam 1965 nach Paris, wo sie an der Ecole Pratique des Hautes-Etudes promovierte. Ihre Arbeitsschwerpunkte lagen zunächst im Bereich der strukturalen Linguistik und der Semiologie. Im Umfeld des "Mai 68" wurde sie zu einer führenden Theoretikerin der ästhetischen und politischen Avantgarde, die sich um die Gruppe und Zeitschrift "Tel Quel" formierte.
Kristeva lehrte seit 1973 an der Universität Paris VII und war Gastprofessorin an der Columbia University in New York und an der Universität von Toronto. Seit 1978 arbeitete sie als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin, die sich besonders an dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan orientierte.
Für ihre Arbeiten hat Kristeva zahlreiche Ehrendoktorate und Auszeichnungen erhalten, darunter den Hannah – Arendt – Preis für politisches Denken.
In ihrem Buch "Schwarze Sonne. Depression und Melancholie" entfaltet Kristeva eine eindrucksvolle Phänomenologie der Melancholie. Sie bezieht sich dabei auch auf Sigmund Freud, der einige typische Merkmale der Melancholie benannt hat. Es sind dies "eine tief schmerzliche Verstimmung, durch eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls".
Die Melancholie führt zu einer alles umfassenden Paralyse, zu einem Ohnmachtsgefühl. Jede Kraftanstrengung erlebt der Melancholiker als sinnlose Aktion; jede Aktivität, jeder Versuch einer Kontaktaufnahme zur Außenwelt ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt.
Kristeva beschränkt sich jedoch nicht auf die Beschreibung auf den bloß pathologischen Aspekt der Melancholie. In literaturtheoretischen Exkursen zeigt sie auf, dass die Melancholie auch die Quelle von künstlerischer Produktivität ist. So stellte sich schon der Philosoph Theophrast, der im 4. Jahrhundert vor Christus lebte, die Frage: "Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?"
Die Melancholie ist gleichsam ein Adelsprädikat, das die "Galerie der edlen Geister" der europäischen Literaturgeschichte - von Lord Byron, John Keats über Alfred de Musset, Charles Baudelaire, Henri Frédéric Amiel bis zu Gerard de Nerval auszeichnet.
Das Dahinschwinden des Subjekts
In einer exemplarischen Interpretation des Gedichts "El Desdichado" des französischen Schriftstellers Gérard de Nerval zeigt Kristeva, das die Pathologie und die Kreativität der Melancholie unmittelbar zusammenhängen: "Ich bin der Finstere,- der Witwer, -der Ungetröstete/der Fürst von Aquitanien mit dem verfallenen Turm/mein einziger Stern ist tot - und meine bestirnte Laute/trägt die schwarze Sonne der Melancholie."
Nerval, der von 1808 bis 1855 lebte und zu den avantgardistischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts zählt, war stets von der Melancholie bedroht und beging Selbstmord. Kristeva sieht in diesem Gedicht das Auftauchen einer neuen poetischen Ordnung, "in der die dichterische Sprache das Dahinschwinden des melancholischen Subjekts begleitet".
Für eine Revolution der Sprache
Bücher von Julia Kristeva
Die Revolution der poetischen Sprache, edition suhrkamp Band 949
Schwarze Sonne. Depression und Melancholie, Brandes und Apsel
Die neuen Leiden der Seele, Bibliothek der Psychoanalyse, Psychosozial-Verlag
Fremde sind wir uns selbst, Suhrkamp,
Das weibliche Genie. Das Leben, der Wahn, die Wörter, Philo-Verlag
Band 1 – Hannah Arendt, Band 2 – Melanie Klein
Kristeva hat sich in ihren Werken immer für eine neue poetische Ordnung eingesetzt. Den klassischen philosophischen Sprachtheorien begegnet sie mit großer Skepsis. "Die Gedanken unserer Sprachphilosophen lesen sich wie die Gedanken von Archivaren, Archäologen oder Nekrophilen" – so lautete ihr Vorwurf.
Kristeva betont den konservativen Charakter von Theorien, die sich nicht auf das Abenteuer einer avantgardistischen, dichterischen Sprache einließen. Im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucault bezeichnet sie die Auffassung einer statischen Sprachphilosophie als Ausdruck einer Ordnungsmacht, die sich der Revolution der Sprache verweigert.
In der Wortsprache sieht Kristeva das zentrale Zeichensystem. Sie bestimmt das Alltagsleben der Menschen, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen. Die menschliche Ausdruckskraft hat jedoch vielmehr Facetten, wie Rhythmus oder den Klang der Stimme sowie emotionale Komponenten oder Äußerungen des Unbewussten, auf die bereits Sigmund Freud hinwies.
Kristeva entwickelt ein feines Sensorium für nichtsprachliche Aspekte, das den Sprachwissenschaftern ihrer Ansicht nach abgeht. Sie haben diese Elemente einfach ausgeklammert und postulieren eine begriffliche Sprache, die einer Mumifizierung gleichkommt.
Symbolisches vs. Semiotisches
In ihrem Buch "Die Revolution der poetischen Sprache" entwirft Kristeva eine Subversion dieser mumifizierten begrifflichen Sprache, die sie "das Symbolische" nennt. Dem stellt sie "das Semiotische" (das Zeichenhafte) gegenüber.
Es ist dies ein vorsprachlicher Bereich, der die Triebsphäre, das Unbewusste und auch das Körperliche umfasst. Das Semiotische entzieht sich der paternalistischen Begriffssprache des Symbolischen und ist in der Nähe "des Mütterlichen" anzusiedeln. Das "Mütterliche" darf jedoch nicht als idyllisches Klischee missverstanden werden.
Dressur des Säuglings
Kristeva weist darauf hin, dass "das Semiotische" der Sprache bei dem Neugeborenen anzusiedeln ist, das in enger Symbiose mit der Mutter die ersten Laute von sich gibt. In diesem Stadium werden die Vorbedingungen der Sprache geschaffen. Dies geschieht jedoch gleichzeitig mit einer ersten gesellschaftlichen Dressur des Säuglings, der an bestimmte Zeiten der Nahrungsaufnahme oder des Schlafens gewöhnt wird.
Die erste wichtige Leistung des Säuglings besteht darin, da stimmt Kristeva mit Sigmund Freud überein, dass er lernt, Kontrolle über seine Ausscheidungsorgane zu erlangen. In einer Passage, an der die Komplexität von Kristevas Theorie und auch ihrer höchst elaborierten Sprache sichtbar wird, fasst Kristeva diesen Prozess zusammen:
Denken wir an die mütterliche Autorität, die mit Hilfe von archaischen Frustrationen und Verboten die Schließmuskeldressur garantiert und auf unseren autoerotischen Säuglingskörpern, lange vor unseren Personalausweisen, eine erste Identifikationskartographie anlegt, die aus Zonen, Öffnungen, Punkten, Linien, Sauberem und Unsauberem besteht.
Vorrang der Dichtung
Nachdem Kristeva auf "das Semiotische" als die Vorbedingung der begriffliche Sprache –" dem Symbolischen" – hingewiesen hat, macht sie deutlich, dass es in der Alltagssprache unumgänglich ist, dass beide Formen eine Verbindung eingehen. Und genau da verweist Kristeva wieder auf die dichterische Sprache, in der sich das Semiotische in den Vordergrund schiebt.
"Die du mich in der Nacht des Grabes getröstet hast/ gib mir den Posilip und das Meer italiens wieder/die Blume, die meinem betrübten Herzen so gefiel/ und die Laube, wo Rebe und Rose sich vereinen". (Gérard de Nerval)
Nikolaus Halmer, Ö1-Wissenschaft
Mehr zu diesem Thema:


