Standort: science.ORF.at / Meldung: "Urmaus ältestes höheres Säugetier"

Urmaus

Mark A Klinger / Carnegie Museum of Natural History

Urmaus ältestes höheres Säugetier

Ein 160 Millionen Jahre altes Fossil zeigt: Ein winziger, mausähnlicher Baumbewohner ist der älteste Vorfahre der höheren Säugetiere sein. Damit könnte ein langer Streit über die Entwicklung der Säugetiere beigelegt werden.

Säugetiere 25.08.2011

Säugetier ≠ Säugetier

Ein idyllischer Fluss im Osten Australiens, im Wasser tummelt sich ein Schnabeltier, gleichzeitig hält auf einem nahestehenden Baum ein Koala ein Schläfchen und wird dabei von einem beeindruckten Touristen fotografiert - ein Bild wie aus dem Urlaubsprospekt. Die gängige Annahme, dass alle drei die gleichen Vorfahren hätten, ist allerdings falsch.

Der Mensch, der Koala und das Schnabeltier - alle drei sind Säugetiere und ernähren ihre Nachkommen mit Milch. Außerdem hat der Mensch den Koala und das Schnabeltier fast bis zur Ausrottung gejagt, um an ihr Fell zu gelangen, aber das nur nebenbei. Hier hören sich die Gemeinsamkeiten jedoch auch schon auf.

Die Studie:

"Expanding the Genetic Code of an Animal" ist in "Nature" erschienen.

Wir Menschen sind sogenannte "Eutheria", Plazentatiere oder höhere Säugetiere genannt. Die Plazentatiere machen 94 Prozent der Säugetier-Arten aus und sind mit 1135 von 1229 Gattungen auch die vielfältigsten. Koalas gehören zu den Beuteltieren. Ihre Jungen werden in einem frühen embryoartigen Stadium geboren und wachsen anschließend im Beutel der Mutter heran. Heute leben in Australien und Amerika immerhin noch 320 Beuteltierarten. Die seltsamen Schnabeltiere sind die einzigen eierlegenden Säugetiere. Zusammen mit den vier Arten der Ameisenigel sind sie das Überbleibsel einer einst großen Gruppe der Säugetiere.

"Chinesische Mutter aus der Zeit des Jura"

Urmaus

Mark A Klinger / Carnegie Museum of Natural History

So könnte Juramania ausgesehen haben.

In der Provinz Liaoning im Nordosten Chinas entdeckten Wissenschaftler nun unter der Leitung von Zhe-Xi Luo vom Carnegie Museum of Natural History das wohl älteste Fossil eines höheren Säugetiers. Sie tauften es Juramaia sinensis, was übersetzt in etwa "Chinesische Mutter aus der Zeit des Jura" bedeutet.

Das gut erhaltene Skelett lieferte den Wissenschaftlern viele wichtige Informationen. Wie die Forscher im Fachmagazin Nature berichteten, deute die Zahnform darauf hin, dass sich das kleine Ursäugetier hauptsächlich von Insekten ernährte. Die Form der Vorderzehen und die kräftigen Ansatzstellen der Fußsehnen lassen außerdem darauf schließen, dass es sich um einen Baumbewohner handelte.

Möglicherweise hatte der nur zehn Zentimeter große und 15 Gramm schwere Juramaia somit eine neue ökologische Nische entdeckt. Auf Bäumen dürfte er nicht nur ausreichend Nahrung gefunden haben, sondern war auch vor den bekanntermaßen nicht gerade ungefährlichen Räubern dieser Zeit sicher - den Dinosauriern.

Eins zu Null für die Genetiker

Molekularbiologen hatten berechnet, dass sich die Plazentatiere bereits im Jura, also vor rund 160 Millionen Jahren von den Beuteltieren getrennt haben. Paläontologen zweifelten dies jedoch an - sie gingen vom bisher ältesten Fosilfund aus und dieses Tier lebte vor 125 Millionen Jahren. Dieser Biologenstreit dürfte nun beigelegt sein, denn Juramaia wurde in einer 160 Millionen Jahre alten Gesteinsschicht entdeckt.

Kein direkter Verwandter

Dabei dürfte das Urtier vermutlich noch gar keine Gebärmutter gehabt haben. Nur die Zähne und die Fähigkeit zu Klettern lassen auf eine Ähnlichkeit mit den höheren Tieren schließen. Der "nur" 125 Millionen Jahre alte Eomaia scansoria beispielsweise sieht dem neuen Fund zwar sehr ähnlich, allerdings deutet das Becken darauf hin, dass dieses Tier bereits lebende Junge gebar.

Die spitzmausartige Juramaia ist kein direkter Verwandter heute lebender Säugetiere, sondern gehört zu einer ausgestorbenen Säugetiergruppe. Die Vorfahren der heutigen (höheren) Säuger konnten sich erst viel später mit dem Aussterben der Dinosaurier durchsetzen und in Körpergröße wie auch in der Ausbreitung wachsen.

Wann genau, ist noch unklar - ein weiterer Streitpunkt unter Biologen. Allerdings könnten laut den Forschen Paläontologen nun besser ermitteln, wie schnell sich Säugetiere im Laufe der Zeit weiterentwickeln.

Benedict Feichtner, science.ORF.at

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