
Schule heute: "Garbage in, garbage out"
Schulwissen insgesamt sei kein Garant für Erfolg im späteren Leben, schreibt Svozil in einem Gastbeitrag - im Gegenteil.
Augen zu und durch!

Karl Svozil ist Ao.Univ.Prof. am Institut für Theoretische Physik der Technischen Universität Wien.
Von Karl Svozil
Diesen Rat gab unlängst eine Bekannte ihrer Tochter, nachdem diese sich über die vielen Absurditäten unseres sekundären Bildungssystems beklagt hatte. Die anekdotische Evidenz, mit der ich in meinem Umkreis konfrontiert bin, legt nahe, dass diese Devise vorherrschend unter österreichischen Eltern sein dürfte. Eine bekannte Richterin hat es einmal so ausgedrückt: Geht es Ihnen gut, oder haben Sie Kinder in der Schule?
Das Gymnasialsystem erscheint mir als ein einziger Krampf: überteuert in seinen Kosten, horrend ineffektiv und verhasst bei Lehrern, Schülern und Eltern. Die einzigen, die es noch lieben dürften, sind die Lehrergewerkschaften und einige wenige Parteipolitiker; die Wissenschaft, die Schulverwaltung und Sozialpartner wollen insgesamt schon längst massive Änderungen. Gegenwärtig wird das vorherrschende, von preußischen Kadettenakademien abgeschaute Gymnasialmodell dennoch eisern aufrecht erhalten und von Staats wegen zwangsexekutiert; mit sinnlosem Sitzenbleiben, Angstmache, Benotungs- und Lehrerwillkür ohne Feedback, kontrolllosem Schutzraum für das Personal sowie Pseudoleistungen. Wie kann man unseren Kindern in so langer Zeit und um so viel Geld nur so wenig beibringen?
Allerorten grassieren potemkinsche Dörfer des Wissens und Bulemie-Lernens: Von den Subjekten, den Schülern und späteren Wählern, Erwerbstätigen und Konsumenten sinnlos eingestufte, schnell und oberflächlich erlernte Inhalte werden bald wieder vergessen - "garbage in, garbage out."
PISA-Test der etwas anderen Art
Karl Svozil empfiehlt die Literatur von:
- John Taylor Gatto: "Weapons of Mass Instruction: A Schoolteacher's Journey through the Dark World of Compulsory Schooling" (New Society Publishers, Canada)
- Jürgen Mittelstraß, "Die Modernität der klassischen Bildung. Die Zukunft des humanistischen Gymnasiums in einer Leonardo-Welt" (UVK, Konstanz 2004)
Wie viel davon bleibt wohl hängen? Ich behaupte: fast nichts! Und ich schlage einen PISA-Test der etwas anderen Art vor: Eine Stichprobe von Professoren für Deutsch, Englisch und Latein sollten versuchen, die Mathematikschularbeiten zu lösen, die ihre Mathematikkollegen den Schülern auferlegen; im Gegenzug sollten Mathemathikprofessoren die Latein-, Englisch- und Deutschschularbeiten schreiben.
Weiter sollten diese Lehrer dann die vielen Zwischentests in Biologie, Europakunde, Geographie, Chemie und Physik machen müssen. Ebenso sind alle diese Tests einer Gruppe von erfolgreichen Politikern, Journalisten, Bankern und Society-Celebrities vorzulegen. Was würde dabei wohl herauskommen?
Ich wage zu behaupten, dass ein hoher Prozentsatz des Lehrkörpers unserer Gymnasien spontan im jeweils anderen Stoffgebiet durchfallen würde.
Dennoch plustern sich aber große Teile gerade der Lehrerschaft ins Unermessliche auf; so als wäre Unkenntnis in deren Stoffgebiet mit erheblichen Nachteilen im Leben verbunden. Das bleibt aber unbewiesen, und ich behaupte, dass es auch nur sehr selten der Fall ist: Oft setzen sich erfolgreiche Menschen geradezu gegen die Schule durch.
Den meisten Schülern und deren Eltern geht es doch einzig und allein darum, staatliche Scheine und Zertifikate, insbesondere das Reifezeugnis zu erlangen. Und zwar deshalb, weil letzteres gemeinhin als zwingende Bedingung für Studium und relativem Wohlstand gilt. Wissen, Neugier und Bildung werden dabei ins Groteske verzerrt, ja geradezu fratzenhaft verhöhnt.
Unsinnige Zentralmatura
Ö1 Sendungshinweis:
Gedanken für den Tag, 5.-10.9., 6:56 Uhr, von Niki Glattauer: "Für welches Leben lernen wir?
Die Zentralmatura, die vom Ministerium gerade flächendeckend eingeführt wird, macht alles nur noch schlimmer: Denn einerseits ist es danach nur mehr sehr schwer möglich, auf die individuellen Schwächen und Stärken der einzelnen Schüler einzugehen, andererseits verängstigt man die Lehrer, Schüler, Direktoren und Eltern noch mehr.
Denn für die Lehrer heißt Zentralmatura im Klartext: eine (vom ministeriellen Standpunkt) billige Beurteilung ihrer Leistungen, samt Aufstellung von Schulrankings. Und wehe dem, dessen Schüler versagen! Von anderen Ländern kennt man die Problematik zur Genüge; es wird dann rücksichtslos in der Hauptsache auf diese Zentraltests hin gepaukt.
Ich frage mich, was die zuständige Ministerin bewog, diese Art von Unsinn auch hierzulande einzuführen! Jedenfalls hätte ich von derselben gerne eine gut ausgearbeitete Kurvendiskussion mit einem Polynom nach meiner Wahl, sagen wir bis zum Grad fünf, samt ausführlicher Begründung derselben gesehen; ebenso eine Spontanübersetzung des weiter unten stehenden Lateinzitats, selbstverständlich inklusive seines historischen-politischen Kontextes - vielleicht kann sich die Frau Ministerin dann wohl vorstellen, was sie unseren Schulen zumutet?
Potemkinsche Informationsdörfer
Wie können wir uns damit abfinden, dass unsere Schulen zu Produzenten von potemkinschen Informationsdörfern verkommen sind, die in der Folge in der Sonne des Lebens schmelzen; und bestenfalls bleibt das eine oder andere Bruchstück an brauchbarem Wissen und Können zurück? Wie können wir ein so teures, ineffektives System finanzieren?
Und wie können wir es mit unserem Gewissen vereinbaren, dass unsere Kinder in jüngeren Jahren oft Märchen von Autonomie, Demokratie und Selbstbestimmung aufgetischt bekommen, während sie im Heranwachsen dann in ein autoritäres System hineingeschleudert werden, dass sie gnadenlos und unbarmherzig zu belehren trachtet?
Unerträglich für Querdenker
Kein Wunder, wenn die Starken rebellieren und die Angepassten in Dumpfheit und Angst versinken! Für die Starken ist das herrschende Kadetten-Schulsystem mit ständigen Ultimaten, Zwängen und Durchfalldrohungen, verbunden mit gelegentlich völlig unqualifizierten, die Schüler verachtenden und quälenden Lehrern, vollständig inakzeptabel. Hand aufs Herz, wer von uns Erwachsenen würde gerne unter solchen Umständen, wie wir sie laufend unseren Kindern zumuten, arbeiten? Wer möchte bitte nochmals zur Schule? Und wer könne sein Bestes dabei geben?
Unlängst saß ich im Cafe Landtmann einem bekannten Professor der Rechtswissenschaften gegenüber, der unweigerlich vom Thema abkam und mir von seinen qualvollen Erfahrungen mit österreichischen Gymnasien und seinem zweimaligen Sitzenbleiben dortselbst erzählte.
Für diejenigen, die leicht memorieren, wenige Rechtschreibfehler machen, ziseliert Buchstaben nach Buchstaben malen, wenig querdenken und hinterfragen, sich auch sonst möglichst unauffällig verhalten und nur durchtauchen, ist das Schulsystem noch am Erträglichsten.
Schlecht sogar für "Streber"
Schwierig ist es aber auch für diejenigen, die naiv und brav lernen und sich möglichst vollständig anpassen. Die Rehe und Elfen unter den Schülern wollen wohl gerne glauben, das System wäre gerechtfertigt und gut und würde das Beste für sie bereitstellen.
Diese "Streber" leben gewissermaßen subkutan und unbewusst in der Sinn- und Bedeutungsleere, deshalb sind sie aber nicht minder latent durch das Gefühl großer Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit gefährdet. Ich wage zu behaupten, dass das gegenwärtige Schulsystem in großem Ausmaß seelische Störungen gerade in dieser Gruppe der oberflächlich Angepassten gebiert.
Und nein, ich war kein schlechter Schüler, sondern dazumal Klassenbester: Quo usque tandem abutere patientia nostra?
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