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Enkelkind flüstert ihrer Oma etwas ins Ohr

Fotolia, Ramona Heim

"Wörter sind wie Gene"

Der Brite Mark Pagel betrachtet Wörter mit den Augen des Evolutionsbiologen: "Sprache ist ein Katalysator der Kooperation", sagt er. In einem Interview erzählt Pagel eine traurige Geschichte über die letzten Neandertaler und versucht zu erklären, warum Zahlenwörter so kurz sind.

Sprache 13.09.2011

science.ORF.at: William Burroughs sagte einmal: "Language is a virus from outer space". Deckt sich das mit ihren Ansichten?

Mark Pagel: Obwohl ich Burroughs als Autor schätze, stimme ich nicht mit ihm überein. Der Satz legt nahe, dass die Sprache unsere Gehirne infiziert. Sprache wohnt zwar in unserem Geist, das stimmt, aber sie benützt uns nicht. Wir sind froh, dass wir sie haben. In Bezug auf Viren kann man das nur sehr selten behaupten.

Ihrer Ansicht nach ist die menschliche Sprache entstanden, um ein soziales Dilemma zu lösen. Welches?

Ich nenne das Dilemma visuellen Diebstahl. Der Mensch ist wie keine andere Spezies zum sozialen Lernen befähigt. Wir können einander durch Zusehen unsere besten Ideen und Fertigkeiten stehlen.

Um sich davor zu schützen, gibt es im Prinzip zwei Lösungen: Entweder man bleibt in kleinen Gruppen mit seiner Familie und besten Freunden. Oder man lernt, die Ideen durch Kooperation zu teilen. Letzteres ermöglicht die Sprache: Mit ihr sind wir fähig, Abkommen zu treffen und unseren Ideenaustausch zu planen. Das kann kein anderes Tier.

Mark Pagel

Mark Pagel lehrt und forscht an der University of Reading im Fach Bioinformatik und Evolutionsbiologie.

Am 11. September hielt er beim EMBO-Meeting 2011 in Wien einen Vortrag mit dem Titel: "Human Language as a Culturally Transmitted Replicator".

Seine gesammelten Ideen zur Sprache erscheinen nächstes Jahr in Buchform: "Wired for Culture: Origins of the Human Social Mind".

Sprache sorgt für Gerechtigkeit?

Sie ist ein Mittel, um Konflikte zu kontrollieren. Wenn Sie besonders gut darin sind, Pfeilspitzen herzustellen, und ich gut darin bin, Pfeilschäfte herzustellen, dann können wir beschließen: Ich zeige ihnen meine Technik und Sie mir die Ihre. Sprache führt Ideen zusammen.

Hätten wir die Sprache nicht, würden wir heute noch wie Neandertaler leben, in relativ kleinen Familiengruppen mit relativ wenig Innovation. Sprache ist ein Katalysator der Kooperation.

Kooperation spielt zwar in menschlichen Gesellschaften eine wichtige Rolle. Aber Diebstahl und Eigennutz sind dennoch nicht verschwunden. Warum, wenn wir die Sprache haben?

Keine Frage, trotz der Sprache geraten wir immer noch in Versuchung einander zu übervorteilen. Die Evolution hat uns geschaffen um voranzukommen, nicht, um ausschließlich auf das Wohl anderer zu achten.

Die Sprache hat auch noch einen anderen Aspekt: Sie baut Schutzwälle um unsere sozialen Gruppen. Innerhalb von Gruppen mit der gleichen Sprache neigen wir dazu, Ideen frei zu tauschen. Aber gleichzeitig sorgt diese Struktur für eine Isolation zu fremdsprachigen Nicht-Mitgliedern. Das führt zur Konkurrenz zwischen Gruppen.

Sprache führt zu Innovation, aber auch zu Isolation.

Genau. Untersuchungen zeigen, dass die Sprachenvielfalt dort besonders hoch ist, wo historisch betrachtet auch die Bevölkerungsdichte hoch war. Es gibt Regionen in den Tropen, wo alle paar Meilen eine neue Sprache gesprochen wird.

Sie sprechen über Papua-Neuguinea?

Ja, dort werden 800 bis 1.000 verschiedene Sprachen gesprochen. Das ist etwa ein Siebtel aller Sprachen weltweit. Ich habe einmal einen Einwohner von Papua-Neuguinea gefragt: "Ist es wirklich wahr, dass in manchen Regionen alle zwei bis drei Meilen eine neue Sprache gesprochen wird?" Denn als Europäer kann sich das eigentlich gar nicht vorstellen.

Und er sagte: "Nein, der Abstand ist noch geringer." Im Nordosten der Insel ist es tatsächlich nur eine Meile. Wenn Menschen auf engem Raum zusammenleben, ordenen sie sich durch eine eigenständige Sprache zu kleinen kooperativen Gruppen, um mögliche Lauscher auszuschließen.

Sie betrachten die Sprache als, Zitat, "Werkzeug der kumulativen kulturellen Evolution". Warum gibt es noch immer Gesellschaften, die technologisch - trotz der Vefügbarkeit von Sprache - in der Steinzeit leben?

Warum es so große technologische Unterschiede gibt, ist eine der schwierigsten Fragen der menschlichen Geschichte. Die Erklärung könnte sein: Es handelt sich in der Regel um relativ kleine Gruppen. Wenig Menschen könnte auch bedeuten, dass es relativ wenig Ideen und weniger Innovationen gibt.

Aber wenn sie eine jener Kulturen im Regenwald Südamerikas betrachten, die noch in der Steinzeit leben: Sie sind technologisch deutlich weiter fortgeschritten als es etwa die Neandertaler waren. Und noch viel weiter fortgeschritten als der Homo erectus. Von Schimpansen ganz zu schweigen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem EMBO-Meeting widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 16.9., 19:06 Uhr.

Wenn Sie die Neandertaler und die steinzeitlichen menschlichen Kulturen vergleichen: Was ist bzw. war der entscheidende Unterschied zwischen ihnen?

Die Neandertaler konnten keine Samen säen und keine Kleider herstellen, sie hatten keine Angelhaken, Bogen, Pfeile und Messer. Wir, die modernen Menschen, hatten all das.

Es muss für die Neandertaler eine schwere Zeit gewesen sein: Da gab es diese gut aussehenden Leute mit ihrer fortgeschrittenen Technologie, die, hier in Europa, gleich ums Eck wohnten. Vielleicht sangen sie und spielten Instrumente. Und die Neandertaler saßen da und konnten nicht einmal einen Angelhaken herstellen. Was machte den Unterschied? Die Antwort ist: Niemand weiß es.

War es die Genetik?

Falls ja, dann nur in sehr geringem Ausmaß, denn das Erbgut des Neandertalers und des modernen Menschen stimmte zu 99,9 Prozent überein. Meine Vermutung ist: Ein muss ein minimaler genetischer Unterschied gewesen sein, der uns bzw. unsere Gehirne zum sozialen Lernen befähigte. Für uns ist diese Fähigkeit völlig normal, aber die Neandertaler waren dazu nicht imstande.

Es gibt eine sehr aufschlussreiche Geschichte über die Neandertaler: Sie starben vor rund 28.000 Jahren aus, eine ihrer letzten Spuren stammt aus einer Höhle auf Gibraltar. Damals herrschte die Eiszeit. Die Neandertaler konnten von ihrer Höhle aus über das Meer bis nach Marokko sehen. Sie froren sich zu Tode - aber sie waren nicht fähig, ein Floß zu bauen und die acht Meilen nach Afrika überzusetzen.

Sie haben bei einem Vortrag in Wien Sprache als "Replikator" bezeichnet. Was bedeutet das?

Ein Replikator ist ein Ding, das Kopien seiner selbst herstellt. Gene sind beispielsweise Replikatoren: Sie stellen Körper her, die sich fortpflanzen. Unsere Nachkommen tragen wieder die gleichen Gene in ihrem Körper. Bei der Sprache ist es ähnlich. Sie besteht aus diskreten Einheiten, die wir Wörter nennen.

Wörter können von einem Geist in den nächsten wandern, sich fortpflanzen, durch Gedanken, die wir in unserer Sprache ausdrücken. Wörter sind Dinge, die einer Evolution unterworfen sind. Alle Wörter stammen von einem gemeinsamen Vorfahren ab. Und sie sind zur Anpassung fähig – genau wie Gene.

Richard Dawkins hat in seinem Buch "Das egoistische Gen" etwas ganz ähnliches behauptet. Nur nannte er die Replikatoren des Geistes "Meme".

Ja, aber im Gegensatz zu Dawkins glaube ich nicht, dass die Meme unseren Geist kontrollieren oder manipulieren. Wörter sind etwas, das wir in unserem Geist haben wollen. Sie helfen uns. Dennoch gibt es zwischen ihnen auch eine Art Konkurrenz um unsere Aufmerksamkeit.

Wenn ich etwa bis zehn zähle: Das sind lauter kurze, leicht auszusprechende Wörter. Warum? Die Antwort ist: Wir verwenden Zahlenwörter sehr häufig. Ebenso Begriffe wie ich, du, er, sie, es, wer, was, wie usw. Das ist ein Hinweis dafür, dass sich Wörter an unseren Geist anpassen mussten, weil sie ansonsten durch simplere Wörter verdrängt worden wären.

Wenn Wörter Replikatoren sind: Was ist die Einheit der Replikation? Der Schall, neuronale Erregungen, die Semantik?

Gute Frage. Wenn wir z.B. das Wort "Auto" hören: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Erregungsmuster in meinem und Ihrem Hirn genau die gleichen sind. Ich bin ziemlich sicher, dass die Einheit der Replikation der Schall ist.

Genauer gesagt: Nicht das, was die Linguisten Phoneme nennen, sondern das ganze Wort. Der Schall kann sich im Lauf der Zeit verändern, während das Konzept das gleiche bleibt.

Erklärt die Replikator-Theorie auch etwas? Oder ist sie nur eine neue Betrachtungsweise?

Sie erinnert uns daran, dass wir in Bezug auf Sprache einen evolutionären Denkstil verwenden können. Ein Denkstil, der das Verhalten von Genen, wie die Erfahrung zeigt, sehr gut erklärt. Die Replikator-Theorie ermöglicht auch Prognosen. Ich behaupte: Die Zahlenwörter von eins bis zehn sind in allen Sprachen kurz und simpel.

Interview: Robert Czepel

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