
Das Verschmelzen von Denkhorizonten
Die Konferenz an der Universität Hildesheim, von einigen Teilnehmern als "epochemachendes Ereignis” bezeichnet, steht vor allem für eine Veränderung in der philosophischen Landschaft selbst.
Dies wird auch signifikant in der Geschichte der philosophischen Weltkongresse: Der erste Weltkongress für Philosophie fand 1900 in Paris statt, der letzte 2008 in Seoul, Korea, und damit zum ersten Mal in einem asiatischen Land. Kongresssprachen waren neben englisch, französisch und spanisch auch chinesisch und koreanisch, und so stand dieser Kongress auch für eine Erweiterung der Sprachen der Philosophie.
"Zäsur in der Philosophiegeschichte"
Folgerichtig fand nun in Hildesheim die erste eigene Konferenz zu einem japanischen Philosophen des 20. Jahrhunderts statt: Forscher aus Japan, den USA, der Schweiz und Italien konzentrierten sich auf das Denken Nishida Kitaros und schlugen Brücken zu Disziplinen über den Bereich der Philosophie hinaus.
Vor allem der Versuch Nishidas, verschiedene Denktraditionen zusammenzuführen, macht ihn für die gegenwärtige Forschung so attraktiv. Rolf Elberfeld, der zusammen mit Yoko Arisaka die Tagung organisierte, betont Nishida als einen Denker, der "selbst schon in einem interkulturellen philosophischen Gespräch steht, aus dem er sein Denken entwickelt. So ist seine Philosophie auch Ausdruck einer neuen Zeit in der Philosophie und damit im Grunde auch eine Zäsur in der Philosophiegeschichte insgesamt."
Nishida Kitaro

Biografie:
1870 in dem kleinen Dorf Mori, nördlich von Kanazawa geboren, beginnt Nishida Kitaro 1891 das Studium an der Universität Tokio und graduiert 1894 mit einer Arbeit über David Hume. In den folgenden Jahren unterrichtet er an Schulen und widmet sich intensiv der buddhistischen Praxis unter Zenmeistern in Kyoto. Sein Erstlingswerk, die "Studie über das Gute" sichert ihm 1910 eine Stelle an der Universität Kyoto, wo er 1914 zum Professor für Philosophie ernannt wird. Nishida Kitaro gilt als Begründer der "Kyoto Schule" und versammelte dort ab den 1920er Jahren Philosophen wie Tanabe Hajime, Watsuji Tetsuro und später Nishitani Keiji, die alle einflussreiche Philosophen in Japan werden sollten. Mit ihm beginnt eine neue Ära in der japanischen Philosophie, die sich vor allem durch eine systematische Auseinandersetzung mit westlicher und ostasiatischer Geistestradition auszeichnet. Nishida Kitaro vertieft sein philosophisches Denken bis zu seinem Tod 1945.
Links:
Von Fichte bis zur ostasiatischen Tradition
Nishida Kitaro setzt sich bereits in seinem Philosophiestudium intensiv mit westlicher Philosophie auseinander. Besonders bedeutsam wird für ihn William James, dessen Schlüsselwort "Reine Erfahrung - pure experience" er in seinem Erstlingswerk aufnimmt.
Aber auch Fichte, Hegel und die Phänomenologie beeinflussen ihn stark, und er setzt sich sehr intensiv mit dem Neukantianismus auseinander. "Zugleich", so Rolf Elberfeld, "kennt er aber auch die ostasiatischen Traditionen, also die indische Tradition, die chinesische Tradition und die japanische Tradition."
Unmittelbare Erfahrung, kreatives Nichts
In seinem umfangreichen Werk versucht Nishida Kitaro eine Sprache für ein Denken zu finden, das auf der "unmittelbaren Erfahrung" gründet. In der Zeit von 1911 bis zu seinem letzten Aufsatz 1945 kommt er in seinen Schriften immer wieder auf diese Grunderfahrung zurück. Viele Interpreten sehen in dieser "reinen Erfahrung" ein Äquivalent zu der Erfahrung der Zenmeditation.
Enrico Fongaro aus Italien beschreibt sie als "Idee einer konkreten, immanenten Erfahrung. Und diese Erfahrung ist wie ein vorphilosophischer Grund der Philosophie selbst. Die Philosophie Nishidas ist ein Versuch, diese unobjektivierbare vorphilosophische Erfahrung, eine Erfahrung, die wir alle stetig machen, zu begreifen."
Auch das Selbst kann mit Nishida nicht reflexiv erfasst oder festgelegt werden. In seinem über 20 bändigen Gesamtwerk versucht er auch den Begriff des "Nichts" als schöpferisches, kreatives Nichts stark zu machen. Damit stellt er sich gegen eine Tradition westlichen Denkens, in der das "Nichts" oft im Gegensatz zum Sein gedacht, und nicht als etwas Positives entwickelt wurde.
Das sehende Auge kann sich nicht sehen
Die Unmittelbarkeit von Erfahrungen, die der Mensch in Kunst oder Religion machen kann, sind in Nishidas Denken von zentraler Bedeutung. Auch hier geht es ihm um das unmittelbare Erfahren, das noch nicht vergegenständlicht ist. Ryosuke Ohashi beschreibt Nishidas Versuch, das vorreflexive Selbst verständlich zu machen deshalb mit einem sehenden Auge, das sich selbst jedoch nicht sehen kann.
"Den Akt oder die Wirkung des Sehens, diesen sehenden Akt, kann man nicht wiederum vergegenständlichen. Dieses Selbst hat Nishida philosophisch thematisiert, und eigentlich ist das eben das Selbst, das auch zum Beispiel im Buddhismus immer wieder thematisiert wurde."
Ö1 Sendungshinweis:
Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 16.9., 19:05 Uhr.
Wichtigkeit von Handlung und Leib
Um die komplexen Bezüge von Selbst und Umwelt ausdrücken zu können, entwickelt Nishida Kitaro eigene, neue Begriffe und greift dabei auf ostasiatische Denkweisen zurück. Einen entscheidenden Unterschied zwischen der Logik im westlichen und ostasiatischen Sinne unterstreicht Hisao Matsumaru, Leiter der Nishida Philosophy Association.
Die Dialektik, die aus der europäischen Denktradition entstanden ist, gehe davon aus, dass man allein mit der Kraft der Vernunft völlig verstehen könne. "Aber die Soku Hi-Logik, auf die Nishida zurückgreift, kann gerade nicht nur mit der Vernunft, sondern mit dem Gefühl oder mit der körperlichen Übung zum Verständnis gebracht werden."
Aus diesem Aspekt der Übung heraus betont Nishida auch die Bedeutung des Leibes für die Philosophie. In seinem Begriff der "handelnden Anschauung" entwickelt er den Gedanken einer Erkenntnisweise die, so John Maraldo, "auch in unserer Handlung besteht und nicht nur im reinen Denken. Durch Handeln kommen wir zum Verstehen der Welt und nicht nur durch Denken an eine Welt, die irgendwie schon vorgegeben ist."
Beschäftigung mit der Zeit
So verbindet Nishida das Denken auch wieder mit einem bestimmten Erkenntnisort. In seinem Nachdenken über die Zeit bezieht sich Nishida mit Henri Bergson zunächst auf einen französischen Philosophen, entwickelt dessen Gedanken jedoch aus dem ostasiatischen Kontext heraus weiter.
So unterscheidet er zunächst die "Zeit der Wissenschaft" als objektivierte Zeit, von der Zeit der unmittelbaren Erfahrung als fließende, gegenwärtige Zeit. Mit seinem Gedanken der "diskontinuierlichen Kontinuität" betont er die Bedeutung des augenblicklichen Erlebens. In Kunst oder Religion ist es nach Nishida möglich, ein "ewiges Jetzt" zu erfahren.
An diesem Punkt geht er über den Zeitbegriff Bergsons hinaus. Auch hier geht es Nishida um eine Grunderfahrung von Zeit, das "ewige Jetzt" ist in Nishidas Worten "selbstwidersprüchlich", eine Struktur, die selber unbewegt ist, aus der aber alles hervorgeht.
Herausforderung für westliche Philosophie
Um diese selbstwidersprüchlichen Strukturen erklären zu können, greift Nishida wiederum auf ostasiatische Denktraditionen wie die Soku-Hi Logik zurück. Das "absolute Nichts" in Nishidas Terminologie ist nicht nur abstrakt zu begreifen, sondern gerade mit dem Körper erfahrbar.
So stellt Nishidas Denken auch die Methoden der Philosophie neu in Frage. Als "Herausforderung für die westliche Philosophie" bezeichnet Enrico Fongaro die Frage, die unmittelbar aus Nishidas Denken hervorgeht. "Was bedeutet es, mit dem Körper zu denken oder gibt es so etwas?"
Im philosophischen Diskurs wird das Denken Nishida Kitaros über den Fachbereich der Philosophie hinaus mit Kunst, Religion, und in Verbindung mit wirtschaftlichen Zusammenhängen gebracht. Auch finden sich Parallelen zu den modernen Kognitionswissenschaften, wie etwa John Maraldo herausgearbeitet hat. Nishidas Ansatz, kulturelle Verstehenshorizonte zueinander zu bringen, befruchtet den gegenwärtigen, internationalen Diskurs und steht zugleich für neue Perspektiven in der zeitgenössischen Philosophie.
Anja Kampmann
Mehr über Philosophie:


