
"Wir brauchen ein globales Parlament"
Am 29.9. findet im Parlament ein internationales Symposium statt, bei dem Experten die Trends der "Mathematik von den Menschen" diskutieren.
APA: Mit dem Inaugurations-Symposium am Donnerstag stecken Sie die Zielrichtung des Wittgenstein Centre ab: Eine Neuorientierung der globalen Entwicklungspolitik in Richtung Bildung.
Wolfgang Lutz: Es gibt eine Desorientierung in der Entwicklungsszene, wir stehen vor der Tatsache, dass milliardenschwere Strategien in Afrika nicht wirklich gegriffen haben. Manche gehen soweit, den Schluss zu ziehen, dass Entwicklungshilfe überhaupt schädlich sei.
Unsere Konzentration auf Humankapitaldaten dagegen zeigt ganz deutlich die Priorität von Basisbildung und Basisgesundheit als Urgründe für Entwicklung. Das ist unsere starke Botschaft auch im Hinblick auf die große UN-Konferenz "Rio plus 20" im kommenden Juni.
Im Titel des Symposiums geht es auch um Demokratie.
Ja, und es ist auch kein Zufall, dass es im Parlament stattfindet. Demokratie und Demografie teilen den gleichen Wortstamm: Demos, das Volk. Unsere Ausrichtung ist global - aber wir vermissen eine Instanz, die globale Interessen vertritt. Insofern beschäftigen wir uns auch mit der globalen Governance-Krise und der Frage, welche Form eine globale Demokratie annehmen kann.
Wir haben in Europa das gute Beispiel des Rates, der durch das Europaparlament ergänzt wurde. Wenn wir annehmen, die UNO sei das Pendant zum Rat, dann fehlt uns ein globales Parlament. Das ist ein Anstoß, den ich bei meiner Rede im Parlament geben möchte. Wenn man realistisch ist, wird so eine Einrichtung nicht sofort viel Einfluss haben, das kann dauern - aber es hätte hohen symbolischen und moralischen Wert. Auch hier stoßen wir aber wieder an die Frage der Bildung.
Inwiefern?
Lutz: Überspitzt gesagt, weil Analphabeten kein Parlament machen können. Der Beginn der Demokratie in Athen ging einher mit der höchsten Alphabetisierungsquote dieser Zeit. Das ist gegenseitig abhängig, wie auch unsere Untersuchungen eindrucksvoll zeigen.
Auf welchen Daten beruhen diese Untersuchungen?
Wir haben eine neue Datenbasis geschaffen für alle Länder der Welt, in der die Bildungsstruktur zurückgerechnet wird über die letzten 40, 50 Jahre. Das ist die Basis, um in vielen Fragen auszurechnen, was der Beitrag der Bildung zu Wirtschaftswachstum, zur Gesundheit, zu Demokratie und zum Bevölkerungswachstum war.
Unser Ziel ist es, am Wittgenstein Centre die beste internationale Forschung zu diesen Themen zu betreiben. Ich nenne es gern die Mathematik von den Menschen. Es sind keine Dollars und Euros an den entscheidenden Stellen unserer Gleichungen.
Dennoch konnten Sie zeigen, dass die Bildungsdaten auch für die Dollars und Euros von Belang sind.
Ökonomen haben das natürlich immer vermutet - und auf der Ebene einzelner Menschen kann das auch empirisch gut nachgewiesen werden: Wer eine längere Ausbildung absolviert hat, verdient besser. Aber globale Zeitreihen-Analysen konnten diese theoretischen Erwartungen bisher nicht wirklich nachweisen.
Wir wissen mittlerweile warum: Für die Berechnungen wurden sehr grobe Bildungsindikatoren verwendet, die die Altersstruktur nicht berücksichtigt haben. Beispiel Südkorea: Hier wurde in den vergangenen Jahrzehnten enorm in Bildung investiert. Die 20 bis 30-Jährigen sind heute besser gebildet als sonst irgendwo.
Aber die 60 bis 70-Jährigen waren großteils noch nie in einer Schule. Wenn man die in einen Topf wirft, macht das als Indikator natürlich wenig Sinn. In unserer Datenbank wird nach fünfjährigen Altersgruppen differenziert - jetzt können wir zeigen, dass das Wirtschaftswachstum mit der Bildung der jüngeren Erwachsenen deutlich zunimmt.
Das Symposium bildet den offiziellen Startschuss für die Arbeit des Wittgenstein-Zentrums. Dafür reist auch das hochkarätige Scientific Advisory Board an.
Leider werden nicht alle einen Vortrag halten - aber alle werden anwesend sein. Spannend wird etwa die Rede von Sir David King. Er war einer der Hauptberater von Tony Blair und hat ihn unter anderem davon überzeugt, dass der Klimawandel ein wichtiges Thema ist.
Eine seiner Studien konzentriert sich auf die Bedeutung der individuellen, kognitive Entwicklung, das sogenannte "Mental Capital". Und ein weiterer Sir kommt, einer der bekanntesten Ökonomen Europas, Partha Dasgupta. Er arbeitet in Cambridge - das ist auch eine schöne Referenz zu Ludwig Wittgenstein.
Interview: Maria Handler, APA
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