Standort: science.ORF.at / Meldung: "Warteräume als soziale Oberflächen"

Eine Frau telefoniert, während sie neben einem Koffer hockt

Warteräume als soziale Oberflächen

Foyers von Hotels, die Warteräume von Bahnhöfen und Flughäfen: Orte wie diese erscheinen wie Vorräume zum eigentlichen Geschehen. Sie sind aber alles andere als nichtssagend, findet die Kunsthistorikerin Monika Wagner. Aussehen, Einrichtung und Nutzung machen diese Räume zu "sozialen Oberflächen", schreibt sie in einem Gastbeitrag.

Kunstgeschichte 10.10.2011

Hotelfoyers, Flughäfen und andere Warteräume

Von Monika Wagner

Das Thema steht im Kontext einer Studie über materielle Oberflächen und ihre Funktion für Distinktionen des urbanen Raums. In der globalisierten Welt verbringen immer mehr Menschen immer mehr Zeit zwischen Abfahrt und Ankunft, zwischen hier und dort. Währenddessen bevölkern sie Warteräume. Diese "Nicht-Orte" (Marc Augé) dienen zwar auch im Zeitalter digitaler Büroarbeit weiterhin der Muße oder Langeweile, aber sie werden auch zunehmend zu temporären Büros.

Porträtfoto der Kunsthistorikerin Monika Wagner

Monika Wagner ist Professorin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg und zurzeit IFK-Gast des Direktors in Wien.
Publikation: Das Material der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne, München 2011.

Vortrag zum Thema in Wien:

Am 10.10. hält Monika Wagner einen Vortrag mit dem Titel "Soziale Oberflächen. Hotelfoyers, Flughäfen und andere Warteräume".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Die transitorischen Räume müssen überindividuellen Ansprüchen genügen, während ihre Oberflächen als soziale Markierungen figurieren.

Warten im Bahnhof

Zu den ältesten Transiträumen der modernen Reise gehört der Wartesaal des Bahnhofs. Im 19. Jahrhundert zählten die Wartesäle der großen Bahnhöfe zu den nationalen Prestigeräumen. Zwar war die neue Bauaufgabe mit demokratischen Hoffnungen belegt, reiste doch der Fürst nicht schneller als der Proletarier, doch bereits beim Warten manifestierten sich die sozialen Unterschiede als ästhetisches Programm.

Die zunehmende Bedeutung des Bahnhofs als Umschlagplatz der Massen setzte unterschiedliche Interessen frei. Die einen wollten die Warteräume als volkerzieherisches "Museum" nutzen, andere sahen in ihnen nur Durchgangsschleusen, die eine rein funktionale Architektur zu fordern schienen.

Warten in der "Lounge"

Betrachtet man die Wartesäle nicht auf der Achse einer stilistischen Fortschrittsgeschichte, sondern als Symptome gesellschaftlicher Veränderungen, dann erschließt sich das Warten neu.

Heute heißen Bahnhofswarteräume lounges. Nicht Materialvielfalt ist für sie charakteristisch, sondern gerade eine Homogenisierung und Glättung der Oberflächen im Dienste der als Waffe gegen den Vandalismus propagierten "drei S": "Sicherheit, Sauberkeit, Schönheit".

Das gilt in noch höherem Maße für die Wartebereiche der Flughäfen. Sie erscheinen als gläserne Boxen, die mit großem Aufwand transparent gehalten werden - im Sinne der Sauberkeit wie der Sicherheit. Ihrer funktionalen Standardisierung arbeitet das Design außerhalb der Sicherheitszonen entgegen. Dort soll ihnen im Kontext der inzwischen allerorten integrierten Shoppingbereiche mit Kunstwerken und Erlebnisparcours - den städtischen Malls vergleichbar - Unverwechselbarkeit verliehen werden.

Hotelfoyers

Ausstattungen von Hotelfoyers hatten von jeher die Aufgabe, die Höhenlage der Herberge anzuzeigen. Ihr Design ist schon aufgrund des Konkurrenzprinzips darauf angelegt, den Foyers Besonderheit zu verleihen. Dennoch zeichnen sie sich seit dem Aufkommen der Grand Hotels, die parallel zur Eisenbahn entstanden, durch ihre Tendenz zu einem standardisierten Luxus aus.

Dazu zählen in der Hierarchie der Materialien weit oben rangierende Stoffe ebenso wie Versatzstücke der Natur, die jenes "kleine Modell … einer Weltstadt" generieren, das Franz Kafka 1928 im Hotelfoyer der Großstadt sah. Warten kann in dieser Welt im Kleinen zur Lebensform stilisiert werden.

Symbolische Integration des Ausgeschlossenen

In all den gegenwärtigen Architekturen des Wartens sind die Oberflächen darauf angelegt, den Wartenden als gehobenen Konsumenten auszuweisen. Daher ist es bezeichnend, dass in die purifizierten Räume mit ihren glänzenden Oberflächen aus ranghohen Materialien symbolisch das re-integriert wird, was systematisch ausgeschlossen bleibt.

Niedere Materialien und Werke einer "Arte povera" werden spolienartig isoliert einbezogen, um das Andere der Gesellschaft im Kunststatus zu repräsentieren. Am drastischsten zeigt sich dies in Foyers von Themenhotels, wie sie in Las Vegas entstanden.

Weitere Gastbeiträge des IFK:

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

 
  •