
Das Erbgut des Schwarzen Todes
"Er war sozusagen die Mutter aller heutigen Pesterreger", sagte Johannes Krause von der Universität Tübingen am Mittwoch.
Die Studie:
"A draft genome of Yersinia pestis fromvictims of the Black Death" von Kirsten Bos und Kollegen ist in "Nature" erschienen.
Zusammen mit Kollegen von der kanadischen McMaster University stellt er das Bakterienerbgut im Journal "Nature" vor. Der sogenannte Schwarze Tod raffte zwischen 1347 und 1351 in Europa je nach Angaben 30 bis 50 Prozent der Menschen - rund 50 Millionen - dahin.
Später schützten Kultur und Immunsystem
Das nächste derzeit existierende Pestbakterium unterscheide sich nur an zwölf Stellen von jenem aus dem 14. Jahrhundert, sagte Krause. Es gebe jedoch eine Reihe von Gründen, warum es später keine so großen Pestepidemien mehr gegeben hat: "Bei der ersten Pestepidemie wussten weder der Mensch noch sein Immunsystem damit umzugehen."
Der größte Teil der für Pest anfälligen Menschen sei gestorben. Die anderen hätten möglicherweise ein Immunsystem, das besser mit dem Erreger zurechtkomme. Zudem habe sich der Mensch später auch kulturell angepasst - etwa mit Quarantäne und Pesthäusern.
Skelette stammen von Londoner Friedhof


Ausgrabungen auf dem Friedhof von East Smithfield, aus dem die Gebeine mit den Pestproben stammen

Die Zähne eines der Pestopfer
Ö1 Sendungshinweis:
Die Pest". Hörspiel in drei Teilen nach dem gleichnamigen Roman von Albert Camus, in der Hörspiel-Galerie: 8.10., 14 Uhr.
Zuvor hatten Forscher aus Tübingen und Kollegen das nun entzifferte Bakterium zweifelsfrei als Erreger der Pestepidemie im 14. Jahrhundert ausgemacht. Dafür habe die Sequenzierung von unter einem Prozent des Genoms genügt, erläuterte Krause. Diese Ergebnisse wurden bereits Ende August in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) veröffentlicht.
Das Bakterium namens Yersinia pestis hatten die Forscher aus Skeletten isoliert, die unter einem heute prominenten Gebäude liegen - jenem der königlich britischen Münzdruckerei. Als zwischen 1348 und 1350 die Pest in London wütete, lag hier eine der großen Pestgruben, in die die zahlreichen Opfer geworfen wurden. Die Zähne von fünf ausgesuchten Exemplaren dienten nun als Reservoir für die DNA.
Von der Ratte zum Menschen
"Für Historiker", sagte Krause, der selbst Archäologe ist, "geht es vielleicht lediglich darum zu sehen, welche Krankheit die Menschen sterben ließ. Doch für Mediziner und Entwicklungsbiologen sind die Erkenntnisse extrem aufschlussreich."
Sie könnten nun erkennen, wie sich ein Bakterium im Laufe der Geschichte verändert habe, um zum Beispiel von einem Wirtstier - wie der Ratte im Fall der Pest - auf den Menschen überzuspringen.
"Mit der gleichen nun angewandten Methode sollte es möglich sein, auch das Erbgut anderer historischer Krankheitserreger zu studieren", sagte Krause.
Wissen für die Zukunft
Krause betonte, die Erkenntnisse ermöglichten es vielleicht auch, gegen Infektionen in Zukunft neue Wirkstoffe zu entwickeln. Mit ihren Ergebnissen haben die Forscher auch die Meinung anderer Fachleute revidiert, die vor zehn Jahren davon ausgegangen waren, dass eine Viruserkrankung wie etwa Ebola den Schwarzen Tod im Mittelalter ausgelöst haben könnte.
Zeitgenössische Varianten des Pesterregers sind pro Jahr für den Tod von rund 2.000 Menschen weltweit verantwortlich.
science.ORF.at/dpa
Mehr zu dem Thema:


