
Enttäuschte Freundinnenschaft
Damit wird eine kleine Schramme in das Bild von den sozial und emotional intelligenteren Mädchen geschlagen, schreiben die Kinderspsychologen Paquette MacEvoy vom Boston College und Steven Asher von der Duke University.
Die Studie:
"When Friends Disappoint: Boys' and Girls' Responses to Transgressions of Friendship Expectations" von Julie Paquette MacEvoy und Steven Asher ist in der Fachzeitschrift "Child Development" erschienen.
Mädchen gelten als freundschaftskompetenter
"Freundinnen müsste man sein, dann könnte man über alles reden, über jeden geheimen Traum", sang der deutsche Liedermacher Funny van Dannen vor Jahren (das Lied) und brachte damit gewissermaßen die Ausgangsthese der aktuellen Studie auf den Punkt.
Gemeinhin wird Frauen nämlich eine größere "Freundschaftskompetenz" zugeschrieben, nicht nur im besungenen Erwachsenenalter, sondern auch und besonders in der Kindheit: Mädchen nehmen demzufolge "Freundinnenschaft" ernster als gleichaltrige Buben, sie investieren mehr Zeit und Gefühle in die Beziehung, helfen sich gegenseitig mehr und versuchen Konflikte eher zu lösen, wie mehrere frühere Studien berichten (etwa hier und hier).
Dennoch gibt es ein Paradox, denn die Buben fühlen sich laut anderen Studien (etwa hier) nicht einsamer als Mädchen, ihre Freundschaften sind genauso stabil und sie sind damit auch genauso zufrieden.
Bildergeschichten und die Frage: Was wäre wenn …?
Schon das "Phänomen der besten Freundin", das vermutlich alle Eltern von Volksschulkindern kennen, zeigt die Kehrseite der Mädchenmedaille. Eine derartige Beziehung kann trotz ihrer Enge sehr schnell in die Brüche gehen, und dann kommt die Tochter oft überraschend schnell mit einer neuen besten Freundin nach Hause. Dies könnte mit einer Eigenschaft zu tun haben, bei der die Mädchen nicht ganz so kompetent sind, nämlich dann, wenn "sie auf eine Situation reagieren, in der eine Freundin eine Kernerwartung ihrer Freundschaft verletzt", wie MacEvoy und Asher in ihrer Studie schreiben.
Die beiden Kinderpsychologen haben diese Situation deshalb nun genauer untersucht. Sie zeigten 267 neun bis elf Jahre alten Buben und Mädchen Bildergeschichten, in denen enttäuschte oder betrogene Freundschaften eine zentrale Rolle spielten.
In einer Geschichte etwa will ein Kind nichts von den Sorgen seines Freundes hören, dessen Haustier gerade erkrankt ist, und wiegelt mit den Worten "Das ist doch keine große Sache, es ist ja nur ein Haustier" ab. In einer anderen Geschichte hält sich ein Freund nicht an gemachte Verabredungen für eine gemeinsame Schulaufgabe, was zu schlechten Noten für beide führt.
Mehr Wut, gleich viel Rachegelüste
Nach jeder der insgesamt 16 Geschichten wurden die Kinder befragt, wie sie sich fühlen und wie sie reagieren würden, wenn sie diese tatsächlich mit einem Freund ihres eigenen Geschlechts erlebt hätten. Die Mädchen gaben dabei deutlich stärker an, Wut und Trauer zu verspüren als die Buben. Für letztere waren die Verletzungen der freundschaftlichen Erwartungen insgesamt eher "okay".
Bei den möglichen Reaktionen unterschieden sich die Geschlechter hingegen nicht: Mädchen wie Buben sannen gegenüber der gemeinen Freundin bzw. dem gemeinen Freund ähnlich auf Rache, wollten sie/ihn in ähnlicher Weise beschimpfen oder mit dem Ende der Freundschaft drohen. Bei beiden Geschlechtern hing auch die Stärke der Enttäuschung mit dem Grad von Zorn und Traurigkeit zusammen, dieser wiederum bestimmte die möglichen Reaktionen.
Enttäuschung, der entscheidende Punkt
"Dass sich Mädchen in der Situation als genauso rachsüchtig und aggressiv erweisen wie Buben, ist sehr interessant", sagt Steven Asher. "Frühere Studien haben gezeigt, dass letztere schon bei kleineren Konflikten - etwa bei der Frage, was als nächstes gespielt wird - negativer reagieren. Es scheint aber so zu sein, dass sich das Brechen freundschaftlicher Erwartungen bei Mädchen und Buben sehr unterschiedlich auswirkt."
Zumindest in diesen Fällen ist die Annahme, dass Mädchen die sozialeren und empathischeren Wesen in Beziehungen sind, nicht korrekt, wie die Forscher schreiben. Das könnte auch erklären, warum Mädchenfreundschaften nicht länger halten als jene von Buben, und warum sie auch nicht zufriedener damit sind, obwohl sie emotional mehr von ihnen profitieren. Der entscheidende Punkt könnte die Enttäuschung sein.
Lukas Wieselberg, science.ORF.at
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