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Die albanische Flagge

Albanien: Geplante Tore, verbotene Bärte

Albanien war das isolierteste Land des ehemaligen Ostblocks. Über Jahrzehnte prägte ein Mann seine Geschichte: Enver Hoxha, Gott-Ersatz von eigener Gnade und oberster Gesinnungsrichter. Zwei albanische Politologinnen erklären, warum er über 600.000 Luftschutzbunker bauen ließ und selbst Fußballtore zentral geplant werden mussten.

Politikwissenschaft 24.11.2011

Zwar seien heute teilweise jene Leute wieder in der Politik aktiv, die auch schon zu Hoxhas (sprich: Hodschas) Zeiten Parteifunktionen innehatten, dennoch sehen Belina Bedini und Floreta Kertusha einen klaren Bruch mit der Vergangenheit. Die wichtigste Perspektive des Landes sei nun der Beitritt zur Europäischen Union, schildern die beiden Forscherinnen im science.ORF.at-Interview.

1944 wurde Albanien zu einer Diktatur nach stalinistischem Muster, von Beginn bis zu seinem Tod 1986 stand Enver Hoxha an der Spitze des Staates. Auf welchen Prinzipien baute Enver Hoxha seine totalitäre Macht auf?

Belina Bedini und Floreta Kertusha

Belina Bedini und Floreta Kertusha

Die Politikwissenschaftlerin Floreta Kertusha arbeitet nach einem Studienaufenthalt in den Niederlanden mit dem Schwerpunkt Europapolitik derzeit an ihrer Dissertation. Außerdem ist die als Lektorin für Europäische Integration und Internationale Beziehungen tätig. Belina Bedini leitet das Büro für internationale Beziehungen der Aleksander Moisiu Universität in Durres und arbeitet als Lektorin für Politikwissenschaft.

Vortrag in Wien:

Belina Bedini und Floreta Kertusha halten im Rahmen der am 24. und 25. November stattfindenden Konferenz "Public Sphere, Ideology and Transformation of Power" einen Vortrag über die "Albanische Totalitäre Ideologie: Der Enverismus" (Programm der Konferenz als .pdf. Die Konferenz wird veranstaltet vom Initiativkolleg "Europäische historische Diktatur - und Transformationsforschung" der Universität Wien.

Ort: Aula, Uni Campus, Spitalgasse 2-4, Hof 1, 1090 Wien

Floreta Kertusha: Zum einen basierte die Macht natürlich auf der totalen Politisierung des gesamten Staates, also von Legislative, Exekutive und Rechtssprechung. Das Politbüro der kommunistischen Partei - und damit Hoxha selbst - gab die Linie vor. Ebenso wurde die Wirtschaft in den bekannten Fünf-Jahres-Plänen zentral geplant. Aber nicht nur die Wirtschaft, auch das gesellschaftliche und persönliche Leben war staatlich gesteuert: So wurde in den Fünf-Jahres-Plänen auch festgehalten, wie viele Tore bei Fußballmatches gegen das kurzzeitig verbündete China fallen durften. Die Menschen durften keine langen Haare und keine Bärte tragen, weil das als Abweichung vom marxistisch-leninistischen Idealmenschen gesehen wurde. Und nicht zuletzt basierte seine Macht auf Terror auch gegen die eigenen Parteigenossen und der Verherrlichung seiner selbst als Religionersatz.

Wenn man die Staaten des ehemaligen Ostblocks vergleicht: Was machte Albanien so besonders?

Floreta Kertusha: Die Religion wurde absolut verboten, es gab auch keine "Staatskirche" wie in anderen kommunistischen Ländern. Nach 1967, als Albanien offiziell zum atheistischen Staat erklärt wurde, gab es nur mehr einen Gott: Enver Hoxha selbst, der sich im Rahmen eines regelrechten Kults verehren ließ.

Belina Bedini: Das wurde damit argumentiert, dass man Religionskonflikte verhindern wollte. Dabei war Albanien ein Beispiel der interreligiösen Harmonie. Es gab schon immer vier Religionen - muslimisch, christlich-orthodox, römisch-katholisch und die Anhänger des Bektaschi-Ordens, und bis heute gibt es keine religiös motivierten Konflikte. Außerdem war in Albanien der westliche Lebensstil in einer Konsequenz verpönt, wie ich das nicht aus anderen staatssozialistischen Ländern kenne. Das begann bei der Musik, die man hörte, und ging bis zu privaten Unternehmungen wie Geburtstags- oder Hochzeitsfesten. Mein Großvater war selbst ein Parteifunktionär und er vermied es um jeden Preis, durch ein privates Fest aufzufallen. Das galt als zu westlich.

Was "im Westen" vom kommunistischen Albanien hängen geblieben ist, ist neben dem Hoxha-Kult sicherlich das Bunkersystem…

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen Aktuell am 25.11. um 13:555

Floreta Kertusha: Unglaubliche 600.000 Bunker wurden gebaut, an der Küste, in den Bergen, überall - ein Ausdruck der sogenannten "Hoxha-Paranoia".

Belina Bedini: Ich glaube nicht, dass es nur Paranoia war. Sicherlich, Albanien hatte ab 1978, als der Bruch mit dem Verbündeten China vollzogen wurde, keine "Freunde" mehr in der Welt, war aber auch nicht direkt bedroht. Meiner Meinung nach war das exzessive Bunkersystem eine Strategie, um die Bevölkerung angesichts des imaginierten äußeren Feindes zu einen. Dieses Gefühl der permanenten Bedrohung - durch die Sowjetunion, die USA, Griechenland oder Jugoslawien - wurde regelmäßig aufgefrischt: durch Medienberichte über einen bevorstehenden Angriff, aber auch durch Übungen. Als ich ein kleines Mädchen war, gab es regelmäßig Tests, wie die Menschen auf einen Angriff reagieren würden, wie schnell sie in den Bunkern wären etc.

Das albanische Regime hat immer wieder seine Natur verändert - es war Verbündeter von Jugoslawien, dann der Sowjetunion und danach Chinas, ab 1978 ein isoliertes Land mit der Landbevölkerung als Basis. Wie hat die staatlicherseits verbreitete Ideologie diese "Verwandlungen" abgefedert bzw. unterstützt?

Der albanische Premierminister Mehmet Shehu und der albanische Präsident Enver Hoxha nehmen den sowjetischen Regierungschef Nikita Chrustschow 1959 in die Mitte.
Ein Bild aus verbündeten Zeiten: Der albanische Premierminister Mehmet Shehu (links) und der albanische Präsident Enver Hoxha (rechts) nehmen den sowjetischen Regierungschef Nikita Chrustschow 1959 in die Mitte.

Belina Bedini: Die zentrale Begründung für all die Brüche mit unseren Verbündeten war ideologisch: Die betreffenden Staaten würden, so Enver Hoxha, vom Weg des Marxismus abkommen. Tito in Jugoslawien etwa wurde dafür kritisiert, eine milde Form von Privateigentum zugelassen zu haben. Nikita Chrustschow in der Sowjetunion wurden seine zarten Liberalisierungsversuche in den 1960ern vorgeworfen, und China entwickelte sich in den Augen des albanischen Regimes spätestens dann zum unverlässlichen Partner, als der US-amerikanische Präsident Richard Nixon das Land besuchte. Die totale Isolation wurde letztlich damit begründet, dass Albanien stolz sein könne darauf, sich aus dem unfairen Kalten Krieg zwischen zwei Supermächten herauszuhalten, die letztlich nur Absatzmärkte für ihre eigenen Güter suchen.

Beeinflusst die Ideologie des Enverismus noch immer die albanische Gesellschaft?

Floreta Kertusha: Die Ideologie ist heute natürlich total diskreditiert. Albanien ist heute ein Teil der internationalen Staatengemeinschaft, Mitglied der westlichen Verteidigungsallianz NATO und bemüht sich um einen Beitritt zur Europäischen Union. Es gibt keine deklarierten Anhänger des Enverismus in einem politischen Amt.

Welche Perspektive stellt Europa bzw. die Europäische Union für Albanien dar?

Floreta Kertusha: Albanien verfolgt seit einigen Jahren das ausdrückliche Ziel, Mitglied der Europäischen Union zu werden. Das Land erhält bereits seit 1999 im Rahmen verschiedener Programme finanzielle Unterstützung seitens der EU. 2009 hat sich Albanien offiziell um die Aufnahme in die Union beworben und hofft seit damals auf die Zuerkennung des Kandidatenstatus. Zuletzt stand die Entscheidung darüber im Oktober 2011 auf dem Programm, wurde aber aufgrund der Wirtschaftskrise verschoben. Albanien muss natürlich auch noch viele Vorgaben erfüllen, der Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität gehören sicherlich zu den wichtigsten. Generell ist die wirtschaftliche Entwicklung aber positiv, das attestiert uns auch die EU.

Belina Bedini: Und das sieht man auch daran, dass heute bei weitem nicht mehr so viele junge Menschen auswandern wie noch vor 15 Jahren. Im Gegenteil: Es kommen manche wieder zurück, um sich mit dem im Ausland verdienten Geld eine Existenz in Albanien aufzubauen.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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Forum

 
  • Zivilschutz

    karl273, vor 178 Tagen, 4 Stunden, 53 Minuten

    Der Bau von Bunkern, die Tests, wie die Menschen auf einen Angriff reagieren würden, und wie schnell sie in den Bunkern wären, das nennt man Zivilschutz.

    Zivilschutz ist eine friedliche und defensive Verhaltensweise, die auch bei zahlreichen anderen Katastrophen nützlich sein kann.

    Leider wird bei uns der Zivilschutz sträflich vernachlässigt.

    Man baut sogar Hochhäuser mit riesigen Glasflächen, die bei der kleinsten Explosion einen verheerenden Splitterregen liefern würden.

    • iggi, vor 177 Tagen, 10 Stunden, 8 Minuten

      zivilschutz ist in erster linie privatsache. jeder kann sein eigenes niveau an sicherheit gestalten: von der wahl des kontinents in dem man lebt, ueber berufliche und sonstige fertigkeiten die man besitzt, wie man sein vermoegen anlegt, nahrung, wasser und unterkunft sicherstellt, wie man lokal anderen hilft und sich verbuendet, bis zur bewaffneten selbstverteidigung.

      allzu umfangreich ausgebauter und allzu straff durchgefuehrter staatlicher zivilschutz artet mir zu leicht in paramiltaerischem kontrollmechanismus aus mit dem man die bevoelkerung auf kommando in lager treiben kann.