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Ist Ignoranz wichtig für die Demokratie?

Der mündige und informierte Bürger ist Grundlage jeder funktionierenden Demokratie, so die gängige Annahme. Eine Studie besagt hingegen: Unwissende, interesselose Individuen sind ebenso wichtig für den demokratischen Konsens.

Gruppendynamik 16.12.2011

Aus der Beobachtung von Fischgruppen und aus mathematischen Modellen schließen die Forscher um Iain D. Couzin von der Princeton University, dass Ignoranz hilfreich ist, wenn es etwa darum geht, extreme Randgruppen in Schach zu halten.

Schwieriger Konsens

Die Studie in "Science":

"Uninformed Individuals Promote Democratic Consensus in Animal Groups" von Iain D. Couzin et al.

Schon für den einzelnen ist es oft schwer, Entscheidungen zu treffen. Noch schwieriger ist dies in größeren sozialen Gruppen, wie ein Blick auf das tagespolitische Geschehen verdeutlicht. Unterschiedlichste Interessen prallen aufeinander und wollen unter einen Hut gebracht werden. In der Regel entscheidet die Mehrheit, zumindest in allen demokratischen Gesellschaften.

Für einen allgemein zufriedenstellenden Konsens sollten die Wahlberechtigten so gut wie möglich über die Sachlage informiert sein - so besagt es eine zentrale demokratiepolitische Grundannahme. Denn nur so sind sie immun gegenüber gezielter Manipulation, beispielsweise seitens extremer politischer Gruppierungen. "Üblicherweise geht man davon aus, dass uninformierte Individuen extremen Positionen zum Durchbruch verhelfen könnten", so Couzin.

Welche Rolle das Vorwissen in diesem Prozess tatsächlich spielt, haben die Forscher nun im Rahmen von Modellen und Experimenten untersucht. Anders als bei echten Wahlen gab es dabei immer nur zwei Optionen, die Position der Mehrheit und eine Minderheitsposition. Eine im Vergleich zur Realität etwas vereinfachte Anordnung, aus der Sicht der Wissenschaftler aber ausreichend, um die zugrundeliegende Gruppendynamik nachzuvollziehen.

Uninformierte folgen der Mehrheit

Die Experimente führten die Forscher mit Fischschwärmen durch, welche ähnlich wie menschliche Gesellschaften manchmal kollektive Entscheidungen treffen müssen. Die Tiere des Spezies Notemigonus crysoleucas bevorzugen tendenziell die Farbe Gelb, sie signalisiert Essbares. Dennoch wurde ein Teil des Schwarms mit Hilfe von Futter darauf trainiert, Richtung Blau zu schwimmen. Eine weitere kleinere Teilgruppe wurde darauf konditioniert, ihrer natürlichen Bestimmung - also Gelb - zu folgen. Steckte man die beiden zusammen, dominierte das stärkere Bedürfnis der "gelben Minderheit" das Kollektiv.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtet auch Wissen aktuell am 16.12. um 13:55.

Gesellten sich allerdings Fische ohne Vortraining - mit anderen Worten: die Uninformierten - zu der Gruppe, setzte sich die blaue Mehrheits-Präferenz durch. "Es ist ein menschliches Konstrukt zu denken, es sei in jedem Fall besser, gut informiert zu sein", so Couzin. Biologisch oder evolutionär betrachtet sei dieser Zustand - wie es aussieht - manchmal ebenso nützlich, unter bestimmten Umständen könnte er auch das Überleben sichern.

Im Unwissen für die Mehrheit

Mathematische Modelle, die soziale Prozesse in menschlichen und tierischen Gruppen simulieren, kamen zu dem gleichen Ergebnis wie die Fischexperimente: Gibt es ausschließlich eine Mehrheit mit einer bestimmten Präferenz und eine Minderheit mit einer deutlich ausgeprägten bzw. radikalen Überzeugung, setzt sich in der Regel die kleinere Gruppe durch. Erst wenn eine dritte, gewissermaßen neutrale Fraktion dazu kommt, behält die Mehrheit die Oberhand.

Genau dieser Punkt macht die Studie tatsächlich interessant. Denn eigentlich wäre es ohnehin erwartbar, dass sich die Mehrheitsmeinung durchsetzt. Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall, wenn es extrem überzeugte Minderheiten gibt. Nur wenn eine uninformierte Gruppe als Zünglein an der Waage ins Spiel kommt, gibt es einen Konsens zugunsten der Mehrheit. Den Forschern zufolge reichen ein paar Uninformierte, die radikale Minderheit an der Kontrolle zu hindern. Zu viele dürften es allerdings auch nicht sein, denn dann funktioniert die Gruppe nicht mehr und statt Konsens entsteht Chaos.

Ignoranz gegen Radikalität

Der Umstand lässt sich laut Ko-Autor Donald Saari auch in der Politik beobachten. So gelänge es etwa kleinen radikaleren Gruppierungen bei "unwichtigen" Wahlen, wie den "Midterm elections" oder den "Primaries" in den USA regelmäßig recht erfolgreich zu sein. Denn meist gingen vor allem die politisch wirklich Interessierten hin. Bei entscheidenderen Wahl, wie etwa bei der Präsidentschaft, schwindet ihr Einfluss, da auch weniger engagierte Personen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.

Den Autoren zufolge kann die Überzeugungskraft von radikalen Minderheiten sehr stark sein, sodass sie selbst Anhänger der Mehrheitsmeinung ins Schwanken bringen oder gar auf ihre Seite ziehen können. Und diesen Einfluss können uninformierte bzw. ignorante Individuen am besten abfedern, mehr oder weniger emotionslos richten sie sich einfach nach der numerischen Mehrheit.

Natürlich handelt es sich laut den Forschern bei den Modellen um eine grobe Vereinfachung der Realität. Dennoch sind sie überzeugt, dass die überraschenden Ergebnisse zugrundeliegende Entscheidungs-mechanismen zeigen: "Das Gegengewicht zu radikalen Randgruppen kommt offenbar von jenen, von denen man es am wenigsten erwartet: von den Unwissenden", so Couzin.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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Forum

 
  • dieser mechanismus dürfte aber auch umgekehrt funktionieren

    albundyfan, vor 988 Tagen, 9 Stunden, 11 Minuten

    nicht immer muß doch die meinung der minderheit die ethisch schlechtere gegenüber der mehrheit sein.

    somit verhilft die schweigende mehrheit dann in dem fall, daß ein unterdrückendes regime an der macht bleibt....dafür gibt es zahlreiche beispiele.

  • Es ist eine Sache die Fakten wissenschaftlich zu ermitteln...

    außerirdischer, vor 988 Tagen, 10 Stunden, 57 Minuten

    ...und eine andere Sache diese Fakten zu interpretieren.

  • So wie es da steht,

    regow, vor 988 Tagen, 12 Stunden, 5 Minuten

    lese ich zwischen den Zeilen die eigene Ignoranz und Unbeweglichkeit der Autoren.
    Wenn Minderheitsmeinungen automatisch als radikal dargestellt werden.