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Menschen im digitalen Datenstrom.

Sprache: Das Echo der Macht

US-Forscher haben ein Computerprogramm vorgestellt, das Macht aus Sprache destilliert: Wer Redeweisen unbewusst von anderen übernimmt, liegt in der Hackordnung - statistisch - im Hinterfeld.

Algorithmus 30.12.2011

Wenn Jon Kleinberg einen neuen Algorithmus vorstellt, dann sollte man mit Langzeitfolgen für die Online-Welt rechnen. Der Computerwissenschaftler von der Cornell University war einer der ersten, der die Linkpopularität als Bewertungskriterium für die Internetsuche vorgeschlagen hat. Larry Page und Sergey Brin haben eine Variante dieser Idee Ende der 90er für ihre Suchmaschine Google verwendet - höchst erfolgreich, wie man heute weiß.

Google ist ein Weltkonzern und Kleinberg beschäftigt sich mittlerweile mit ganz anderen Themen. Etwa der Frage, ob soziale Hierarchien an der Sprache ablesbar sind. "Wir zeigen, dass sich die Macht durch subtile Echos jenes Sprachstils zeigen, den ihr Gesprächspartner pflegt", schreiben er und seine Kollegen in einer aktuellen Studie.

Statistik mit Funktionswörtern

Das wohl wichtigste Wort in diesem Satz: "subtil". Denn dass Menschen dazu neigen, die individuelle Ausdrucksweise ihres Gegenübers zu übernehmen, ist in der Linguistik respektive Psychologie ein alter Hut. Und dass dieser Effekt nicht unabhängig von Rang und Status sein könnte, wurde ebenfalls schon öfters vermutet. Die Frage ist nur, ob dieser Effekt auch durch formale Methoden fassbar ist.

Kleinberg richtete jedenfalls sein Augenmerk auf Wörter, die man eher nicht mit "Sprachstil" in Verbindung bringen würde; Funktionswörter, die ein grammatikalisches Gerüst für das Gesagte bieten, selbst aber kaum Bedeutung tragen: also etwa Artikel, häufige Adverbien, Präpositionen - Wörter wie der, die, das, sich, für, aber, und, so, weiter.

Das Echo schallt von unten

Um diesen Ansatz zu testen, durchforstete Kleinberg mehr als 300.000 Diskussionsbeiträge, und zwar sowohl geschriebene als auch gesprochene. Erstere stammten aus den Editorenseiten der englischen Wikipedia, bei letzteren handelte es sich um Abschriften von Verhandlungen am U.S. Supreme Court.

Wie Kleinberg in seiner Studie zeigt, lassen sich sprachliche Echos tatsächlich anhand unbedeutender Wörter festmachen. Er schreibt: "Wenn sie mit jemanden kommunizieren, der eine Menge Artikel verwendet, dann werden sie diese Wörter ebenfalls häufiger verwenden. Auch dann, wenn sie das gar nicht bewusst tun."

Nur hat der Effekt eine Schieflage: Auf den unteren Sprossen der Hierarchieleiter ist er am stärksten, weiter oben wird er immer schwächer. Wikipedia-Administratoren übernahmen laut Kleinberg viel seltener das Sprachmuster von Nicht-Administratoren als es umgekehrt der Fall war. Und am Obersten Gerichtshof der USA (wo Hierarchien noch ausgeprägter sind) war es ebenso: Das Echo schallte vor allem von unten nach oben, seltener jedoch in die Gegenrichtung.

Kommt PowerRank?

Mögliche Konsequenzen: Man könnte mit dieser Methode Ranglisten von Bloggern, Tweets und Facebookseiten erstellen. Man könnte mit ihrer Hilfe auch Gerichtsverhandlungen, Interviews und öffentlichen Debatten analysieren.

Und wie zu erwarten gäbe es auch Anwendungen, die der Privatsphäre nicht gerade zuträglich wären. Unternehmen könnten etwa den Einfluss ihrer Mitarbeiter bewerten, indem sie den Kleinberg'schen Algorithmus über deren Emailverkehr laufen ließen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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