
Social Networks in Byzanz
Ein junges Team vom Institut für Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat dafür neue Methoden erprobt und weiterentwickelt, wie Johannes Preiser-Kapeller in einem Gastbeitrag schreibt.
Die Rolle und Analyse von modernen Social Networks
Von Johannes Preiser-Kapeller

Zur Person:
Johannes Preiser-Kapeller, Jahrgang 1977, hat Byzantinistik und Neogräzistik studiert und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er hat am FWF-Projekt "Edition des Patriarchatsregisters von Konstantinopel, Bd.V/VI", sowie an der Neuedition der "Regesten der Kaiserurkunden des oströmischen Reiches" (2009) mitgewirkt und ist Verfasser mehrerer Studien zur Byzantinischen Kirche und Gesellschaft.
Das Projekt zur Analyse des byzantinischen Adels wird vom Wissenschaftsfond FWF finanziert (Projekt P22269).
In den letzten beiden Jahrzehnten boomte die Untersuchung von Netzwerken in vielen Bereichen der Natur- und Sozialwissenschaften, nicht zuletzt aufgrund der Expansion des Internets (als Netzwerk par excellence) und der das Internet nutzenden Social Networks wie Facebook oder Twitter. Durch die Analyse solcher riesigen Geflechte mit Millionen von Usern konnten viele neue Erkenntnisse über den Charakter sozialer Netzwerke gewonnen werden.
So verteilt sich die Anzahl von Verbindungen innerhalb solcher Netzwerke nicht gleichmäßig auf alle Mitglieder, sondern zum Teil höchst ungleich zwischen zentralen und peripheren Knotenpunkten. Gleichzeitig verknüpfen besonders gut vernetzte Akteure einzelne dichte Cluster, in denen Knoten allesamt untereinander verbunden sind, und sorgen so dafür, dass ein Netzwerk nicht in seine Komponenten zerfällt und gleichzeitig alle Knoten über wenige Zwischenschritte miteinander verbunden werden können (das Modell einer „Small World").
Byzanz als vernetzte kleine Welt
Auch für Netzwerke, die auf der Grundlage von byzantinischen Quellen modelliert wurden, konnten ähnliche Charakteristika wie für moderne Netzwerke beobachtet werden; so gliederte sich etwa die byzantinische Elite im 14. Jh. in Cluster adeliger Familien, zwischen denen einige prominente Aristokraten als Mittelsmänner fungierten und die aus dieser Position Einfluss und Macht ziehen konnten.

Young Science:
Der Text ist Teil des Projektes Young Science, im Zuge dessen Gastbeiträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen werden. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Ö1/science.ORF.at und der Akademie der Wissenschaften.
Auch innerhalb des Geflechts der in der Synode interagierenden Bischöfe wurden deutliche Unterschiede in der Zahl der Verknüpfungen und der Relevanz für den Zusammenhalt des Netzwerkes sichtbar. Doch lässt sich ebenso beobachten, dass selbst in einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft wie Byzanz die sozialen Netzwerke dicht geknüpft waren und in dieser "small world" auch ein Bauer in einem Dorf über wenige zentrale Knoten einen theoretischen Pfad bis zum Kaiser in der Hauptstadt Konstantinopel finden konnte.
Von der Urkunde zum Netzwerk
Obgleich es im Byzantinischen Reich (ca. 300-1453) noch keine modernen, sozialen Medien gab, lässt sich auch hier eine Vielzahl von sozialen Verknüpfungen zwischen Individuen und Gruppen beobachten. Insbesondere für die spätbyzantinische Zeit (1204-1453) blieben relativ viele Quellen zu politischen, wirtschaftlichen, kirchlichen oder kulturellen Vernetzungen erhalten. Eine der wichtigsten Sammlungen von Urkunden stellt das in zwei Handschriften in der Österreichischen Nationalbibliothek erhaltene Patriarchatsregister von Konstantinopel (PRK) dar. Es handelt sich dabei vor allem um Beschlüsse des Patriarchats sowie der Synode, der Versammlung der Bischöfe, von Konstantinopel.

Die Analyse dieser wertvollen Quellen ist ein Langzeitprojekt des Instituts für Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Aufgrund der Fülle an Personen, die in den historischen Texten erwähnt werden, erprobten meine Kollegin Ekaterini Mitsiou und ich neue quantitative Methoden zur Erfassung und Analyse der sozialen Beziehungsgeflechte.
Mathematik und Geschichte - Soziale Netzwerkanalyse
Internetlinks:
Die Netzwerkanalyse wurde ursprünglich in den Sozialwissenschaften entwickelt, aber wird schon seit Jahrzehnten auch für die Untersuchung historischer sozialer Strukturen eingesetzt. Moderne Software-Tools, die von den Wiener Byzantinisten getestet wurden, ermöglichen es, noch leichter als früher, Personen und soziale Beziehungen als Knoten und Kanten in ein Netzwerkmodel einzubauen und die Position von Individuen oder Gruppen bzw. die Beziehungsdichte und -charakteristika des gesamten Netzwerkes zu analysieren.
Obwohl diese Computerprogramme den Dateninput erleichtern, bleiben der mathematische Aufwand und der notwendige Grad der Abstraktion, um Quellentexte in Netzwerkmodelle umzuwandeln, beträchtlich. Gleichzeitig ist es aber leichter, den Bezug zwischen Quelleninformation und ihrer Repräsentation im Modell nachzuvollziehen als für andere quantitative Methoden. Theoretisch könnte in den Netzwerkvisualisierungen jeder Knoten (Individuum) und jede Kante (Beziehung) so wie in anderen Rekonstruktionen historischer Verhältnisse mit einer Fußnote versehen werden, die die zugrundeliegende Informationsquelle angibt.
Die Komplexität der Geschichte
Die Netzwerkanalyse ermöglicht es, durch Kombination der in verschiedenen Quellen verstreuten Information die Komplexität sozialer Verflechtungen in einer mittelalterlichen Gesellschaft zu rekonstruieren. Jene Verteilungsmuster der Anzahl der Verknüpfungen innerhalb der Knoten, die für moderne Netzwerke als Resultat der vielen Interaktionen innerhalb solcher Geflechte identifiziert werden konnten, können auch für größere Netzwerke in Byzanz beobachtet werden.

Mittlerweile hat das Wiener Team durch Kooperationen mit Komplexitäts-Forschern Methoden entwickelt, die die Analyse von Netzwerken auch in ihrer zeitlichen Veränderung ermöglichen; ebenso wird in Zusammenarbeit mit dem historischen Geographen Mihailo Popović von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die räumliche Dimension sozialer Verflechtungen erfasst.
In der Kombination all dieser Aspekte soll eine neue Analyse der Wechselwirkungen zwischen Raum und Gesellschaften für das byzantinische Mittelalter im östlichen Mittelmeerraum erarbeitet werden, die auch Relevanz für vergleichbare moderne Phänomene beanspruchen kann.


