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Suppenschildkröte unter Wasser

D. Brumbaugh, CBC-AMNH

Warmes Wasser macht den Frauenheld

Hohe Temperaturen im Mittelmeer verschieben das Geschlechterverhältnis von Suppenschildkröten. Auf fünf Männchen kommen mancherorts 95 Weibchen. Erstere scheint es nicht zu stören: Sie geben den Meerescasanova.

Schildkröten 25.01.2012

Die Chromosomenlotterie, derer sich der Mensch und viele andere Säugetiere bedienen, ist nicht die einzige Möglichkeit, um das Geschlecht des Nachwuchses zu bestimmen. Reptilien etwa setzen statt der Gene auf die Temperatur. Die im Mittelmeer beheimatete Suppenschildkröte bringt bei 29 Grad gleich viele Söhne und Töchter zur Welt.

Darunter verschiebt sich das Verhältnis zu männlichem Nachwuchs, darüber zu weiblichem. Angesichts steigender Meerestemperaturen, ausgelöst durch den Klimawandel, ist eher letzteres der Fall - und das kann durchaus Gefahr für die ansässigen Populationen bedeuten.

Denn je stärker sich die Waagschale in Richtung eines Geschlechts neigt, desto weniger Partner sind für das andere verfügbar. Der amerikanische Genetiker Sewall Wright hat in den 1930er-Jahren eine Berechnungsmethode vorgestellt, die solche Schieflagen in Zahlen fasst.

Sind von 100 Schildkröten 95 weiblich, dann schrumpft die Population - genetisch betrachtet - um vier Fünftel: sie entspricht 19 Schildkröten mit ausgewogenem Geschlechterverhältnis. Die Folge: kaum genetische Variation, Mangel an Anpassungsfähigkeit, im Extremfall könnte gar das Aussterben der Population drohen.

Tour der Liebe: Von Zypern bis Ägypten

Studien:

"Turtle mating patterns buffer against disruptive effects of climate change", Proceedings of the Royal Society B online (doi: 10.1098/rspb.2011.2285).

"Reduced metabolic rate and oxygen radicals production in stored insect sperm", Proceedings of the Royal Society B online (doi: 10.1098/rspb.2011.2422).

Zwei frisch geschlüpfte Suppenschildkröten im Sand
Frisch geschlüpfte Suppenschildkröten

Annette Broderick hat nun so einen Fall bei Suppenschildkröten im nördlichen Zypern untersucht. Der Anteil der neugeborenen Weibchen liegt zwischen 86 und 96 Prozent, Männchen sind in dieser Region Mangelware. Daher war die Biologin von der University of Exeter durchaus überrascht festzustellen, dass sich dieses Verhältnis nicht bei den Nachkommen (bzw. deren Genen) widerspiegelt.

Die hatten pro Brut (naturgemäß) eine Mutter, aber deutlich mehr Väter, nämlich im Durchschnitt 1,4. Offenbar kam es in der zypriotischen Schildkrötenkolonie zu wiederholten Mehrfachbesamungen.

Broderick hat im Rahmen ihrer Studie auch Männchen mit Satellitensendern bestückt und deren Wege im Mittelmeer dokumentiert. Ein Männchen schwamm beispielsweise innerhalb einer Saison von Zypern an die türkische Küste, wanderte von dort über Syrien und Libanon nach Israel um die Reise in Ägypten zu beenden.

Die Route war durchaus taktisch gewählt, auf dem Weg passierte das Männchen mehr als ein Dutzend bekannter Brutkolonien, gut möglich, dass es bei jeder mehrmals seinen Samen hinterlassen hat. Broderick und ihre Mitarbeiter vermuten jedenfalls, dass die Männchen auf den Weibchenüberschuss reagieren und ihr Heil in der Promiskuität suchen.

Sperma in petto?

Theoretisch könnten auch die Weibchen für die vielfache Vaterschaft ihrer Kinder verantwortlich sein. Möglicherweise haben sie Spermien von Paarungen aus dem letzten Jahr aufbehalten und für die aktuelle Brut verwendet. Bei Zierschildkröten wurde so ein Verhalten bereits nachgewiesen, die Beständigkeit der Spermien dürfte kein besonders großes Problem sein.

Wie eine aktuelle Studie zeigt, bleiben sie durch spezielle Anpassungen haltbar: In Warteposition drosseln Spermien ihren Stoffwechsel und verhindern die Entstehung schädlicher Radikale. Das hält frisch sowie die Chancen beim nächsten Ausscheidungsrennen hoch - sofern es eines gibt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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